20 Jahre Xetra

20 Jahre Xetra-Handel Das Ende für Parkett, Criée und Präsenz

von von Jule Zentek

Stand: 28.11.2017, 07:00 Uhr

Zwanzig Jahre ist es her, da übernahmen Computer die Macht an der Börse. Mit dem neuen Handelssystem Xetra endete das Geschrei und Gerenne auf dem Parkett. Plötzlich war der Börsenhandel überall möglich. Ein neues Zeitalter begann.

Von links nach rechts, immer wieder - der Händler wedelt mit der Hand in der Luft. Die andere klemmt das Telefon zwischen Schulter und Ohr. Dann wird die Handbewegung wilder. Er ruft etwas quer durch den Saal, brüllt die Order seines Kunden zum Makler.

Eine typische Szene: Laut und hektisch versuchen Makler und Händler sich im Börsensaal auszutauschen. So stellen sich viele den Handel an der Börse vor. Auch Hollywood spielt gern mit diesem Bild – doch schon seit 20 Jahren ist es ruhig auf dem Frankfurter Parkett. 

Alles auf Auto

Der Vorstandsvorsitzende der Deutsche Börse AG, Werner Seifert (r), und der Staatssekretär im hessischen Wirtschaftsministerium Matthias Kurth sitzen bei einer

Xetra-Geburtstag. | Bildquelle: (c) dpa - Bildfunk

Am 28. November 1997 begann eine neue Ära: Nach einer Testphase übernahm "Xetra", das vollelektronische Handelssystem, den Kassamarkt im Börsenhandel.

Ab sofort gaben die Händler die Aufträge nur noch am Computer ein – der Rest lief eigenständig. Das erste Geschäft schloss Xetra um 8.30 Uhr ab. Zehn Minuten später berechnete das System basierend auf den Kursen den ersten Dax-Kurs. Der lag damals bei 3.966 Punkten - die heutige Marke von rund 13.000 war da noch weit entfernt. Um zwölf Uhr hatte der Zentralrechner bereits die Kurse von 4.000 Aktienverkäufen ermittelt.

Plötzlich ging alles schneller: Bei einem passenden Angebot wickelte die Plattform die Aufträge sofort ab. Die Handelspartner erhielten die Bestätigung binnen zwei Sekunden. Kleinere technische Startschwierigkeiten wurden gelöst. Xetra entwickelte sich: Dank schnellerer Datenübertragung ist die Orderbestätigung heute in 100 Millisekunden da – eine zehntel Sekunde.

Schon das Vorgängersystem "Ibis" sammelte die Aufträge im Computer. Doch den finalen Handel musste der Käufer jedes Mal mit der "Kaufen"-Taste bestätigen. Datensammlungen spielten aber schon viel früher eine Rolle: Seit 1969 wurden Börsengeschäfte über Datenstationen erfasst und elektronisch weiterverarbeitet.

Startschuss zum weltweiten Börsenhandel

Bernhard Jünemann
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Früher und heute: Bernhard Jünemann über das Börsenparkett

Für Anleger und Händler öffneten sich durch Xetra neue Türen: Statt festgelegter Uhrzeiten an einem festen Ort ging Börsenhandel auf einmal weltweit. Geschäfte liefen schneller und das bei geringeren Kosten. So schaffte Xetra am ersten Tag rund 3.600 Trades in dreieinhalb Stunden – heute im gleichen Zeitraum rund 300.000. Gleichzeitig sorgten die klaren Regeln von Xetra bei der Preisbildung für markgerechte Preise.

Für die Handelsüberwachung der Börsenaufsicht nahezu traumhaft: Alles was durch das System lief, war nun erfassbar. Endlich wurden alle Aktivitäten transparent – die Überwachung dadurch leichter.

Vom Schauplatz zur Kulisse

Doch wie das so ist mit Neuem – nicht jeder ist zufrieden. Viele Börsianer empfingen Xetra mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Vorbei war es mit dem sogenannten "Parkett"-, "Präsenz"- oder "Criéehandel" - der Börsensaal wurde vom Schauplatz zur Kulisse.

