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Zerfließende Euromünze

boerse.ARD.de erklärt Inflation: Die Urangst der Deutschen

Stand: 25.02.2015, 15:16 Uhr

Wenn die Preissteigerung über die von der Europäischen Zentralbank angestrebte Marke von 2,00 Prozent klettert, macht sich Angst breit. Davon ist die Eurozone derzeit zwar weit entfernt, doch die Angst vor einer Rückkehr der Inflation bleibt. Doch was ist das eigentlich, Inflation?

Der frühere Bundesbankpräsident Otmar Emminger hat einmal gesagt, die Inflation sei die unsozialste aller Steuern, weil sie die Kaufkraft der Bürger zerfrisst. Andere Experten haben sie mit einer Nymphe verglichen, die sich nicht mit einem leichten Flirt begnügt, sondern wie schleichendes Gift permanent an den Einkommen und Ersparnissen zehrt.

Tatsächlich reagiert in Europa und wahrscheinlich in der gesamten westlichen Welt kein Volk so empfindlich auf steigende Preise wie die Deutschen. Das hängt mit den schmerzlichen Erfahrungen der Vergangenheit zusammen. In den zwanziger Jahren stürzte die Hyperinflation Millionen Menschen in die Armut. Der Preis für ein Pfund Butter stieg auf unvorstellbare vier Billionen Mark. In Berlin kostete am 3. Januar 1923 ein Kilo Roggenbrot noch 163 Mark und ein Kilo Rindfleisch 1.800 Mark. Am 19. November 1923 lagen die korrespondierenden Preise bei 233 Milliarden Mark und bei vier Billionen 800 Milliarden Mark. Ein US-Dollar kostete im Mai 1923 im Monatsdurchschnitt 47.670 Mark, am 20. November dann 4.200.000.000.000 Mark.

Und nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhren die Bürger erneut, welch verheerende Folgen eine Geldentwertung hat. Seitdem sei die Inflationsangst fest in den Gencode der Deutschen eingepflanzt, urteilte einmal der "Spiegel".

Signifikant steigendes Preisniveau

Eine Teuerungsrate von gut 2,00 Prozent gilt nach der gängigen volkswirtschaftlichen Lehre noch nicht als Inflation. Von Inflation (aus dem Lateinischen inflare, "sich aufblasen, aufschwellen") sprechen die Ökonomen erst dann, wenn das Preisniveau andauernd und signifikant steigt, beziehungsweise wenn das vorhandene Geldvermögen über längere Zeit kontinuierlich entwertet wird. Durch die Inflation sinkt also der Wert des Geldes, folglich schwindet seine Kaufkraft.

Wohlverhalten und Disziplin der öffentlichen Haushalte sowie mäßige Lohnabschlüsse können dazu beitragen, die Inflation in Grenzen zu halten - bei gegenteiligem Verhalten können sie die Geldentwertung ankurbeln. Nach Ansicht des von vielen Notenbanken anerkannten US-amerikanischen Volkswirts Milton Friedman ist Inflation nämlich "stets und überall" ein monetäres Phänomen, das über die Menge des in einem Währungsgebiet verfügbaren Bargeldes reguliert und gegebenenfalls bekämpft werden kann.

Die Krux mit der Geldmenge

Nach diesem Ansatz besteht zwischen dem Verhältnis von Geld- und Gütermenge auf der einen und dem Preisniveau auf der anderen Seite ein proportionaler Zusammenhang, so dass ein Anstieg der Geldmenge zu einem Anstieg der Preise führen kann. Diese sogenannte Quantitätstheorie ist allerdings in den vergangenen Jahren immer stärker in die Kritik geraten, hat doch die gewaltige Ausdehnung der Geldmenge im Zuge der jüngsten Finanzkrise bisher nicht zu einem nennenswerten Anstieg der Verbraucherpreise geführt.

Gemäß einer anderen Theorie kommt Inflation auch dann zustande, wenn die gesamtwirtschaftliche Nachfrage über das verfügbare Angebot von Gütern hinausgeht. Durch Angebotslücken oder einen Nachfrageüberhang kommt es dabei zu einem Anstieg der Preise. Die Ursachen für dieses Phänomen sind verschieden. Eine Verringerung der Sparquote oder höhere Rohstoffpreise gehören ebenso dazu wie eine Ausweitung der Investitionen oder steigende Exporte.

Die Europäische Zentralbank (EZB), die in der Eurozone für stabile Preise sorgen soll, stützt ihre Geldpolitik im Wesentlichen auf die Steuerung der Geldmenge. Parallel dazu beobachtet die Bank auch ein breites Spektrum wirtschaftlicher und finanzieller Indikatoren, allen voran die Lohnentwicklung.

Inflationsrate in der Eurozone

Inflationsrate in der Eurozone. | Bildquelle: EZB, Grafik: boerse.ARD.de

Teuerungsrate sinkt und sinkt

Für die Frankfurter Notenbanker ist Preisstabilität dann gegeben, wenn die Preise pro Jahr um höchstens 2,00 Prozent steigen. Zeichnet sich über eine längere Zeit eine höhere Preissteigerung ab, wird die Notenbank versuchen, mittels einer Anhebung des Leitzinses die Geldmenge zu reduzieren. Mit weniger verfügbarem Geld soll dann die gleiche Anzahl von Produkten gekauft werden. In den ersten Jahren ist das der EZB auch stets gelungen: die durchschnittliche Teuerungsrate in der Eurozone lag knapp unter zwei Prozent. Zuletzt ist der preisanstieg allerdings stetig gesunken. Im Januar ist sie sogar auf minus 0,6 Prozent zurückgegangen, so dass nun die Angst vor einer Deflation umgeht.

Zudem ist die Sensibilität für Preisstabilität relativ neu. In den 1970er Jahren glaubten selbst in Deutschland viele Ökonomen und Politiker, mit etwas mehr Inflation die Wirtschaft beleben und die Arbeitslosigkeit senken zu können. So behauptete der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt 1972, "dass das deutsche Volk fünf Prozent Preisanstieg eher vertragen kann als fünf Prozent Arbeitslosigkeit". Tatsächlich lag die durchschnittliche Teuerungsrate in dieser Zeit höher als in den Jahren seit Einführung des Euro.

"Repräsentativer" Warenkorb

Gemessen wird die Änderung des Preisniveaus mit Hilfe eines breiten und repräsentativen Warenkorbs, weil die Inflationsrate immer auch ein Maß für den Anstieg der Lebenshaltungskosten ist.

Der Warenkorb enthält 750 verschiedene Güter. Dabei entfallen allerdings auf die Immobilienpreise allein rund 30 Prozent des Gewichts. Heizöl und Benzin fließen zwar nur mit 4,2 Prozent in den Warenkorb ein. Weil es sich dabei sowie bei Lebensmitteln um Produkte handelt, die der Konsument häufig kauft, ist die gefühlte Inflation oftmals viel höher als die tatsächliche Preissteigerung - was regelmäßig zu Kritik an der Zusammensetzung des Warenkorbs führt.

lg