Rüdiger Theiselmann

"Die Aufklärung kann Jahre dauern" Wirecard: Müssen Vorstände persönlich haften?

Stand: 30.06.2020, 13:54 Uhr

Können die Vorstände von Wirecard persönlich zur Verantwortung für die finanziellen Verluste gezogen werden, die viele Anleger erlitten haben? Wie groß sind die Chancen auf Schadenersatz? Wir sprechen darüber mit Dr. Rüdiger Theiselmann, Rechtsanwalt und Experte für Manager-Recht.

boerse.ARD.de: Herr Dr. Theiselmann, angesichts der ziemlich beispiellosen Vorgänge im Fall Wirecard fragen sich viele Anleger, ob Vorstände wie Markus Braun oder der verschwundene Jan Marsalek auch persönlich schadenersatzpflichtig sind oder persönlich haftbar gemacht werden können.

Rüdiger Theiselmann: Wirecard hat bereits zugegeben, dass bilanzierte Bankguthaben von 1,9 Milliarden Euro mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen. Es liegt deshalb auf der Hand, dass hier unter anderem das gesetzlich vorgeschriebene Risikomanagement-System versagt hat. Es ist eine Pflichtaufgabe des Vorstands, bestandsgefährdende Risiken frühzeitig zu erkennen und zu handeln. Wenn er diese Pflicht verletzt und sich daraus ein Schaden ergibt, haften alle Vorstandsmitglieder gemeinschaftlich. Der Aufsichtsrat muss kontrollieren, ob der Vorstand seine Pflichten erfüllt. Kann man dem Aufsichtsrat nachweisen, dass er diese Überwachungspflicht verletzt hat, haftet auch er.

boerse.ARD.de: Wer hätte in einem solchen Fall einen Rechtsanspruch? Dürften beispielsweise auch Aktionäre wegen einer Pflichtverletzung klagen?

Theiselmann: Die Haftung wegen eines mangelhaften Risikomanagements oder verletzter Sorgfaltspflichten ist eine reine Innenhaftung, das bedeutet, nur das Unternehmen selbst hat einen Anspruch gegen den Vorstand. Geltend gemacht werden muss dieser Anspruch für das Unternehmen durch den Aufsichtsrat und nun im Fall Wirecard durch den Insolvenzverwalter. Manager haften grundsätzlich nicht gegenüber außenstehenden Dritten und können deshalb von Aktionären nicht direkt verklagt werden.

boerse.ARD.de: Das wird viele Anleger enttäuschen. Aber es gibt auch eine Ausnahme, nicht wahr?

Theiselmann: Die gibt es. Ein Vorstand kann auch im Außenverhältnis für unvollständige oder unrichtige Angaben am Kapitalmarkt haften, und zwar für Schäden bei Aktieninvestments, die sich aus negativen Kursentwicklungen oder aus einem Totalverlust des Anlagekapitals in der Insolvenz ergeben. Dies setzt voraus, dass der Vorstand durch unterlassene Informationen, unzureichende oder irreführende Darstellung der finanziellen Lage des Unternehmens oder durch unterlassene oder verspätete Warnung vor absehbaren Kursverlusten einen Schaden der Aktionäre verursacht hat. Diese Haftung besteht aber nur, wenn jeder betroffene Aktionär nachweisen kann, dass es einen Zusammenhang zwischen individueller Anlageentscheidung und unrichtiger Information gibt.

Markus Braun

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun: Ein Vorstand kann auch im Außenverhältnis haften. | Bildquelle: picture alliance / Peter Kneffel / dpa

boerse.ARD.de: Was sind weitere rechtliche Schwierigkeiten bei der Anspruchsdurchsetzung?

