„Finanzalchemie“ & „Financial Engineering“ Stecken Aktienrückkäufe hinter der Wall-Street-Hausse?

Stand: 12.08.2019, 10:52 Uhr

Rund 5.000 Milliarden Dollar haben die S&P 500-Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren in den Aktienrückkauf gesteckt. Sind die steigenden Kurse in den USA also lediglich auf „Financial Engineering“ zurückzuführen?

Etwa zehn Jahre hält die Kursrally in den Vereinigten Staaten nun schon an. Während sich der S&P 500 seit seinem Tief im März 2009 fast verfünffacht habe, hänge Europa weit hinterher. Das zeige ein Vergleich mit dem EuroStoxx 50, schreibt Thomas Lehr, Kapitalmarktstratege von Flossbach von Storch, in seiner aktuellen Analyse zum Thema Aktienrückkäufe. Mit „Financial Engineering“ oder „Finanzalchemie“ habe der Unterschied aber nichts zu tun, meint der Fachmann.

EuroStoxx 50: Kursverlauf am Börsenplatz DJ Stoxx für den Zeitraum 5 Jahre
Kurs
3.687,45
Differenz relativ
+0,43%
S&P 500 Ind.: Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum 5 Jahre
Kurs
3.140,73
Differenz relativ
+0,27%

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 5 Jahre
Kurs
13.146,74
Differenz relativ
+0,58%

Anleger handeln „rational“

Dagegen spreche nach Ansicht des Experten sozusagen schon die Logik der Börse: „Unternehmen geben Barreserven insbesondere dann in Form von Aktienrückkäufen an ihre Aktionäre zurück, wenn sie die eigene Aktie für unterbewertet halten. Ein Kurs­anstieg ist also nicht nur gewollt, sondern ihrer Ansicht nach berechtigt. Er wird aber in der Regel nur dann nachhaltig sein, wenn auch die Anleger dieser Ansicht sind“, kommentiert Lehr.

Wenn die Anleger diese Meinung nicht teilten, würden sie laut Lehr das durch die Käufe des Unternehmens erhöhte Bewertungsniveau vermutlich nutzen, um Aktien zu verkau­fen. „Wer behauptet, das Indexniveau sei durch die Summe der milliardenschweren Käufe über die Jahre mehr und mehr ver­zerrt und deutlich zu hoch, setzt voraus, dass genau dies nicht geschieht.“

Aktienhändler an der Börse Frankfurt Audio

Aktienrückkäufe - Warum wird das gemacht?

Keine neuen Schulden

Und weil die Gewinnsituation ein entscheidendes Kriterium für Kursentwicklung ist, wirft Lehr natürlich einen Blick darauf - und zwar auf den Gesamtbetrag aller Nettogewinne. Hier geht die Schere verglichen mit Europa gerade in den letzten Jahren weit auseinander.  

Stiegen die Unternehmensgewinne in den USA tatsächlich so stark?

Unternehmensgewinne USA. | Bildquelle: S&P Global, Flossbach von Storch, Grafik: boerse.ARD.de

Auch mit der These, die Aktienrückkäufe in den USA seien schuldenfinanziert, setzt sich der Experte von Flossbach von Storch auseinander: „Im Schnitt steckten die Unterneh­men aus dem S&P 500 seit der Jahrtausendwende jährlich etwa die Hälfte ihres Nettogewinns in Aktienrückkäufe. Ein Drittel floss zusätzlich in Dividendenausschüttungen. In Summe gaben die Unternehmen somit nicht mehr Barmittel an ihre Aktionäre zurück, als sie netto verdient haben. Das lässt die Aussage, Aktienrückkäufe würden zu einem nicht unwesentlichen Teil durch die Aufnahme neuer Schulden finanziert, unsinnig erscheinen“, stellt Lehr fest.  

Warnemünder Werftarbeiter auf einer Belegschaftsversammlung

Werftarbeiter: Sie profitieren seltener von Aktienrückkäufen. | Bildquelle: dpa - Bildfunk

Wie geht sinnvolles Investieren?

Eine im Zusammenhang mit Aktienrückkäufen durchaus interessante Frage bleibt hingegen offen. Sie stellte der ehemalige US-Präsidentschaftskandidat und US-Senator Bernie Sanders zusammen mit seinem Senatoren-Kollegen Chuck Schumer unlängst in einem Meinungsartikel in der „New York Times“: Warum wäre es nicht besser für die Nationale Ökonomie, wenn die Unternehmen, anstatt Aktien zurückzukaufen, das Geld in höhere Löhne für die Arbeiter stecken würden? Man wird ja wohl mal fragen dürfen.  

Tech-Unternehmen führen die Rückkäufe an

Aktienrückkäufe. | Bildquelle: S&P Global, Flossbach von Storch, Grafik: boerse.ARD.de

Sanders meint: Wenn Unternehmen in diesem Volumen Ressourcen verwenden, um Aktien zurückzukaufen, würden sie ihre Fähigkeit schmälern, die Gewinne sinnvoller zu investieren, beispielsweise in Forschung und Entwicklung, Löhne, Weiterbildung  oder Ausrüstung. Und Profiteure der Käufe seien vor allem die wohlhabendsten zehn Prozent der US-Bürger, die etwa 85 Prozent aller Aktien besäßen.

 ts