Top-Manager

Linde AG, Wolfgang Reitzle lachend

Abschied als Linde-Chef Wolfgang Reitzle geht in den (Un)-Ruhestand

Stand: 20.05.2014, 11:57 Uhr

Mit Linde-Chef Wolfgang Reitzle verabschiedet sich mit der heutigen Hauptversammlung einer der profiliertesten Unternehmenslenker eines Dax-Unternehmens in den altersbedingten Ruhestand. Die Füße hochzulegen ist aber sicher keine Option für den Top-Manager.

Wolfgang Reitzle ist 65 Jahre alt und hat heute seinen letzten Arbeitstag beim Industriegasekonzern Linde. Er wird den Aktionären für das vergangene Geschäftsjahr eine Dividendenerhöhung von 2,70 auf 3,00 Euro vorschlagen und dürfte auch sonst den meisten Linde-Investoren in bester Erinnerung bleiben.

Im Jahr 2003 übernahm der bayrische Schwabe den Chefsessel des Unternehmens. Im selben Jahr hatte der Dax-Titel gerade sein Allzeittief bei Kursen knapp unter 23 Euro markiert. Bei solchen Bewertungen, im Falle Lindes sogar niedriger als das Eigenkapital, läuten stets die Alarmglocken in einer Vorstandsetage, denn es droht nach den Gesetzen des Kapitalismus ein Private-Equity-"Heuschrecken"-Angriff. Dies abzuwenden war eine große Herausforderung für den neuen Chef.

»Ich wollte nicht in die Geschichte als derjenige Vorstandschef eingehen, unter dem Lindes Unabhängigkeit verloren ging.«

Wolfgang Reitzle

Den Konzern umgebaut

Gut zehn Jahre später droht dem Unternehmen diese Gefahr bestimmt nicht mehr. Denn unter Reitzles Ägide wurde der Konzern kräftig umgebaut. Eine Alternative gab es seiner Meinung nach nicht: "Uns blieb gar nichts anderes übrig, als unsere Performance zu steigern. Sonst hätten es andere gemacht."

Und obwohl Reitzle andere Optionen hatte, blieb er bei Linde. Er verlegte den Firmensitz von Wiesbaden nach München und verkaufte die damaligen Teilbereiche Kältetechnik und Gabelstapler an den Kion-Konzern und senkte die Kosten, unter anderem durch die Verkleinerung der Zentrale. Der wichtigste Schritt aber war die Ausrichtung des Unternehmens auf das margenstarke Geschäft mit Industriegasen.

Linde kaufte im Jahr 2006 den britischen Konkurrenten BOC und stieg zum Weltmarktführer auf. 2012 baute Reitzle dann seine Position mit dem 3,6 Milliarden Euro schweren Zukauf von Lincare, einem Spezialisten für medizinische Gase weiter aus. Seitdem scheint der Appetit gestillt, Reitzle vergleicht Linde mit einem Walfisch, der mit geöffnetem Maul durchs Meer schwimmt . "Gelegentlich bleibt ein kleiner Fisch stecken", beschreibt Reitzle bildlich die Lage beim Konzern.

Linde Gas. | Bildquelle: Unternehmen

Die "Heuschrecken" haben bei Linde jedenfalls keinen Angriffspunkte mehr. Nicht nur, dass die Marktkapitalisierung mittlerweile bei über 28 Milliarden Euro liegt - es gibt bei der alleinigen Ausrichtung auf das Gasegeschäft auch nichts mehr zu filetieren. Denn genau da liegt üblicherweise ein wichtiges Erfolgskonzept der Finanzinvestoren - Unternehmen zu zerschlagen und die Einzelteile mit höherem Gewinn zu verkaufen.

Rückkehr in den Aufsichtsrat offen

Ob Reitzle nach einer zweijährigen Abkühlungsphase in den Aufsichtsrat des Unternehmens zurückkehrt, ist weiter offen. Er äußert sich diplomatisch und verweist auf die neuen fünfjährigen Verträge der Mitglieder des Kontrollgremiums. Genannt wird sein Name aber auch immer wieder im Zusammenhang mit Siemens, dessen Kontrollchef Gerhard Cromme nicht unumstritten ist. Zudem sitzt er noch im Aufsichtsrat von Continental und ist Verwaltungsratschef des schweizerischen Baustoffkonzerns Holcim, der mit dem französischen Konkurrenten Lafarge gerade zu einem neuen Branchenriesen fusioniert. Ans Aufhören denkt Reitzle also noch nicht. Das Rentenalter von 65 Jahren scheint eher was für andere zu sein, nicht für Wolfgang Reitzle.

Nachfolger kommt aus der Chemie

In jedem Fall tritt Reitzles Nachfolger in große Fußstapfen. Mit dem 54-jährigen Wolfgang Büchele kommt ein promovierter Chemiker in die Münchener Firmenzentrale. Anders als Reitzle, der einen strammen und manchmal unnahbaren Führungsstil pflegte, soll Büchele zugänglich sein.

Er stand beim Dax-Kollegen BASF schon kurz vor der Berufung in den Vorstand, ehe sich diese dann doch noch zerschlug. Reitzles Freund Jürgen Hambrecht, ehemaliger BASF-Chef, gab mit seiner Empfehlung für Büchele letzlich den Ausschlag bei der Suche des Nachfolgers. Analysten schätzen übrigens bei BASF schon immer die hohe Managementqualität.

rm