Theiselmann: Im Fall Wirecard wird das Kernproblem darin liegen, dass es zum einen komplexe, international weitverzweigte Unternehmensstrukturen und intransparente Geschäftsverbindungen gibt. Zum anderen wird es wegen der zahlreichen Beteiligten vermutlich Jahre dauern, bis sich aufklären lässt, wer tatsächlich für was verantwortlich gemacht werden kann. Das ist deshalb relevant, weil der Insolvenzverwalter beweisen muss, wer mit welcher konkreten Handlung den Schaden verursacht hat. Und es scheint hier so zu sein, dass nicht eine Person oder der Vorstand allein den Bilanzskandal zu verantworten hat.

boerse.ARD.de: Nehmen wir einmal an, einem Anleger würde der Nachweis gelingen, dass die unrichtigen Informationen kausal für die Anlageentscheidung waren. Das heißt doch noch lange nicht, dass der Schadenersatz auch auf dem Konto landet?

Theiselmann: Weil sich Wirecard sich nun im Insolvenzverfahren befindet, stehen die Eigentümer, und damit leider auch die Privatanleger, an letzter Stelle, wenn es um die Verteilung des Vermögens geht. Selbst wenn Wirecard oder Teile davon verkauft würden, bekämen zuerst die Gläubiger, also die Banken und alle anderen, die Wirecard Geld geliehen haben, ihr Kapital zurück. Erst danach sind die Aktionäre an der Reihe. In aller Regel bekommen sie nichts, weil in einem Insolvenzverfahren selbst die Gläubiger oft nur einen Bruchteil erhalten. Wie zu hören ist, haben die Banken von Wirecard ihre Kredite bereits abgeschrieben. Das bedeutet, nicht einmal sie glauben daran, dass sie etwas bekommen werden.

boerse.ARD.de: Was wäre denn eine typische Verteidigungsstrategie für Vorstand und Aufsichtsrat?

Theiselmann: Der Aufsichtsrat ist ja nicht ins Tagesgeschäft eingebunden, kann dem Vorstand keine Weisungen erteilen und muss sich auf das verlassen, was ihm vorgelegt wird. Er wird vermutlich sagen: Wir kannten keine Details, sind durch den Vorstand getäuscht worden oder man hat uns Informationen vorenthalten. Außerdem dürfte sich der Aufsichtsrat auf den Wirtschaftsprüfer stützen, der ja die Bilanzen der Vorjahre für einwandfrei befunden hatte. Der Vorstand wiederum wird möglicherweise sagen: Wir haben alles richtig gemacht, externe Berater und Dienstleister eingeschaltet und durften auf diese vertrauen, auch wir sind getäuscht worden.

Wirecard Zentrale

Wirecard-Zentrale: Wer kannte die Details?. | Bildquelle: picture alliance / Sven Hoppe / dpa

boerse.ARD.de: Könnte im Fall Wirecard die Managerhaftpflicht-Versicherung einspringen?

Theiselmann: Ja, im Fall Wirecard wird die sogenannte D&O-Versicherung eine Rolle spielen. Diese Managerhaftpflicht ist aber zum einen von der Höhe her gedeckelt. Im Fall Wirecard sollen es angeblich 125 Millionen Euro sein, was sicherlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein wäre. Zum anderen zahlt die Versicherung nicht, wenn der Vorstand eine Straftat begangen haben sollte. In diesem Fall droht den verantwortlichen Managern möglicherweise sogar die Privatinsolvenz.

boerse.ARD.de: Was sollten Privatanleger tun, die sich für anspruchsberechtigt halten?

Theiselmann: Wenn sich Privatanleger als Geschädigte sehen, können sie mithilfe spezialisierter Anwaltskanzleien ihre Ansprüche geltend machen. Wie zu hören ist, werden dabei momentan verschiedene Richtungen verfolgt: Neben dem Unternehmen und seinen Managern geht es auch gegen den Wirtschaftsprüfer und die Finanzaufsicht. Welcher Weg erfolgversprechend ist, sollte ein Privatanleger mit dem Anwalt besprechen. Klar ist aber auch: Das kostet zunächst Geld und wird Jahre dauern, wenn denn letztlich überhaupt Geld fließt.

Das Gespräch führte Thomas Spinnler.