Börsenwissen

Dschungel

Kennziffern, die die Welt nicht braucht OIBDA – oder die allgemeine Anleger-Verunsicherung

von Angela Göpfert

Stand: 10.11.2014, 13:28 Uhr

Neulich im Kennziffern-Dschungel: Im Dickicht der Zahlen, durch das sich Anleger Quartal für Quartal durchschlagen müssen, taucht immer häufiger das OIBDA auf. Doch was, zum Teufel, wollen uns die Unternehmen damit bloß sagen?

Die Abkürzung OIBDA steht für Operating Income Before Depreciation and Amortization). Damit entspricht das OIBDA in etwa dem in Deutschland gebräuchlichen Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda).

Aber eben nur in etwa, also nicht ganz. Der kleine, aber feine Unterschied: Das Ebitda bezieht sich auf das Endergebnis (Gewinn oder Verlust), auf das Zinsen, Steuern und Abschreibungen quasi rückwirkend addiert werden.

Kerngeschäft im Fokus

Das OIBDA dagegen bezieht sich auf das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit, auf das wiederum Abschreibungen addiert werden. Zinsen und Steuern werden dagegen nicht berücksichtigt.

Was das Unternehmen mit seinem Kapital macht, ob das Unternehmen mit seinen Finanzanlagen Geld verdient oder verliert, wie hoch die Steuerquote ist, wie viel Cash für Schuldenzahlungen oder andere Ausgaben draufgeht, die mit dem operativen Kerngeschäft nichts zu tun haben, außerordentliche Erträge und Aufwendungen – all das wird somit vom OIBDA nicht widergespiegelt.

Einige Unternehmen, vor allem aus den USA, ziehen das OIBDA dem Ebitda vor, da das OIBDA das Einkommen aus betriebsfremden Erträgen nicht berücksichtigt und so angeblich einen besseren Hinweis auf das Einkommen aus der normalen Geschäftstätigkeit, aus dem eigentlichen "Kerngeschäft", liefert.

Fiktion vs. Realität, operatives Ergebnis vs. Gewinn

Anleger müssen sich aber vor Augen führen, dass diese Kennziffer, wie auch alle anderen operativen Ergebniskennziffern (Ebit, Ebitda & Co.), letztlich von einer irrealen Welt ausgeht.

Von einer Welt, in der Unternehmen auf ihre Gewinne keine Steuern zahlen müssen, wo unternehmerische Tätigkeit keine Kosten verursacht und auf Darlehen keine Zinsen gezahlt müssen.

Nur, in solch einer Welt leben wir nicht! Und als ob das nicht schon genug Fiktion in der Bilanz wäre, wird das OIBDA gerne auch noch um etwas "bereinigt": Um Währungseffekte, falls sich die Wechselkurse für das Unternehmen ungünstig entwickelt haben. Oder um Sondereffekte, falls etwa für Übernahmen hohe Abschreibungen fällig wurden. Etc. etc. etc.

Achtung: Keine Standard-Kennziffer!

Wichtig ist auch: Bei dem OIBDA handelt es sich um eine so genannte Non-GAAP-Kennziffer, also um eine nach den allgemein anerkannten Buchführungsgrundsätzen der amerikanischen Rechnungslegung (GAAP) nicht anerkannte Kennzahl.

Das heißt, Unternehmen sind nicht dazu verpflichtet, diese Kennziffer in ihren Bilanzen und Quartalsberichten auszuweisen. Die OIBDA-Berechnung des einen Unternehmens kann zudem durchaus von der eines anderen Unternehmens abweichen. Vergleiche zwischen einzelnen Unternehmen sind mit äußerster Vorsicht zu genießen.

Auch das kann Anlegern mit "harten" Kennziffern wie dem Periodenergebnis oder Netto-Gewinn/-Verlust nicht passieren.

Was Anleger daraus lernen können

1. Der Kreativität der Zahlenmenschen in den Konzernzentralen sind keine Grenzen gesetzt.
2. Wichtig ist immer, um welchen Faktor etwas "bereinigt" wurde. Hier lohnt es sich, besonders genau hinzuschauen.
3. Die wichtigsten Kennziffern für Anleger - gerade mit Blick auf die künftige Dividendenentwicklung - sind und bleiben der Netto-Gewinn/-Verlust und der Free Cash Flow.
4. Rücken Unternehmen stattdessen in der Kommunikation mit den Anlegern operative Ergebniskennziffern den Mittelpunkt, haben sie häufig etwas zu verbergen.