Wie Ratingagenturen vorgehen

Stand: 15.03.2012, 14:58 Uhr

Sie gebärden sich als neutrale Wächter der Kapitalmärkte, doch die Methoden der Ratingagenturen sind wenig transparent und umstritten. Eine Bestandsaufnahme.

Mit Unternehmern und Bankern liegen sie schon lange im Clinch. In der Schuldenkrise haben sich die Ratingagenturen auch den Zorn der Politiker zugezogen. Meist kurz vor einem wichtigen Treffen der Staats- und Regierungschefs stuften sie die Kreditwürdigkeit von Eurostaaten herab, statt das Ergebnis der Konferenz abzuwarten.

Das nervt die Betroffenen umso mehr, als die Agenturen ihren einstigen Nimbus der Unfehlbarkeit längst verloren haben. So stand beispielsweise Island 2008 nach dem Kollaps seines Bankensektors kurz vor dem Staatsbankrott. Dabei war noch wenige Monate zuvor von der Agentur Moody's mit der Höchstnote AAA bewertet worden. Die seit 2006 zirkulierenden Gerüchte um mögliche Probleme der Banken des Landes hatte die Agentur schlicht ignoriert.

Zuvor hatten die Bonitätswächter bei dem US-Energiehändler Enron sowie bei Lehman Brothers alle Alarmsignale übersehen. Zu gut bewertet waren auch die vielen strukturierten Produkte wie die Kreditverbriefungen, die 2007 und 2008 zur schlimmsten Finanzkrise seit dem zweiten Weltkrieg geführt hatten. Die Agenturen laufen den Ereignissen also meist hinterher, statt frühzeitig auf sie hinzuweisen.

Auch die europäische Schuldenkrise wurde erst zum Thema, als die Probleme bereits für alle Beobachter sichtbar waren. Kritiker wie Thomas Straubhaar, Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Professor der Universität Hamburg, bemängeln besonders die ihrer Meinung nach undurchsichtigen Bewertungskriterien der Ratingagenturen.

Die Eingeweide frisch geschlachteter Rinder

"Besonders störend ist, dass Methoden, Gewichtungsfaktoren und Wahrscheinlichkeiten, die der Benotung zugrunde liegen, als großes Betriebsgeheimnis gehütet werden", schreibt Straubhaar in einem Gastbeitrag für die Zeitschrift "Stern". Und weiter: "Sie bleiben somit für Außenstehende undurchsichtig und damit nicht nachvollziehbar. Es könnte also auch sein, dass die Ratingagenturen schlicht würfeln, oder kritisch die Eingeweide frisch geschlachteter Rinder beäugen". Wie sehr die Ratingagenturen selber ihre Arbeit für Hokuspokus hielten, lasse sich auch daran erkennen, so Straubhaar, dass sie ihre Ergebnisse nicht etwa als "Empfehlung" bezeichnen, sondern lediglich von "Meinungen" sprechen. Auch Banken und Unternehmen liegen mit den Agenturen schon lange im Streit. Unberechenbarkeit und mangelnde Offenheit haben für viele von ihnen bei den Ratingfirmen System.

"Das Bewertungssystem der Agenturen ist völlig undurchsichtig", urteilt der Finanzchef eines großen Kreditinstituts. "Wir haben keine Chance, genau nachzuvollziehen, wie eine Note zu Stande gekommen ist."

"Kriterien für jedermann einsehbar"

Vorwürfe, die Torsten Hinrichs. Deutschland-Chef der Agentur Standard & Poor's, einer Tochter des börsennotierten US-Konzerns McGraw-Hill, nicht gelten lassen will. Er verweist darauf, dass die von S&P verwendeten Kriterien klar für jedermann auf der eigenen Webseite einsehbar seien. Tatsächlich verweist S&P auf seiner Webseite auf eine Reihe allgemeingültiger Kriterien, die bei der Bewertung der Kreditwürdigkeit eines Unternehmens oder eines Staates berücksichtigt werden.

Um die Kreditwürdigkeit eines Landes zu analysieren, tragen die Ratingagenturen zunächst allgemein zugängliche Daten und Fakten über die wirtschaftliche und haushaltspolitische Lage eines Landes zusammen.

Dabei stellen sie nach Angaben von Standard & Poor's die Haushalts- und Vermögenslage in den Mittelpunkt ihrer Bewertungen. Dazu gehören die Einnahmen und Ausgabenplanung des untersuchten Landes, das Schuldenmanagement, die Höhe der Verschuldung bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt eines Landes und bezogen auf die Einwohnerzahl. Eine Rolle spielen auch andere volkswirtschaftliche Größen wie die Zahlungsbilanz, das Wirtschaftswachstum der letzten fünf Jahre und die Zukunftsperspektive sowie außenwirtschaftliche Belastungen durch Öl- und Energieimporte.

Zahlen vom europäischen Statistikamt

Dabei greifen die Ratingmitarbeiter in Europa gern auf die vom europäischen Statistikamt Eurostat zur Verfügung gestellten Daten zurück. Diese Zahlen werden ergänzt durch den Kontakt mit den Finanzministerien, um die Sachlage zu diskutieren und eventuell neue Fakten zu berücksichtigen. Welche Kriterien zur Anwendung gekommen sind, wird in den Ratingberichten veröffentlicht.

Neben den klassischen Kennzahlen über die Wirtschafts- und Finanzkraft eines Landes fließen auch Angaben zur Geldpolitik und zur Lage der heimischen Geschäftsbanken mit ein. Die Daten werden anschließend in ein sogenanntes Kreditscoring-Modell eingegeben, das anschließend die Kreditwürdigkeit, also das Rating, ermittelt.

Nach Angaben der Kritiker sind die aus den Zahlenreihen gewonnenen Erkenntnisse aber äußerst gering und gehören zum Standardwissen eines jeden Anlegers. Dass die meisten Eurostaaten hoch verschuldet sind, dürfte inzwischen jedem Schüler bekannt sein.

Lesen Sie weiter in Teil 2, welche "weichen" Kriterien in den Ratingprozess einfließen: Auch weiche Faktoren spielen eine Rolle

lg