Jemand tippt auf einem Taschenrechner

Hintergrund: Preisbildung bei Zertifikaten und Optionsscheinen

Stand: 19.06.2012, 08:16 Uhr

Beliebt, aber für viele Privatanleger fast undurchschaubar: Bei vielen Derivaten erfolgt die Preisbildung auf Basis komplizierter Finanzmathematik. Das liegt an der eigentümlichen Konstruktion der Produkte.

Viele Tausend Discount-Zertifikate werden an deutschen Börsen gehandelt und erfreuen sich bei Privatanlegern großer Beliebtheit. Denn sie puffern Verluste eines Basiswertes, also einer Aktie oder eines Index ab und schützen so das Depot des Anlegers. Der Preis eines Discounters hängt aber konkret vom Zusammenspiel seiner Komponenten ab. Dies ist einerseits der Basiswert selbst, zum anderen aber ein Terminmarktgeschäft, hier eine Call-Option, die vom Emittenten des Produkts verkauft wird. Die Prämie, die dabei vereinnahmt wird, bildet den Discount, der vor Kursverlusten bis zu einem bestimmten Maß schützt.

Hohe Volatilität senkt den Preis

Diese Prämie ist jedoch an die Schwankungsanfälligkeit des Basiswertes, die Volatilität gekoppelt. Steigt diese "Vola" in schwierigen Marktsituation an, dann steigt auch die Prämie der Option und mit ihr der Discount des Discount-Zertifikates. Für den Anleger, der ein solches Produkt bereits länger hält, kann dies allerdings unangenehme Folgen haben: Obwohl der Preis des Basiswertes relativ konstant bleibt, kann die Notierung des Discount-Zertifikates sinken. Umgekehrt kann ein Anleger von diesem niedrigen Preis beim Einstieg in einen Discounter profitieren. Der Preis des Zertifikates steigt nach einer Beruhigung des Marktes von ganz allein, ohne dass der Basiswert klettern muss.

Grafische Darstellung von

Volatilität. | Bildquelle: boerse.ARD.de, Grafik: boerse.ARD.de

Discount-Zertifikate sind nur eine Spielart im unüberschaubaren Angebot aus dem Zertifikate-Universum. Anleger sollten sich über die Konstruktion ihres Produktes im Klaren sein, wenn sie es erwerben. Die Emittenten der Zertifikate geben darüber im Emissionsprospekt Auskunft. Viele Online-Broker und Finanzseiten im Internet stellen Anlegern zudem Rechenhilfen bereit, mit denen die Veränderung des Zertifikatepreises bei bestimmten Szenarien annäherungsweise berechnet werden kann. Die tatsächlich verfügbaren Preise werden allerdings in der Regel vom Emitteten an den wichtigsten Zertifikatebörsen in Frankfurt (Scoach) oder Stuttgart (Euwax) sowie im Direkthandel "gestellt".

Wer die Funktionsweise eines solchen Derivates nicht nachvollziehen kann oder will, sollte vom Kauf Abstand nehmen. Auf Indizes kann der private Anleger zum Beispiel auch mittels ETFs (Exchange Traded Funds) setzen, die deutlich transparenter sind.

Optionsscheine: Komplexe Preisermittlung

Noch mehr als bei Zertifikaten ist der Preis eines Optionsscheines eine kleine Aufgabe höherer Mathematik. Die Hauptfaktoren bei der Preisbildung sind hier der Bezugspreis (Strike), die Restlaufzeit und das Bezugsverhältnis. Zudem besitzt ein Optionsschein einen "inneren Wert", wenn der Preis des Basiswertes über dem Bezugspreis liegt. Hat man also einen Call auf den Dax mit Bezugspreis 6.000 gekauft, hat dieser einen inneren Wert, solange der Index nicht unter 6.000 Punkte fällt.

In die Preisbildung ein geht aber auch noch der "Zeitwert" des Scheins. Dieser errechnet sich aus der Restlaufzeit, dem Abstand des Index oder der Aktie zum Basispreis, dem allgemeinen Zinsumfeld und nicht zuletzt der erwarteten Schwankungsbreite des Wertes, der "impliziten Volatilität". Ein Anhaltspunkt für die Schwankungen des Dax liefert etwa der VDax, der Volatilitäts-Dax. Liegt er bei 20, dann erwarten die Marktteilnehmer eine Schwankungsbreite von 20 Prozent um den derzeitigen Kurs.

Emittent bestimmt die Volatilität

Die in den Optionsscheinpreisen enthaltene "implizite Volatilität" beeinflusst den Preis der Produkte direkt. Wird diese Größe höher angesetzt, steigt der Kurs des Scheins, liegt sie tiefer, notiert der Optionsschein niedriger. Die Volatilität richtet sich prinzipiell nach den Erwartungen der Marktteilnehmer an den Terminbörsen und den Optionsprämien. Da Emittenten frei bei der Ermittlung der impliziten Volatilität sind, können sich Preisdifferenzen bei Optionsscheinen ergeben, die ansonsten mit der gleichen Restlaufzeit und dem gleichen Basispreis ausgestattet sind.

So notiert ein Put-Optionsschein auf den EuroStoxx 50 mit Basispreis 2.000 Punkte und Laufzeit bis zum 19.12.2014 von Goldman Sachs (WKN GT04L7) bei 3,28 Euro. Ein Optionsschein der Deutschen Bank, der zwei Tage früher ausläuft, aber ansonsten die gleichen Bedingungen hat, kostet 3,50 Euro. Beim Goldman Sachs-Schein liegt die implizite Vola bei 26 Prozent, beim Deutsche-Bank-Pendant aber bei 28 Prozent.

Aus Sicht von Kritikern liegt darin freilich auch eine potenzielle Manipulationsmöglichkeit beim Preis eines Optionsscheines: Setzt der Emittent die Vola niedriger an, muss er dem Verkäufer prinzipiell auch weniger zahlen, denn der Preis des Scheins sinkt unmittelbar.