Eine Hand mit Putztuch poliert einen Kurs-Chart
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Wenn der Markt gegängelt wird Kurspflege, die legale Kursmanipulation

Stand: 05.05.2017, 15:59 Uhr

Das freie Spiel des Marktes ist an der Börse manchmal nicht ganz so frei. Zu bestimmten Anlässen und mit bestimmten Absichten dürften Marktteilnehmer den Kurs einer Aktie "pflegen". Und das sogar mit Duldung durch Börsenbetreiber und Gesetzgeber.

Marktmanipulation ist strafbar, damit ist die absichtliche Kursbeeinflussung gemeint, die ein Marktteilnehmer ausüben kann, um davon in irgendeiner Weise zu profitieren. Bis Mitte 2016 regelte der §20a des Wertpapierhandelgesetzes (WPHG) diesen Fall, seitdem sind die Vorschriften im Rahmen der europäischen Harmonisierung in der Marktmissbrauchsverordnung (Market Abuse Regulation - MAR) in Artikel 12 MAR in Verbindung mit Artikel 15 MAR enthalten. Nun heißt es also hier: "Es ist verboten, Informationen zu verbreiten, die falsche oder irreführende Signale hinsichtlich des Angebots oder des Kurses eines Finanzinstruments geben oder ein künstliches Kursniveau herbeiführen." Als Marktmanipulation gilt unter anderem auch, wenn "ein anormales oder künstliches Kursniveau eines oder mehrerer Finanzinstrumente" angestrebt wird.

Die Rechtsfolgen ergeben sich aber weiterhin aus dem Wertpapierhandelsgesetz. Vorsätzliche Manipulationen, die auf den Börsen- oder Marktpreis eingewirkt haben, sind Straftaten, die mit Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe geahndet werden können (§ 38 Absatz 1 WpHG).

Stützungkäufe nach dem Börsengang

Werden die Bestimmungen im Börsenalltag aber ganz offensichtlich nicht beachtet, wenn ein Börsengang stattfindet? Mit schöner Regelmäßigkeit und hohem Aufwand werden die Aktien der Börsenneulinge durch die Konsortialbanken gestützt. Drohen allzu viele Zeichner der neuen Aktie "Kasse zu machen", also ihre Zeichnungsgewinne zu Geld zu machen und den Kurs dabei zu sehr zu belasten, wird eingegriffen: Mit hohen Stückzahlen werden dann Kauforders abgegeben, um die Notierungen wenigstens annähernd auf dem Niveau des Ausgabepreises zu halten. Solche Stützungskäufe können auch über den Tag der Börseneinführung hinausgehen und mehrere Wochen andauern.

Eine solche Kurspflege kann neben dem direkten Kauf der Aktie am Markt auch durch Shortpositionen erreicht werden. Dabei werden am Tag des Börsenganges über eine Wertpapierleihe "Minusbestände" der jeweiligen Aktie aufgebaut, die dann durch spätere Käufe im Titel ausgeglichen werden. Käufe, die den Kurs ebenfalls nach oben "manipulieren" sollen.

"Zulässige Marktpraxis"

Diese Art der Kurspflege geschieht aber im gesetzlichen Rahmen. Das Verbot gilt nämlich nicht, wenn "sich Market-Maker oder Personen, die als Gegenparteien fungieren dürfen, sich auf die Ausübung ihrer legitimen Geschäftstätigkeit in Form des Erwerbs oder der Veräußerung von Finanzinstrumenten beschränken". Aus Sicht der Wertpapieraufsicht, in Deutschland bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) angesiedelt, ist also eine Kursstützung in diesem Fall durchaus legitim und entspricht der "zulässigen Marktpraxis".

Zu dieser Marktpraxis gehört auch eine weitere Art des legalen, aber durchaus ebenfalls "künstlichen" Aktienkurses in vielen börsengehandelten Werten. Denn über so genannte "Designated Sponsors", also etwa "ausgewählte Betreuer" werden im Xetra-System der Deutschen Börse eine Vielzahl von Aktienkursen ebenfalls ein wenig "gepflegt". Das geschieht vor allem bei unzureichender Liquidität eines Titels, um so regelmäßig aktuelle Kauf- und Verkaufspreise anbieten zu können. Eine Aktie gilt als liquide, wenn der durchschnittliche Orderbuchumsatz größer als 2,5 Millionen Euro pro Tag ist. Die Designated Sponsors haben also die Aufgabe, bei zu wenig Handelsvolumen Aktien des entsprechenden Unternehmens regelmäßig selbst zu kaufen oder zu verkaufen. 

Liquidität auf Bestellung

Designated Sponsors werden auf Antrag vom Börsenbetreiber zugelassen, auch alle für den Xetra-Handel zugelassenen Makler, Banken und Handelshäuser dürfen in die Rolle des Designated Sponsors schlüpfen. Sie erhalten eine Vergütung vom betreuten Unternehmen dafür, dürfen durch die entsprechenden Kauf- und Verkaufsgeschäfte aber durchaus auch Gewinne erzielen.

Die Börsenbetreiber leiten die Kursentwicklung der gehandelten Aktien aber auch in "Notfällen" in besondere Bahnen. Dazu gehören vor allem Handelsaussetzungen, die in der Frankfurter Börse etwa von § 72 der Börsenordnung gedeckt ist, in dem wiederum auf das Börsengesetz und hier auf § 25 Bezug genommen wird.

Eine Aussetzung wird vorgenommen, "wenn ein ordnungsgemäßer Börsenhandel zeitweilig gefährdet oder wenn dies zum Schutze der Investoren geboten erscheint". Damit soll zum Beispiel Anlegern die Möglichkeit gegeben werden, auf wichtige Unternehmensnachrichten angemessen zu reagieren. Ein Grund kann etwa die drohende Insolvenz eines Unternehmens oder auch eine Gewinnwarnung von Unternehmen sein.

Aktienrückkäufe: Milliarden für die Kurspflege

Nicht zuletzt sind aber auch die Unternehmen selbst in der aktiven Kurspflege tätig: Über Aktienrückkäufe werden die eigenen Aktienkurse regelmäßig in der Tendenz nach oben bewegt (s. unser Hintergrund: Aktienrückkäufe, was Anleger wissen sollten). Auch diese Praxis ist rechtlich einwandfrei, heißt es doch in der Marktmissbrauchsverordnung hierzu: "Der Handel mit eigenen Aktien im Rahmen von Rückkaufprogrammen und Maßnahmen zur Stabilisierung des Kurses von Finanzinstrumenten, für die die Ausnahmen nach dieser Verordnung nicht gelten, sollten nicht bereits als solcher als Marktmissbrauch gewertet werden."

AB