Die Angst vor dem Inflationsmonster

von Daniel Pflug

Stand: 30.04.2012, 14:57 Uhr

Die Haare strubbelig, die Augen gefährlich rot, die Nase knubbelig, die scharfen Zähne machen das hinterhältige Grinsen noch gemeiner. Die Inflation ist ein blaues Monster. Zumindest im Zeichentrickfilmchen der EZB. Damit wollen die Zentralbänker Europas Schülern erklären, warum Inflation schlecht ist.

Zwei Jugendliche träumen sich aus einer langweiligen Schulstunde weg, rein ins Mittelalter. Plötzlich stehen sie auf einem Marktplatz, wollen an einem Stand Kuchen kaufen. Doch ihr Geld reicht nicht.

Da kommt das Inflationsmonster um die Ecke gewirbelt und schüttet sie mit Geld zu. Das freut die Kids natürlich, denn sie glauben, sie könnten sich jetzt Törtchen ohne Ende kaufen. Aber das Geld der beiden reicht immer noch nicht. Denn der Bäcker erhöht kurzerhand die Preise. Aber warum?

Wenn das Geld weniger wert wird
Der Grund ist, dass das Geld weniger wert ist. Wenn die Leute mehr Geld zum Ausgeben haben, es aber nicht mehr Waren gibt, steigen die Preise.

Die Konsequenz: Die Bürger können sich nicht mehr Kuchen oder Autos kaufen oder öfters zum Frisör gehen als vorher. Und das, obwohl sie eigentlich doch mehr Scheine im Portemonnaie haben. Anders gesagt: Ihr Geld, ihre Ersparnisse verlieren an Kaufkraft. "Viel bringt viel" stimmt nicht mehr.

Deutsche Urängste
Die Deutschen haben Angst vor Inflation. Fast die Hälfte aller Bundesbürger fürchtet, dass die Inflation an ihrem Vermögen knabbert. Das hat eine Studie für die Allianz Bank herausgefunden. Viele denken zurück an die Weimarer Republik, als die Teuerungsrate bei rund 5.000 Prozent lag. Das war 1922.

Die Folgen damals sind verheerend. Die Arbeiter fordern höhere Löhne, um die steigenden Preise bezahlen zu können. Um das zu finanzieren, setzen Bäcker, Metzger und viele Unternehmen die Preise rauf, das Brot kostet im Oktober 1923 plötzlich mehr als fünf Milliarden Mark. Es ist ein Teufelskreis.

Theaterkarte kostet ein Pfund Butter
Am Ende sind das Geld und die Ersparnisse der Deutschen nichts mehr wert. Die Bürger verlieren das Vertrauen, sie kehren zurück zum Tauschhandel und zahlen mit Zigaretten und Butter statt mit Scheinen und Münzen. Das System kollabiert.

Die Folgen einer Inflation haben sich bis heute nicht geändert. Ein Szenario sähe so aus:

Die Schwachen trifft es am härtesten
Wenn die Teuerungsrate hoch ist, leiden vor allem die Schwachen in einer Gesellschaft. Familien müssen sich einschränken, weil immer alles teurer wird, ihre Löhne aber nicht mithalten können.

Hohe Inflation ist auch für den Staat nichts Gutes. Am Anfang kann sich der Finanzminister vielleicht noch über höhere Steuereinnahmen freuen, weil die Bürger mehr an den Fiskus überweisen müssen - denn die Löhne steigen in der Regel.

Steuern hoch? Schlechte Idee
Aber wenn der Staat Straßen bauen oder eine Schule sanieren will, muss auch er mehr Geld in die Hand nehmen, denn die Preise steigen ja. Um das abzufedern, könnte ein Land jetzt die Steuern erhöhen. Das macht alles nur noch schlimmer. Denn dann haben die Bürger weniger Geld in der Tasche, das sowieso schon weniger wert ist. Die Wirtschaft würde weiter abgewürgt.

Bei so einer Großwetterlage wollen viele ein Haus oder eine Wohnung kaufen, weil sie glauben, dass zumindest Steine nicht an Wert verlieren. Aber die Immobilienpreise steigen, Zinsen für Hypotheken klettern, die Banken vergeben weniger Kredite.

Belagerte Banken
Dafür wollen immer mehr Leute an ihr Guthaben ran, die Schlangen vor den Banken werden länger. Die Kunden heben ihr Geld ab und geben es dann mit vollen Händen aus. Denn niemand weiß, wie viel es morgen noch wert ist. Viele flüchten in Gold und hoffen, ihre Ersparnisse so zu retten. Aber auch der Goldpreis steigt und steigt.

Hektische Zentralbänker
In der Zentralbank herrscht jetzt Hektik. Denn eines der wichtigsten Ziele ist Preisstabilität. Die EZB will die Inflation unter zwei Prozent halten. Also schraubt sie den Leitzins hoch. Das ist der Zins, den die Banken zahlen müssen, wenn sie sich Geld borgen wollen von der EZB. Steigt der Leitzins, wird Geld aus dem Wirtschaftskreislauf gesaugt, denn Kredite werden teurer.

Wenn die Inflation weiter eskaliert, droht Hyperinflation und ein wirtschaftlicher Zusammenbruch wie in der Weimarer Republik. Angenommen, eine Familie kauft für zehn Euro am Tag im Supermarkt ein. Wenn die Inflationsrate auf 30 Prozent pro Jahr schießen würde, müsste sie in zehn Jahren fast 140 Euro für den Einkauf auf den Tisch legen - und würde dafür nicht einen Apfel mehr bekommen.

Wenn die Akteure aber das Ganze wieder in den Griff bekommen, kehrt die Preisstabilität zurück. Die Lage verbessert sich für alle. Deshalb ist es wichtig, das Inflationsmonster im Zaum zu halten.