Ratingagenturen - so mächtig und so umstritten

von Angela Göpfert

Stand: 08.07.2010, 11:02 Uhr

Sie heißen S&P, Moody's und Fitch - und sie haben schon einigen Unternehmen und so manchem Staat das Fürchten gelehrt. Das Wort der Ratingagenturen hat an den Finanzmärkten Gewicht, sie sind ungeheuer mächtig. Zu mächtig, finden ihre Kritiker.

Wenn die Ratingagenturen zutreten, gehen Länder wie Unternehmen in Deckung

ratingagenturen schuh ankertext-512.

Dabei ist die Aufgabe der Ratingagenturen klar umrissen: Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen genauso wie von Staaten sowie die Sicherheit von Wertpapieren. Sie signalisieren dem Kapitalmarkt, wie es um die finanzielle Stabilität eines Unternehmens oder eines Staates bestellt ist und wie groß das Ausfallrisiko für ein Wertpapier ist.

Ratings haben einen direkten Einfluss darauf, zu welchen Konditionen sich ein Schuldner Kapital verschaffen kann: Je schlechter die Bonitätsnote, desto höher der Zins, mit dem der Emittent die Anleihekäufer für das Ausfallrisiko entschädigen muss.

Gefährlicher Teufelskreis

Entsprechend haben Neubewertungen des Ratings für den betroffenen Schuldner weitreichende Konsequenzen. Bei einem "Downgrade", einer Herabstufung des Ratings, steigen die Kapitalkosten. Das macht wiederum unter Umständen eine höhere Neuverschuldung des Landes/Unternehmens zur Zinstilgung nötig - und zieht damit im schlimmsten Falle ein weiteres Downgrade nach sich.

Hinzu kommt, dass viele Investoren wie etwa Pensionskassen oder Investmentfonds häufig dazu verpflichtet sind, nur Anleihen von Schuldnern mit "Investment Grade" zu kaufen. Eine Herabstufung eines Landes beispielsweise auf Ramschniveau führt damit häufig zwangsweise zum massiven Verkauf der zugehörigen Staatsanleihen und damit zu steigenden Renditen. Was die einzelnen Ratings und Ratingklassen genau bedeuten, erfahren Sie hier: Ratings: Mehr als nur eine Buchstabensuppe.

Sündenfall Finanzkrise

Traditionell dominieren Standard & Poor's (S&P) und Moody's Investor Service den lukrativen Ratingmarkt, ein aufstrebender Konkurrent ist Fitch Ratings. Dieses Oligopol sichert den "Big Three" einen Marktanteil von bis zu 95 Prozent und garantiert ihnen hohe Gewinnmargen.

Die Dominanz der drei großen Ratingagenturen ist unter Experten dabei ebenso umstritten wie ihre Vorgehensweise. So hatten Moody's & Co. im Vorfeld und auch noch während der Finanzkrise zahlreiche strukturierte Subprime-Verbriefungen, aber auch Unternehmen wie die Pleite-Bank Lehman Brothers lange Zeit viel zu positiv bewertet. Klagen über die mangelnde Transparenz und Methodik des Ratingprozesses wurden laut, der Ruf der Ratingagenturen litt massiv.

"Die Macht der Ratingagenturen ist in der Finanzkrise deutlich geworden", so der unabhängige Rating-Experte Oliver Everling. Mit ihren zu positiven Bewertungen hätten sie die Anleger weltweit in Sicherheit gewogen und so indirekt zu den Exzessen an den Finanzmärkten beigetragen. In der Finanzkrise hätten die Ratingagenturen "mit ihren Annahmen gründlich daneben gelegen", musste selbst Deven Sharma, Chef von S&P, im Sommer 2010 einräumen. Den drastischen Einbruch des US-Immobilienmarktes habe aber "kaum jemand vorausgesehen".

Umstrittenes Bezahlungsmodell

Wenn sich Spieler ihren Schiedsrichter selbst aussuchen ...

schiedsrichter fußballspieler-2_512.

Kritiker werfen den großen Agenturen darüber hinaus offensichtliche Interessenkonflikte vor, weil sie genau von den Schuldnern bezahlt werden, deren Produkte sie bewerten. In der Fußballersprache ausgedrückt: Die Spieler (Banken) suchen sich den Schiedsrichter (Ratingagentur) selbst aus und bezahlen diesen dann auch noch. Ja, sie schauen sich sogar vor dem Spiel mehrere Schiedsrichter an, lassen sich Angebote machen und wählen schließlich denjenigen aus, der ihnen am besten gefällt. Unabhängigkeit sieht anders aus.


Einzelne Analysten sollen sogar wider besseres Wissen zu den übermäßig positiven Bewertungen gedrängt worden sein. Beweisen konnten die Kritiker derlei Behauptungen bislang jedoch nicht.

Mit Scheuklappen unterwegs

Hinzu kommt: Die mathematischen Modelle der Ratingagenturen täuschten häufig eine Genauigkeit und Verlässlichkeit vor, die de facto nicht existiert. So lassen sich viele Bilanzpositionen gar nicht richtig bewerten, weil es für sie keine aktuellen Preise gibt. Hier arbeiten die Ratingagenturen also mit Behelfsgrößen, der Ermessensspielraum ist entsprechend groß.

Das hängt aber auch mit dem Scheuklappen-Blick der Ratingagenturen zusammen: Bei ihren Bewertungen konzentrieren sie sich auf das einzelne Unternehmen, den einzelnen Staat. Bei systemischen Krisen, in denen Kredite maroder Firmen gesunde Unternehmen infizieren, versagt dieses Modell jedoch systematisch.

Diskussionsprozess in vollem Gange

Hatte man den Ratingagenturen in der Finanzkrise noch vorgeworfen, sie hätten zu spät reagiert, standen sie in der europäischen Schuldenkrise plötzlich für ihr angeblich "überstürztes" Handeln in der Kritik. S&P & Co. hatten griechische Anleihen als "spekulativ" eingestuft und damit an den Finanzmärkten eine regelrechte Panik geschürt.

An öffentlicher Kritik an den Ratingagenturen mangelt es somit nicht. Ihre immense Marktmacht hat bisher jedoch niemand beschnitten. Auch um schmerzhafte Reformen sind Moody's & Co. bislang herum gekommen. Noch hat sich an ihrem Finanzierungs- und Auftragsmodell nichts geändert, Pläne zur Schaffung einer europäischen Ratingagentur sind bislang im Sande verlaufen.

Konsequenzen für Privatanleger

Private Investoren sollten es vor diesem Hintergrund tunlichst vermeiden, die Rating-Agenturen auf ein hochrichterliches Ross der Unfehlbarkeit zu setzen. Es gilt also, die Ratingagenturen nicht zu ernst zu nehmen, sondern sie besser als eine Informationsquelle von vielen zu benutzen. Vor allem ein Blick auf die so genannten Credit Spreads oder die Preise für Credit Default Swaps lohnt sich in diesem Zusammenhang, spiegeln diese doch die Marktmeinung über die Bonität eines Emittenten wider.

Zugleich sollten sich Privatanleger der Macht der Ratingagenturen bewusst sein, Stimmungen und damit auch Kapitalströme zu lenken, und dies bei ihren Investmententscheidungen angemessen berücksichtigen.

1/3

Das Triumvirat aus Amerika Ratingagenturen zum Durchklicken

Moody's-Schriftzug

Moody's