Börsenwissen

Mario Draghi

EZB startet in eine neue Ära Ein Stück zurück zur Normalität

von von Robert Minde

Stand: 17.10.2014, 18:20 Uhr

Im Kampf gegen die scheinbar nicht enden wollende Konjunkturschwäche in Europa greift die EZB immer tiefer in ihre Trickkiste. Künftig sollen auch ABS-Strukturen aufgekauft werden, um die Bankbilanzen zu entlasten. Die Kritik am neuesten Projekt von EZB-Chef Mario Draghi ist jedoch massiv.

Dabei kann man ihm wahrlich nicht vorwerfen, dass er seit seinem im Sommer 2012 gegebenen Versprechen, alles zum Erhalt des Euro zu tun, untätig gewesen wäre. Aber die Zinspfeile sind alle verschossen und trotzdem kommt Europas Wirtschaft einfach nicht in die Gänge. Im Gegenteil, nun droht auch noch die Konjunkturlokomotive Deutschland zu schwächeln.

Mit dem jetzt verkündeten Kauf von Pfandbriefen und anderen ABS-Strukturen gehen Europas Notenbanker nun ein neues, höchst umstrittenes Projekt an. Mit dem Kauf dieser Papiere sollen die Bilanzen der Banken entlastet werden, übrigens auch ein erklärtes Ziel der neuen Basel-III-Eigenkapitalrichtlinien für die Kreditwirtschaft.

Die Geldhäuser, so die Rechnung der Banker, können ihre Kreditportfolien dann neu zusammensetzen, idealerweise durch die Vergabe frischer Kredite. Dieses neue Geld soll dann die europäische Wirtschaft ankurbeln und insbesondere deflatorischen Tendenzen in Europa entgegenwirken. Beginnen wolle man in den nächsten Tagen mit Pfandbriefen, danach mit ABS-Kreditverbriefungen, erklärte EZB-Direktor Benoit Coeure am Freitag.

Zweifel bleiben

Aber ob der Plan aufgeht, wird von Fachleuten bezweifelt. Denn die qualitativ guten Covered Bonds bleiben in aller Regel in der Bilanz der Banken. "Wir sehen nicht, wie die EZB mit dem Kaufprogramm die Kreditnachfrage ankurbeln kann", erklärt Frank Will, Analyst bei der HSBC. Auch sein Kollege Florian Eichert von der Crédit Agricole stößt gegenüber dem "Handelsblatt" ins gleiche Horn: "Noch mehr günstige Liquidität führt längst noch nicht dazu, dass auch mehr Kredite vergeben werden." Die EZB wolle mit den Käufen einfach Präsenz zeigen und damit ein Stück Normalität demonstrieren, heißt es in Fachkreisen.

Interesse haben die Notenbanker übrigens nur an den Senior-Tranchen, an Mezzanine-Tranchen nur bei zusätzlichen Staatsgarantien. Während Deutschland und Frankreich dies übrigens abgelehnt haben, will Italien darüber nachdenken. Sogar eigene komplexe Qualitätsstandards werden definiert, sogenannte HQS (High Quality Standards).

Keine Fehler wiederholen

Aus den Fehlern der Vergangenheit soll nämlich gelernt werden. Dazu gehört vor allem, die einstigen Auswüchse der amerikanischen Subprime-Krise zu vermeiden. Dies unter anderem durch die Verpflichtung der Banken, einen Anteil von fünf Prozent an der First-Loss-Tranche in den Büchern behalten zu müssen.

Hans-Werner Sinn

Hans-Werner Sinn. | Bildquelle: Ifo-Institut

Noch nicht ganz in trockenen Tüchern sind die Auswirkungen auf die Eigenkapitalunterlegung der Käufer. Hier spielen gleich mehrere Regelwerke eine Rolle, neben Basel III für die Banken auch die ab 2016 gültigen Solvency-II-Regeln für Versicherungen. Zuletzt hat die EU-Kommission die Zügel aber etwas gelockert. So sollen ABS-Tranchen zukünftig als Teil des Liquididitätspuffers anerkannt werden, den die Institute vorhalten müssen, um in einer 30-tägigen Liquiditätskrise zu überleben.

Draghi in der Kritik

Trotz all dieser Anstrengungen der EZB, deren neue ABS-Politik unter der Regie von Mario Draghi ist nicht unumstritten. Vor allem Bundesbank-Präsident Jens Weidmann sieht Gefahren für den deutschen Steuerzahler und bezweifelt die Qualität der gekauften Papiere.

Zudem, so Weidmann, besteht die Gefahr, dass die EZB zu überhöhten Preisen kauft, vor allem bei Covered Bonds. "Die Nachfrage nach Covered Bonds übersteigt schon jetzt das Angebot", kommentiert Ralf Burmeister, Fondsmanager bei der Deutsche-Bank-Tochter Deutsche Asset & Wealth. "Wenn jetzt noch die EZB dazukommt, stehen sich alle auf den Füßen."

Bundesbankpräsident Jens Weidmann

Bundesbankpräsident Jens Weidmann. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Auch Ralf Raebel zweifelt daran, dass alleine der Aufkauf von Senior-Tranchen die Bankbilanzen wirklich nennenswert entlastet. Interesse sei derzeit prmär an den Mezzanine-Tranchen da, die aber wesentlich weniger Volumen hätten, so der Experte weiter. Unklar ist noch, wie viel Geld die EZB in die Hand nehmen will. EZB-Vizepräsident Vitor Constancio hat zuletzt maximal 600 Milliarden Euro in Aussicht gestellt.

Den Teufel zum Beelzebub gemacht

Heftige Kritik gibt es auch an der Vorgehensweise der Notenbanker. Denn die EZB wird ihre Markttransaktionen über Drittbanken abwickeln. Die Notenbank gibt offen zu, dass sie selber keine Kapazitäten hat, um diese Geschäfte abzuwickeln. Der Stuttgarter Bankenprofessor Hans-Peter Burghof sieht daher Interessenskonflikte.

Denn ausgerechnet die amerikanische Anlagefirma Blackrock, einer der ganz großen ABS-Spieler auf dem Markt, fungiert als Berater. So soll Blackrock selbst noch ABS-Bestände halten, die seinerzeit günstig aufgekauft wurden. Die Firma verweist hingegen auf die strikte Trennung der Geschäftsbereiche.

Trotzdem bezweifelt Burghof, dass die Großbanken neutrale Bewerter und Berater sein können. Nach Informationen der "FAZ" haben sich neben der DWS auch die BNP Paribas und andere Großbanken um die lukrativen Aufträge beworben.

Kritiker wie der Ökonomieprofessor Hans-Werner Sinn bemängeln schon seit geraumer Zeit, dass die EZB ihre Kompetenzen übersteigt und auf dem Weg ist, an den Parlamenten vorbei eine verbotene Staatsfinanzierung zu betreiben. Der Ankauf von ABS-Strukturen ist ein weiterer Mosaikstein im Gesamtbild der Kritiker und Wasser auf ihre Mühlen.