EZB-Gebäude in Frankfurt

"Panische Suche nach Rendite" Wie gelangt die Geldflut der EZB an die Börse?

von Till Bücker

Stand: 20.07.2020, 16:07 Uhr

Gerade in Krisenzeiten gilt die Geldpolitik als wichtiger Kurstreiber für Aktien. Auch in der Corona-Krise trägt sie ihren Teil zum Aufschwung an der Börse bei. Wir erklären, auf welchen Wegen der Aktienmarkt von den Anleihekäufen der EZB profitiert.

Noch im März steckte der Dax mitten in der Krise. In gerade einmal 28 Tagen hatte er nach dem Rekordhoch im Februar rund 40 Prozent seines Wertes eingebüßt - der schnellste Dax-Einbruch der Geschichte. Es war der Tiefpunkt für den Aktienmarkt.

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr
Kurs
12.645,75
Differenz relativ
+0,82%

Doch dann kam das spektakuläre Comeback. Bis heute ist der Dax wieder um über 57 Prozent nach oben geklettert und wiederum nur etwas mehr als sechs Prozent vom Rekordwert vor der Pandemie entfernt.

So schnell hat sich die Börse in Deutschland noch von keinem Crash erholt. Und das in der schwersten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg mit massenhaft Gewinnwarnungen, gestoppten Produktionen, Exportrückgängen, BIP-Einbrüchen, Millionen Kurzarbeitern und steigenden Arbeitslosenzahlen.

Geldflut für die Märkte

Dazu beigetragen hat die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), da sind sich die Experten weitestgehend einig. Parallel zum Börsenaufschwung beschloss die EZB Mitte März das "Pandemic Emergency Purchase Programme", genannt "PEPP". Dabei handelt es sich nach Angaben der Deutschen Bundesbank um ein "temporäres Ankaufprogramm für Anleihen öffentlicher und privater Schuldner".

Christine Lagarde

Christine Lagarde, EZB-Präsidentin. | Bildquelle: picture alliance/Mikhail Metzel/TASS/dpa

Ursprünglich wollte die Zentralbank so 750 Milliarden Euro für die Rettung der Wirtschaft ausgeben. Anfang Juni stockte sie den Umfang schließlich noch einmal um 600 Milliarden Euro auf 1,35 Billionen Euro auf. Bis mindestens Ende Juni 2021 will die EZB in diesem Rahmen Geld in die Märkte pumpen.

Das Ziel: Die pandemiebedingte Verringerung der Inflation bekämpfen und die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen und private Haushalte verbessern. "Wir sind im Rahmen unseres Mandats entschlossen, das volle Potenzial unserer Werkzeuge auszuschöpfen", betonte EZB-Präsidentin Christine Lagarde.

Finanzierung der Politik

So weit, so gut. Früher hat die EZB den Leitzins verändert, um diesen Zweck zu erreichen. Da er jedoch mittlerweile seit etwa vier Jahren null Prozent beträgt, ist diese Möglichkeit ausgeschöpft. Stattdessen kauft die EZB den Geschäftsbanken und Versicherern am Sekundärmarkt, also an der Börse, Anleihen von Unternehmen und Staaten ab.

Bereits vor der Krise gab es ein ähnliches Programm, das weiterhin läuft. Nun aber wurden sämtliche Grenzen aufgelöst. Die EZB darf komplett frei und flexibel entscheiden, welche Anleihen aus welchen Ländern mit welcher Laufzeit sie kauft. Durch die Bezahlung wird neues frisches Geld geschaffen, was den Banken gutgeschrieben wird. So haben die Geldhäuser mehr Spielraum für eine günstige Kreditvergabe.

Da das Angebot der Anleihen knapper wird, steigen die Kurse, was wiederum die Rendite sinken lässt. Renditen und Kurse entwickeln sich am Rentenmarkt gegenläufig, da sich die Rendite neben der Zinsvergütung aus der Differenz zwischen Kaufkurs und Rückzahlungsbetrag ergibt. Somit sinkt das allgemeine Zinsniveau und Kredite werden günstiger. Im besten Fall werden auf diese Weise Konsum und Investitionen angekurbelt.

"Liquiditäts-Hausse"

Doch was hat das alles mit der Börse zu tun? Warum stiegen die Kurse in den vergangenen Wochen so rasant? "Das Ganze nennt sich Liquiditäts-Hausse", erklärt Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank, im Gespräch mit boerse.ARD.de. Die Dreifaltigkeit aus wachsender Geldmenge, mangelnden Alternativen und dem Kaltstart der Wirtschaft habe die Aktienmärkte nach oben getrieben.

Robert Halver

Robert Halver ist Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. | Bildquelle: Baader Bank

Erstens greift das Notpaket indirekt den kriselnden börsennotierten Unternehmen unter die Arme. Denn diese können sich - wie auch schon vor Corona - günstig refinanzieren. Dazu kommt laut Halver, dass die Geldpolitik derzeit die Finanzpolitik finanziert: "Mit PEPP kauft die EZB die Schulden auf, mit denen die Regierungen über Steuersenkungen oder Kurzarbeitergeld die Konjunktur ankurbeln." Die Staaten könnten ohne Risiko investieren.

Zudem steigt die Nachfrage, da sich auch Privatleute für geringe Kosten Geld von den Banken besorgen können. Das alles steigert die Einnahmen und damit auch die Gewinne - tendenziell positive Aussichten für Wertpapiere. Nicht umsonst wird an der Börse, so sagt man, die Zukunft gehandelt.

Finanzindustrie sitzt auf einer Menge Geld

Zweitens sind die Anlagemöglichkeiten für Investoren bei niedrigen Zinsen begrenzt. "Es gibt eine panische Suche nach Rendite", meint Halver. Liegen die Zinsen bei null, fehle den großen Vermögensverwaltern die Parkmöglichkeiten. Sie würden sich nach Alternativen umschauen und daher dem Aktienmarkt zuwenden.

Drittens steigt die Geldmenge massiv an, da die Finanzindustrie durch den Verkauf der Anleihen im Gegenzug frisches Geld von der EZB bekommt. "Die Banker haben viel Liquidität und brauchen Rendite", so der Experte. Wenn sie Assets an der Börse kaufen, gewinnen deren Kurse zwangsläufig an Wert.

Ist die EZB also verantwortlich für die historisch schnelle Erholung am Aktienmarkt? Halver gibt die klare Antwort: "Ohne die massive Geldpolitik wäre das definitiv nicht geschehen" - und der Dax wäre weiterhin tief in der Krise.