Früher brüllten sich Makler und Händler gegenseitig die Kurse zu. Überall klingelten die Telefone - denn wer wissen wollte, was an der Wall Street los ist, musste einen Makler in Amerika anrufen. Eine Menschentraube auf dem Parkett? Da musste etwas passiert sein!

Börsenhandel 1989. | Bildquelle: Hessischer Rundfunk

Heute sitzen die Händler vor Monitoren, und könnten genausogut in externen Büros sitzen. Nur das Klappern der Kurstafeln ist zu hören. Ab und an klingelt dann doch mal ein Telefon. Doch selbst wenn es auf den Aktienmärkten tobt – im Börsensaal bleibt es ruhig. Der Parketthandel findet heute nur noch an wenigen Börsen statt - weltweit bekannt dafür ist die New York Stock Exchange.

Mit Xetra an die Weltspitze

Das Frankfurter Parkett. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Doch Xetra war der richtige Schritt. In der zunehmend internationaleren Handelswelt musste Frankfurt sich beweisen. Insgesamt 222 Handelshäuser schlossen sich Xetra ab dem ersten Tag an. Die neue Technologie verschaffte der Börse weltweit einen Spitzenplatz unter den Finanzplätzen.

Das System startete mit 109 Wertpapieren – heute wird an der Frankfurter Börse mit 900 Wertpapieren und 1.600 Produkten wie etwa ETFs gehandelt. Der tägliche Umsatz: über fünf Milliarden Euro.

Feier 20 Jahre Xetra

Feier 20 Jahre Xetra. | Bildquelle: Deutsche Börse

Mehr als 90 Prozent des gesamten deutschen Aktienhandels fallen auf Xetra. Besonders gut laufen ETFs: Etwa 30 Prozent des europäischen Handels laufen auf der Plattform - kein anderer Börsenplatz erzielt in dem Bereich höhere Umsätze. 2016 konnte Xetra so einen Gesamtumsatz von 1,26 Billionen Euro erzielen.

Der Erfolg rief Nachahmer auf den Plan: Schon bald wollten andere das neue System übernehmen. Mittlerweile arbeiten viele weitere Börsen mit Xetra - unter anderem die Wiener Börse, in Dublin, Prag, Budapest, Ljubljana, Zagreb und Sofia. Die Börse in Shanghai und der Leipziger Strommarkt EEX haben sich zumindest die Technologie für ihre Systeme abgeschaut.

Die Reise geht weiter

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Computerhandel feiert Jubiläum - 20 Jahre Xetra

Doch 20 Jahre sind lang – auch an der Börse passiert viel: Im Oktober 1998 wurde Xetra auch für Privatanleger geöffnet - sie erhielten dadurch mehr Informationen und Möglichkeiten zu handeln. Die Ordergröße von anfangs mindestens 50 sank auf ein Stück. Zwei Jahre später startete die Deutsche Börse als erste europäische Börse den Handel mit ETFs.

Elf Jahre nach Einführung kam die Neuauflage – endlich wechselte auch der Handel mit Optionsscheinen und Zertifikaten auf Xetra. 2011 folgte dann das endgültige Aus für den Parketthandel: Alle handelbaren Aktien und Anleihen an der Frankfurter Wertpapierbörse liefen nun über den digitalen Handelsplatz.

Außerdem kamen Schutzmechanismen hinzu. So greift bei auffällig starken Kursschwankungen die Volatilitätsunterbrechung: Sie soll Käufer und Verkäufer vor zu hohen Auf- oder Abschlägen schützen.

Bereits vergangene Woche feierte die Deutsche Börse AG den Geburtstag des größten deutschen Handelsplatzes. Passend zum 20-jährigen Jubiläum erhielt Xetra im Juli ein Update: Die T7-Technologie macht alles noch schneller – die Ära geht weiter.

jz

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Die Frankfurter Börse: Vom Schauplatz zur Kulisse Im Wandel der Zeit

Börse Frankfurt, Handelssaal 1914

1914: Handel mit Hut und Stock
Bis 1914 spielte sich alles auf dem Parkett ab. Der Erste Weltkrieg beendete den Handel an der Börse. Erst drei Jahre später konnte das Kassageschäft wieder aufgenommen werden - der Terminhandel blieb sogar bis 1925 verboten.