Birgit Minichmayr in einem Filmstill aus

"Der größte Bankbetrug aller Zeiten" Die Machenschaften der Adele Spitzeder

Stand: 10.11.2017, 13:36 Uhr

Indem sie hohe Zinsen und damit eine rentable Geldvermehrung versprach, trieb Adele Spitzeder einst tausende Menschen in den Ruin. Julian Nebel wirft in seinem neuen Buch "Adele Spitzeder – Der größte Bankbetrug aller Zeiten" einen Blick zurück ins Jahr 1872, als das Spitzeder-System zusammenbrach.

Die Bilanz war verheerend, als am 12. November 1872 die Privatbank von Adele Spitzeder zusammenbrach. Ein Vermögen von zwei Millionen Gulden standen Schulden von mehr als zehn Millionen Gulden gegenüber. Über 30.000 Menschen verloren ihr Geld, ganze Gemeinden waren in finanzieller Not und eine Selbstmordwelle ging durch München und das Umland.

Passend zum 145. Jahrestag, veröffentlicht Julian Nebel sein Buch über die Münchnerin Spitzeder und ihre Machenschaften. Eine Aufarbeitung des größten deutschen Bankenbetrugs im 19. Jahrhundert, der sie zu einem "Musterbeispiel für heutige Betrüger" machte.

Der Lebensweg einer Schwindlerin

Die Nacherzählung der Betrugsgeschichte um Adele Spitzeder beginnt mit dem Ende ihrer kriminellen Machenschaften: Im November des Jahres 1872 wurde Spitzeder in ihrem Privathaus verhaftet, in dem auch ihre Privatbank angesiedelt war. Während die Betrügerin sich den Vorwürfen der Polizei stellte, verlangten mehrere hunderte Anleger draußen auf der Straße ihr Geld zurück. Wie konnte es so weit kommen? Dieser Frage geht Nebel in den folgenden vier Kapiteln nach.

Zunächst erteilt der Autor einen Schnellkurs Geschichte. Der Rückblick in eine Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, die mit den Einflüssen der Industrialisierung, der Proklamation des deutschen Kaiserreichs und den Umbrüchen durch die Moderne konfrontiert war, ordnet das Geschehen in das damalige gesellschaftliche Umfeld ein.

Adele Spitzeder (1832-1885)

Adele Spitzeder. | Bildquelle: Gemeinfrei

Im Jahr 1869 startete Spitzeder ihr Bankengeschaft mit dem ersten Zinsversprechen: Sie lockte ein Zimmermanns-Ehepaar damit, sein Geld schnell und einfach zu vermehren. “Zehn Prozent Zinsen im Monat“, lautete das Versprechen. "Auf drei Monate nur, müssten sie ihr Geld anlegen." Das Ehepaar vertraute Spitzeder sein Geld an und erhielt sofort die Zinsen für die ersten beiden Monate – das Geschäftsmodell war geboren.

Immer mehr Menschen folgten. So wuchs die Zahl der Einlagen über die Zahl der Auszahlungen. Aus der Privatbank entwickelte sich binnen zwei Jahren ein Betrieb mit 78 Angestellten. Spitzeder kaufte erste Immobilien und verlieh Teile des Geldes weiter. Auf Gerüchte und Anfeindungen reagierte Spitzeder mit direktem Angriff, dabei stets an ihrer Seite: zahlreiche Zeitungsverlage, ihre Gläubiger und die Kirche.

Kurz vor dem Zusammenbruch der Privatbank lösten immer mehr Anleger ihre Wechselscheine ein. Die anhaltenden Gerüchte hatten Angst geschürt. Bald darauf stand eine geringe Anzahl an Einlagen gegen eine enorme Summe an Auszahlungen: Die Bank war nicht mehr zahlungsfähig.  

Das Schneeballsystem in vier Akten

Über 30.000 Menschen vertrauten Spitzeder und wurden schließlich zu ihren Opfern. Doch warum war sie mit ihrer Masche so erfolgreich? 

Die Antwort gibt Julian Nebel auf rund 160 Seiten. Dabei richtet er den Fokus immer wieder auf die gerissene Art von Spitzeder, sich durch andere zu bereichern, indem sie sich auf Augenhöhe des einfachen Volkes begab und so das Vertrauen gewann.

Der Autor konstatiert eine “beeindruckende Selbstsicherheit und Überzeugung zu ihrer eigenen Inkompetenz“, durch die Spitzeder ihre Geschäfte aufrecht erhielt. Gleichzeitig bemühte sie sich, öffentlich als Wohltäterin aufzutreten. Hinterrücks bediente sie sich aber gern der Korruption und Manipulation.

Fazit: Mehr als eine Lehrstunde

Betrug durch Schneeballsysteme gibt es immer wieder. Anfang des 20. Jahrhunderts brachte der Italiener Charles Ponzi seine Kunden auf diese Weise um mehrere Millionen Dollar. Ponzi gilt als Vater der Schneeballsysteme, doch der Fall Spitzeder zeigt: Ähnliche Betrugsmaschen gab es schon viel früher. Doch auch 145 Jahre danach sind die Menschen noch immer anfällig für derartige Methoden. Das verdeutlicht auch das Buch von Julian Nebel.

Die geschichtliche Einordnung zu Anfang trägt große Teile zum Verständnis bei. Die vereinzelt gestreuten Anekdoten über das damalige Münchner Zeitgeschehen lenken dagegen etwas vom roten Faden ab.

Obwohl das Buch auf literarischen Quellen und den Memoiren Spitzeders beruht, ist es Julian Nebel gelungen, der Geschichte eine eigene Dynamik zu verleihen. Die verständliche Ausdrucksweise, gepaart mit den Zitaten von Spitzeder und kommentierenden Ergänzungen geben dem Buch einen hohen Unterhaltungswert.

Dabei gleicht es weniger einem Sachbuch als einer Biografie mit Mehrwert. Wer sich also nicht nur für das Spitzeder-System interessiert, sondern auch die Person dahinter, wird daran Gefallen finden.

Über den Autor:

Julian Nebel arbeitet als Autor und Pressesprecher in München. Der gebürtige Münchner hat ein Faible für spektakuläre Kriminalfälle. Sein Buch "Adele Spitzeder – Der größte Bankenbetrug aller Zeiten" erscheint am 13. November 2017.

jz