Auch weiche Faktoren spielen eine Rolle

Stand: 15.03.2012, 15:03 Uhr

Tatsächlich sind deshalb die mathematischen Modelle nicht der einzige Faktor, der zur Bemessung der Kreditwürdigkeit eines Landes genutzt wird. Die Ratings basieren auch auf der Meinung von Analysten und Ökonomen. Nach Angaben von Torsten Hinrichs besteht die Ermittlung von Länderratings etwa zur Hälfte aus Kennzahlen, die andere Hälfte sind weiche Faktoren. Dazu zählt beispielsweise auch die politische Stabilität eines Landes, etwa seiner politischen und sozialen Strukturen. Zudem versuchen die Agenturen, die tatsächliche Entschlossenheit eines Landes zur Zurückzahlung einer Anleihe zu beurteilen. Dabei weisen sie gern daraufhin, dass die Kriterien ständig weiter entwickelt und entsprechend geändert werden.

Ratings seien ja zukunftsgerichtete Einschätzungen und die Analysten müssten heute Annahmen treffen über künftige Wirtschaftsfaktoren wie etwa Wachstum oder Arbeitslosigkeit, so Hinrichs. Deshalb spiele auch die Interpretation von Aspekten wie der politischen Situation und der wirtschaftlichen und sozialen Stabilität eines Landes eine Rolle bei der Bewertung der Kreditwürdigkeit. Ein Länderrating, so Hinrichs, sei also mehr als nur ein Vergleich von Zahlen.

Bemängelt wird auch, dass es für Länderratings nur einen Hauptverantwortlichen gibt, dem ein Ko-Analyst zur Seite gestellt wird. Beide Experten erstellen eine Vorlage für die Rating-Entscheidung, die dann in einem Rating-Komitee getroffen wird. Dieses Komitee besteht aus mindestens fünf, meistens aber sieben oder neun Analysten.

Zwölfstündige Wartefrist

Endgültig ist das Votum des Rating-Komitees trotzdem noch nicht. Laut S&P gibt es in Europa eine zwölfstündige Wartefrist. In diesem Zeitraum werde einem Staat die Gelegenheit gegeben, zu reagieren. Er könne etwa neue Fakten nennen, die in der Analyse nicht berücksichtigt worden seien. In der Praxis ist dieser Zeitraum äußerst kurz bemessen, so dass die meisten Staaten in dieser Zeit wohl keine Möglichkeit haben, das Rating in irgendeiner Weise zu beeinflussen.

Die Ratingagenturen bewerten aber nicht nur die Kreditwürdigkeit von Staaten, sondern auch die von Unternehmen. Sie prüfen, inwieweit Gläubiger damit rechnen müssen, auf ihren Forderungen sitzen zu bleiben.

Der Ratingprozess beginnt in der Regel mit dem Auftrag eines Emittenten oder Kreditnehmers an eine Agentur, dem sogenannten Mandatsvertrag. Grundsätzlich kann aber auch ein Investor oder Kreditgeber den Auftrag an die Ratingagentur erteilen. In der Regel sind es aber die gerateten Unternehmen, die für die Erstellung ihrer Benotung ein saftiges Honorar entrichten müssen.

Vertragsinhalt ist der Auftrag an die Agentur, die Bonität des Schuldners gegen Herausgabe veröffentlichter Informationen, aber auch nicht öffentlich zugänglicher Unternehmensinterna zu überprüfen. Unternehmensinterna sind etwa genaue Angaben beziehungsweise Informationen über die zehn größten Kunden, Lieferanten, über Finanzpläne und über die wichtigsten Wettbewerber, genaue Kosten- und Ertragsstrukturen sowie Planungen. Agenturintern schließt sich die Analyse der quantitativen und qualitativen Faktoren an; diese Analyse kann durch Interviews mit den Finanzvorständen der Schuldner ergänzt werden.

Empfehlung von zwei Analysten

Sodann geben zwei Analysten (Junior- und Senior-Analyst) eine Ratingempfehlung ab; über diese entscheidet das Rating-Komitee abschließend. Dessen Entscheidung wird zunächst dem Auftraggeber vorgelegt und nach dessen Genehmigung veröffentlicht.

Ihr Urteil bringen die Agenturen in sogenannten Ratingcodes zum Ausdruck: Sie reichen üblicherweise von der Bestnote AAA bis D (zahlungsunfähig oder im Zahlungsverzug).Sie unterscheiden dabei zwischen den Bereichen "Investment Grade" und "Non-Investment Grade". Rutscht ein Emittent in den Non-Investment-Bereich, spricht man von einer Ramschanleihe. Dabei gilt: Je schlechter die Bonitätsbewertung durch die Agenturen ausfällt, desto höher fällt auch die Risikoprämie aus, die ein Emittent im Vergleich zu besser bewerteten, vergleichbaren Papieren bezahlen muss.

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Ratingagenturen und Ratingklassen

Ratingagenturen und Ratingklassen. | Bildquelle: Börse Stuttgart