Niemand ist ein Warren Buffett. Außer Warren Buffett Warum das KGV (bei Zyklikern) nichts taugt

von von Angela Göpfert

Stand: 26.08.2015, 11:08 Uhr

Jeder Privatanleger, der glaubt, einen Value-Ansatz zu verfolgen, schaut auf das KGV. Doch bei Zyklikern fliegen Sie mit dieser Strategie voll auf die Nase!

Einfach "billige", "unterbewertete" Aktien mit einem niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) kaufen und abwarten, bis auch der "dumme Markt" das endlich merkt und die Aktie steigt. So macht das Warren Buffett doch auch, oder?

So oder so ähnlich gehen viele Privatanleger beim Aufbau ihres Depots vor. Und begehen dabei große Fehler. Der größte: Zu glauben, man sei klüger als der Markt. Der zweitgrößte: Zu glauben, man sei ein kleiner Warren Buffett. Der drittgrößte: Zu glauben, das KGV sei ein gutes Auswahlkriterium.

Porträt von Warren Buffett vor einem Dollarregen

Warren Buffett hat den Aktiendreh raus. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Falsche Signale

Während die ersten beiden Fehler nicht weiter erklärungsbedürftig sind, dürften viele Anleger beim dritten genannten Fehler aufschrecken: Warum denn nicht? Das KGV ist doch eine wichtige Bewertungskennziffer!

Fakt ist aber: Das KGV greift regelmäßig zu kurz, insbesondere bei Aktien aus Wachstumsbranchen (regelmäßig zu hoch) und bei Zyklikern (regelmäßig zu niedrig). Bei Aktien sehr konjunkturabhängiger Unternehmen, etwa aus den Branchen Bau, Stahl, Maschinenbau oder Auto, sendet das KGV zudem völlig falsche Signale.

Nur optisch billig

Denn zyklische Aktien mit einem niedrigen KGV sind alles, nur nicht "billig". Denn auf dem Höhepunkt des Booms werden die Gewinne der Zykliker einfach in die Folgejahre fortgeschrieben. Das führt zu niedrigen KGVs.

Beginnen dann auch noch die Aktienkurse zu sinken, weil der Markt die sich verschlechternden Perspektiven antizipiert, werden die Aktien auf dem Papier nur noch billiger. Wer jetzt zugreift im Glauben, er mache aufgrund des niedrigen KGVs ein Schnäppchen, greift in ein fallendes Messer.

Der Markt hat immer Recht

Fazit: Die Beliebtheit des KGV als Bewertungskennziffer lässt sich wohl nur durch seine Einfachheit erklären. Als alleiniges Auswahlkriterium taugt sie aber auf keinen Fall!

Besser ist es, auf den Chart zu blicken, der weitaus klarere Signale sendet, ob der Markt gerade an eine Aktie glaubt oder nicht. Und das ist es, worauf es ankommt! Gegen den Markt hat noch kein Anleger Gewinne gemacht.

Alle Kommentare (19)

Kommentar von "Detlev Landmesser" am 27.08.2015, 14:01 Uhr

@chessburger: Da haben Sie schon wieder Recht: Mit solchen Beiträgen werden Sie mich nicht davon überzeugen, dass Sie als Privatanleger dauerhaft den Markt schlagen können. Mir war diese Diskussion dennoch sehr wichtig. Vielleicht macht sie dem ein oder anderen Leser bewusst, dass eine realistische Einschätzung der eigenen Möglichkeiten und ja, auch Demut vor dem Marktkräften Grundvoraussetzungen für den Börsenerfolg sind.

Kommentar von "chessburger" am 27.08.2015, 12:34 Uhr

@Detlev Landmesser "In any sort of a contest-financial, mental or physical-it's an enormous advantage to have opponents who have been taught that it's useless to even try." (Warren Buffett) Meiner Erfahrung nach gibt es nur wenige institutionelle und noch weniger private Anleger, die Geschäftsberichte lesen. Die meisten Fondsmanager lesen nur die Sell-side-Analysen - die aber selten wirklich objektiv sind. Um am 24.8 um 15.30 zu verstehen, dass der amerikanische RSP-Smallcap-ETF (WKN: 675682) nicht 20% weniger wert sein konnte, weil seine Komponenten im Schnitt gleichzeitig höchstens um 10% fielen, brauchte ich kein Insiderwissen. Der Chart aber schrie "VERKAUFEN!!". Eine halbe Stunde später: 25% Gewinn. Aber ich will (und werde) Sie nicht überzeugen. Meinetwegen darf die Republik gerne der Kaffeesatzleserei verfallen. Wenn schon nicht zum Wohle der Allgemeinheit arbeiten Sie wenigstens für solche wie mich! Vielen Dank dafür und weiterhin viel Glück (das Sie brauchen werden).

Kommentar von "Detlev Landmesser" am 27.08.2015, 11:11 Uhr

@chessburger: Ich stimme mit Ihnen überein, dass der Markt keineswegs zu jedem Zeitpunkt "effizient" ist. Aber sofern wir weiterhin darin übereinstimmen, dass die Marktbewertung langfristig die Fundamentaldaten widerspiegelt: Was lässt Sie glauben, dass Sie als Privatanleger vorübergehende Marktineffizienzen besser als andere erkennen können? Glauben Sie ernsthaft, dass das Lesen von Geschäftsberichten dazu befähigt? Meinen Sie nicht, dass viele andere Marktteilnehmer da klar im Vorteil sind? Nein, das bessere Wissen der anderen Marktteilnehmer spiegelt sich über kurz oder lang im Kursverlauf wider - und das ist der Chart. Diese Information ist kostenlos und äußerst wertvoll.

Kommentar von "chessburger" am 26.08.2015, 18:53 Uhr

@Detlev Landmesser: "Das Problem ist nur, dass der Markt stets besser weiß als der Privatanleger, wie eine Aktie zu bewerten ist." - "Der Markt" weiß gar nichts, sondern die Einzelpersonen, die an ihm teilnehmen wissen oder meinen zu wissen. Darunter sind auch einige Privatanleger, die die Ware lieber prüfen, bevor sie sie bezahlen. Und manchmal entdecken, dass der Markt einen ungerechtfertigten Preis fordert. Das können sie, weil sie sich die Bilanzen angeguckt haben. So einfach ist das. Viele Privatanleger schlagen die Marktrendite um Längen, indem sie eben ihrem eigenen Urteil vertrauen und nicht glauben, dass der Markt sowieso in jedem Moment effizient ist und man nur als Trittbrettfahrer (vielleicht) ein paar Brosamen abkriegen kann.

Kommentar von "Detlev Landmesser" am 26.08.2015, 17:48 Uhr

@chessburger: Vielen Dank für Ihren Beitrag. Jetzt musste ich doch einmal herzlich lachen. Ich stimme mit Ihnen durchaus überein, dass der Markt langfristig den Fundamentaldaten folgt. Das Problem ist nur, dass der Markt stets besser weiß als der Privatanleger, wie eine Aktie zu bewerten ist. Der Kursverlauf ist ja gerade der Ausdruck dieses fundamentalen Wissens. Mit Verlaub, dass der Markt Recht behält, wird er Ihnen sicherlich noch beweisen.

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