Shorties - Die Hyänen der Börse

von Bettina Seidl

Stand: 24.08.2007, 08:30 Uhr

Leerverkäufer können die Kurse von marktengen Werten massiv bewegen. Aber können sie auch ein Unternehmen mit Substanz wirklich in den Keller drücken, wie bisweilen gemutmaßt wird? Nein, meinen Experten.

Shorten ist in den USA schon seit zehn bis zwölf Jahren gang und gäbe. Doch in Deutschland hat die breite Anlegerschar diese Anlagestrategie noch nicht für sich entdeckt. Bei den großen deutschen Banken und Online-Brokern können Investoren ohnehin nur mit den Dax-100-Werten short gehen. Wer kleinere Werte leer verkaufen will, kann dies aber mittlerweile bei Brokern wie bei Etrade oder der auf Heavy-Trader spezialisierten Sino tun. "Bei uns können Sie prinzipiell jeden Wert shorten", heißt es aus beiden Häusern.

Wie funktioniert Shorten - mit und ohne Leihe
Grundsätzlich ist Shorten mit einer vorherigen Aktienleihe verbunden, der Anleger leiht sich also von einem anderen Aktionär dessen Anteilsscheine und zahlt ihm dafür in der Regel eine Leihgebühr. Das ganze Prozedere erledigt seine Bank für ihn. Sie fragt über ihr Leihe-Desk, ob das Papier verfügbar ist. Der Shorty verkauft die geliehene Aktie dann an der Börse. Später kauft er das Papier wieder über die Börse zurück - wie er hofft, zu einem günstigeren Preis - und gibt es an den Verleiher zurück.

Im Daytrading geht Shorten aber auch ohne eine Leihe. Denn der Anleger hat zwei Tage Settlement, wie es heißt, er hat also zwei Tage Zeit, die leer verkaufte Aktie zurückzukaufen. Oft gibt es noch weitere zwei Tage Karenzzeit. Das heißt, der Day-Trader kann mit einer Aktie maximal vier Tage short gehen, ohne das Papier geliehen zu haben.

Kurzfristige Marktmacht
In diesen Tagen werden bei Etrade Aktien wie Asian Dragon verstärkt geshortet. Auch Gulfside Minerals, KMA Global und JSX Energy sind recht populäre Werte. "Meist shorten Day-Trader diese Papiere Intraday und nutzen die Karenzzeiten im Sinne der Haltedauer - unter anderem auch, weil das Leihe-Desk diese Werte für einen langfristigen Short nicht immer verfügbar hat", erklärt Matthias Hach, Niederlassungsleiter von Etrade.

Kurzfristig haben die Shorties bei solch marktengen Werten große Macht: "Leerverkäufer können den Kurs phasenweise massiv beeinflussen", so Hach. Sie könnten tendenziell jeden Wert runterbringen, auch einen mit Substanz. "Aber irgendwann müssen sie ja wieder auf die Kaufseite gehen. Deshalb fehlt ihnen langfristig die Marktmacht."

"Wenn eine Aktie fundamental in Ordnung ist, wird sie auf lange Sicht steigen, da kann kein Shorty gegenhalten", meint auch Thomas Roters, Chefhändler von Sino. "Das würde auch kein Shorty tun", unterstreicht Matthias Schrade von GSC Research. "Stemmt sich jemand gegen den Markt, kann das wirtschaftlich tödlich sein." Der Shorty habe immer das Risiko, auf dem falschen Fuß erwischt zu werden und seine Position nicht schnell genug schließen zu können. Sehr schnell kann er dann weit mehr als seinen Einsatz verlieren.

Netzwerk von Shorties?
Gibt es aber vielleicht diese langfristige Marktmacht, wenn sich mehrere Trader zusammentun? Haben vielleicht gezielte Short-Attacken von Leerverkäufern, wie bisweilen gerade bei Asian Dragon, Gulfside, KMA und JSX behauptet wird, die Aktie ins Tal befördert? "Sicher besteht die Möglichkeit, dass sich eine Gruppe von Daytradern findet und die Kurse vorübergehend drückt", meint Roters von Sino. Aber langfristig schaffen auch eine Gruppe von Shorties das nicht. Der Markt entscheidet, wo der Kurs hingehört.

Schrade von GSC Research sieht das ähnlich: "Wenn der Kurs bei solchen Werten noch Monate später 80 bis 90 Prozent tiefer steht mit weiter abbröckelnder Tendenz, dann haben die Shorties wohl in aller Regel nur zum Platzen der Luftblase beigetragen." Insofern haben Short Seller wohl eher eine reinigende Funktion - ganz ähnlich den Hyänen in der Steppe.

Die Frage bei den vermeintlichen Short-Attacken ist zudem: Wer verkauft denn da? Sind das wirklich die Leerverkäufer? "Viel wahrscheinlicher ist doch, dass es diejenigen sind, die sich zu niedrigen Kursen eingedeckt haben, bevor der Wert zum Kauf empfohlen wurde", so Roters. Die Mär von den bösen Shortys ist denn wohl auch nichts als eine Mär.

Zocker unter sich
Tatsache ist: Am Markt tummeln sich viele Spekulanten. Entsprechend gibt es auch in Aktien-Boards wie Wallstreet-Online genügend Stimmen, die versuchen, den Wert zu bashen oder zu pushen, wie es im Börsen-Jargon heißt. Leider folgen viel zu viele Anleger solchen Tipps ungeprüft.

Gerade bei Börsenbriefen fühlen sie sich sicher. Selbst dann, wenn nur Vermutungen und dünne Fakten als Beleg für die angeblich bevorstehende Kursexplosion geliefert werden. Das kann Etrade-Geschäftsführer Hach im täglichen Geschäft beobachten: "Es ist erschreckend, dass so viele Kunden Börsenbriefen blind folgen. Dabei frage ich mich immer wieder: Wer liest denn so was? Wer kauft denn auf solche Tipps hin?" - Leider viel zu viele.

So kann der Ratschlag nicht oft genug wiederholt werden: Bilden Sie sich Ihr eigenes Urteil, auch wenn eine Aktie in Börsenbriefen empfohlen wird. Nutzen Sie alle verfügbaren Quellen. Prüfen Sie die Finanzkennzahlen. Schauen Sie genau, ob der Explorer sichere Rohstoffreserven hat, oder ob er nur von den guten Chancen spricht, Rohstoffe zu finden. Vorsicht auch vor vollmundigen Superlativen, gerade da schaltet der Anleger nämlich schnell seinen gesunden Menschenverstand aus.

Formulierungen wie "Asian Dragon gehört in jedes Depot" sollten Sie jedenfalls nicht ungeprüft folgen. So mancher himmelstürmende Drache hat sich nämlich schon als Ente entpuppt.