Zweifelnder Aktienhändler an der Frankfurter Börse

Börsenpsychologie Die Börse hat ihre eigene Logik

von Detlev Landmesser

Stand: 19.07.2018, 10:03 Uhr

Eine prächtige Quartalsbilanz, na also! Doch was ist das? Die Aktie fällt!! Auf diese Weise ist schon mancher rechtschaffene Aktionär an der merkwürdigen Logik der Börse verzweifelt. Doch eigentlich ist es gar nicht so kompliziert.

Was sich am Donnerstag bei der Aktie von SAP abspielt, lässt sich in jeder Berichtssaison vielfach beobachten: Hervorragende Unternehmenszahlen führen nicht zwangsläufig zu steigenden Kursen, und schlechte Bilanzen werden zuweilen sogar mit Kursgewinnen belohnt. Doch was wie Irrsinn klingt, folgt durchaus einer inneren Logik.

Fakten allein zählen nicht

An der Börse entscheiden nämlich nie allein die Tatsachen, sondern vielmehr das vertrackte Zusammenspiel zwischen Fakten und Erwartungen. Je stärker die Fakten von dem abweichen, was der Markt tatsächlich erwartet hat, desto heftiger die Kursreaktion.

Gewinnerwartungen sind dabei nicht alles: Oft ist den Börsianern der Ausblick der Unternehmen auf ihr künftiges Geschäft wichtiger. Schließlich wird an der Börse die Zukunft gehandelt. Werden gute Zahlen mit einem enttäuschenden Ausblick garniert, führt das regelmäßig zu einem Strafgericht.

Wer dieses Spiel an der Börse schon länger verfolgt, wird entdeckt haben, dass solche Enttäuschungen meist schwerer bestraft werden als ein Verlustausweis. So kommt es vor, dass ein Papier kräftig steigt, obwohl das Unternehmen gerade einen Rekordverlust gemeldet hat - hatten die Börsianer noch größeres Unheil erwartet, werden sie die Aktie belohnen.

Analysten mischen mit

Im Nachgang zu einer Zahlenvorlage schlägt dann wieder die Stunde der Analysten. Diese passen ihre Gewinnschätzungen und Anlageurteile gegebenenfalls an die neuen Informationen des Unternehmens an - was dann weitere Kursreaktionen nach sich zieht.

Je nach Länge des Entscheidungsweges kann dieser Prozess in den Analysehäusern wenige Stunden oder auch Tage dauern. Dabei sind die Bewertungsspielräume groß, und jeder Experte kann verschiedene Aspekte eines Zahlenwerks anders gewichten. Entsprechend vielstimmig fällt oft die Antwort der Analystenschar aus.

"Flüsterschätzungen" entscheiden

Auf die so genannten Konsensschätzungen, die Durchschnittswerte der Analystenprognosen, die etwa von Nachrichtenagenturen oder Informationsdiensten wie Thomson Reuters gesammelt werden, kann man sich dabei durchaus nicht immer verlassen. Da Gewinnschätzungen naturgemäß nicht ständig aktualisiert werden, reagieren die daraus ermittelten Durchschnitte schwerfälliger auf Veränderungen des Umfelds, und können von den neuesten Markterwartungen abweichen.

Diese aktuellen Erwartungen, auch "Flüsterschätzungen" genannt, geben letztlich den Ausschlag, ob eine Unternehmensbilanz die Gnade der Börse findet oder nicht. Es gibt zwar Versuche, auch die Flüsterschätzungen zu messen - leider können sich aber diese in wenigen Tagen grundlegend ändern. Wer hier das berühmte "Ohr am Markt" hat, ist klar im Vorteil.

Skeptiker haben mehr von der Börse

So ist auch zu erklären, dass eine Aktie oft auch dann fällt, wenn die "offiziellen" Analystenprognosen ohne Abstriche erfüllt wurden - insgeheim hat der Markt bereits mit mehr gerechnet, und die Angst geht um, dass die Erfolgsstory dem Ende zugehen könnte.

Scheinbar irrationale Kursbewegungen haben also meist durchschaubare Hintergründe. Aktionäre, die diese Zusammenhänge kennen, werden an der Börse sicherlich mehr Freude haben.