Wolf of Wall Street

Drei Herren in Anzügen

Limousine bitte mit Vollausstattung! Zahlen, Zahlen, Zahlen - und an die Rendite denken

von von Thomas Spinnler

Stand: 22.01.2014, 09:32 Uhr

Die Zeiten eines schimmernden Betrügers wie Jordan Belfort scheinen an der Wall Street vorbei zu sein. Heute bestimmen eher graue Figuren in dunklen Anzügen und superschnelle Rechenmaschinen das Geschäft.

"Eine Limousine, fully furnished" - komplett ausgestattet. Eigentlich ganz simpel war der Wunsch eines institutionellen Kunden, der Ende der 80er von einer amerikanischen Investmentbank zu einer dreitägigen Roadshow eingeladen wurde: London, Ostküste, Westküste. "Ich dachte, ich mache alles richtig, wenn ich sicherstelle, dass Getränke und Snacks an Bord sind", erzählt der damals junge Bond-Trader. Trotzdem hatte er etwas vergessen. Denn als der Kunde am Flughafen in die schwarze, abgedunkelte Limo stieg, war er enttäuscht: "Wo sind die Mädchen? Ich hatte die Komplettausstattung bestellt!"

Ein anderer hochrangiger Investmentbanker war seinerzeit dafür bekannt, dass er auf Geschäftsreisen die Begleitung der "United Nations" wünschte. Die Frauen, die er abends treffen mochte, sollten unterschiedlicher Nationalität sein.

Passion to perform

Das sind Anekdoten aus den 80er und 90er Jahren, die man sich heute noch amüsiert in Bankerkreisen erzählt. Sollten sie nicht wahr sein, so sind sie allemal gut erfunden. Die Geschichten werfen ein Licht auf wilde Zeiten, in denen erfolgreiche Broker wie Rockstars feierten und wie Rockstars gefeiert wurden. Die Wall Street produzierte neben Reichtum auch Glamour. Natürlich wird sich heute ebenfalls intensiv amüsiert, wie der Fall Mehmet Göker und der Skandal um die Immobilienhändler S+K beweisen.

Champagner-Flaschen

Champagner-Flaschen. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Aber wer sich richtig wilde Sausen unserer Zeit vorstellt, denkt wohl auch an Ergo-Versicherungsvertreter, die mit Plastikbändchen am Handgelenk auf Beutesuche durch Saunalandschaften schlurfen. Da zeigt Martin Scorsese in seinem Film "The Wolf of Wall Street" ein ganz anderes Kaliber.

Denn sein Protagonist Jordan Belfort hatte Phantasie: Der kreative Betrüger schrottete millionenschwere Superyachten und warf Kleinwüchsige unter dem Jubel seiner Angestellten durch den Handelsraum. Damals herrschte wegen der Deregulierung der Finanzmärkte durch Ronald Reagan und Margret Thatcher ein Zeitalter des Aufbruchs. Aggressive und talentierte junge Verkäufer, Broker und "Investoren" wie Belfort hatten ganz neue Möglichkeiten, sehr schnell ungeheuer reich zu werden.

Geistig-moralische Wende

Investmentbanker Investmentbank. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Für die letzte Goldgräberstimmung am Finanzmarkt zu Beginn des Jahrtausends sorgten Computerpower und kreative Finanzprodukte. Die Erfindung von verbrieften Krediten führte ziemlich schnell ins Chaos und hatte spektakuläre Bankenpleiten zur Folge. Die folgenschwerste war der Sturz der Investmentbank Lehman Brothers unter ihrem Boss Richard "Gorilla" Fuld.

In der Gegenwart und der jüngsten Vergangenheit sind Investoren und Banken darauf fokussiert, mit auf komplexer Mathematik basierenden Handelsstrategien Rendite zu erwirtschaften. Deshalb scheinen weniger charismatische Verkäufer, sondern eher Mathematiker und farblose Händler-Typen gefragt zu sein. Jedenfalls gewinnt man diesen Eindruck, wenn man sich die Bilder einiger Banker ansieht, die Milliardensummen verzockt haben. Der Goldman-Sachs-Händler "Fabulous Fab" Fabrice Tourre oder sein Kollege Jérôme Kerviel von der Société Générale erinnern an graue Funktionsträger, an einfache Rädchen im Getriebe.

Bestechung Betrug Investmentbanker Bankster Banker Verbrechen Schwarzgeld geheim Holtrop 1408. | Quelle: picture-alliance/dpa

Anders als seinerzeit Belfort dürften sie die Mittagspause nicht für Exzesse genutzt haben, sondern eher für eine Runde auf dem Laufband. Selbst der Milliardenbetrüger Bernard Madoff sieht aus wie der liebe Onkel aus der Nachbarschaft, der jeden Sonntag nebenan den Garten wässert.

Vertrauen ist gut…

Die Finanzbranche ist nach den wilden Zeiten und insbesondere nach den Erfahrungen der Finanzkrise um ein seriöses Image bemüht. Vertrauen schaffen oder zurückgewinnen lautet die Devise. Die Unternehmen geben sich "Philosophien". Corporate Governance, also Grundsätze der Unternehmensführung, sollen den Ordnungsrahmen für richtiges Handeln stellen.

Fabrice Tourre, ehemaliger Angestellter von Goldman Sachs (Quelle: picture-alliance/dpa)

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Compliance-Abteilungen wachen schließlich intern über die Regeltreue der Angestellten. Trotzdem: Die Bußgelder der Banken erreichen Rekordhöhen. Milliardenteure Händlerskandale wie die von Tourre oder Kerviel hat dieser moderne Ansatz nicht verhindert.