Homeoffice

Gewagtes Experiment bei Peugeot Wird Heimarbeit die neue Regel?

Stand: 08.05.2020, 11:44 Uhr

Während auch in Frankreich die Menschen endlich wieder ihre Wohnungen ohne triftigen Grund verlassen dürfen, müssen viele Büroangestellte noch mindestens bis August im Homeoffice bleiben. Der Autohersteller PSA geht sogar noch weiter.

PSA, der Hersteller der Marken Peugeot, Citroën und Opel will seine Angestellten nur noch einen bis anderthalb Tage pro Woche im Büro arbeiten lassen. Den Rest der Zeit sollen sie im Homeoffice - in Frankreich Télétravail genannt - verbringen.

"Außerhalb der Produktion soll die Arbeit auf Distanz die Regel für alle Geschäftsbereiche werden", verkündete Personalchef Xavier Chereau per Videobotschaft. Künftig sollen also die Angestellten nicht mehr begründen müssen, warum sie zuhause arbeiten - sondern warum sie ins Büro kommen.

Ob das funktionieren wird, bleibt abzuwarten. In Frankreich, wo der Lockdown "confinement" (Beschränkung) genannt wird, sprechen viele Angestellte angesichts des oftmals bis August verlängerten Homeoffice inzwischen von "téléconfinement", einer Mischung aus Eingesperrtsein und Heimarbeit.

Bei den Gewerkschaften regt sich bereits Widerstand gegen das von PSA vorgeschlagene Modell. "Nicht jeder hat dafür zuhause ausreichende Möglichkeiten", sagte eine Vertreterin der Gewerkschaft CFDT im Zentralbetriebsrat von PSA gegenüber der "FAZ". Sie hält die Vorgabe der Konzernführung von einem bis anderthalb Tagen Büroarbeit pro Woche für sehr weitreichend.

Vorbehalte auch in Deutschland

Zudem erinnerte sie daran, dass die Firma auch ein sozialer Ort sei und übertriebene Heimarbeit in die Isolation führen könne. "Das akzeptieren wir als Gewerkschaft natürlich nicht; das wäre auch kontraproduktiv für das Unternehmen", wird sie von der Zeitung zitiert. Auch führe eine solche Regelung zu einer noch größeren Spaltung der Belegschaft zwischen Arbeitern, die weiter ins Werk kommen müssen, und Angestellten, die zu Hause arbeiten und sich per Videokonferenz und Messengerdiensten austauschen.

Auch in Deutschland bleiben die Vorbehalte gegenüber dem Homeoffice groß. Bereits im Januar 2019 berichtete der Branchenverband Bitkom in einer Studie von Befürchtungen vieler Arbeitgeber, dass ohne direkten Austausch mit den Kollegen die Produktivität sinke, Mitarbeiter nicht direkt ansprechbar seien und die Arbeitszeit nicht kontrolliert werden könne.

Als weitere Gründe für eine Ablehnung nannten die Unternehmen Sorgen um die Datensicherheit (22 Prozent), eine zu teure technische Ausstattung (16 Prozent) und die Befürchtung einer abnehmenden Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen (9 Prozent).

Arbeitgeber sollen Kosten übernehmen

In Frankreich fordern die Gewerkschaften, dass die Arbeitgeber auch Kosten übernehmen, die bei der Heimarbeit anfallen. Dazu gehöre etwa der Kauf eines ordentlichen Bürostuhls oder eines größeren Bildschirms. PSA-Mitarbeiter berichten von einem "Einrichtungszuschuss" von 150 Euro, sowie zehn Euro für die monatlichen Stromkosten. Auch stellen große französische Unternehmen ihren ins Homeoffice verbannten Mitarbeitern in der Regel Laptops zur Verfügung.

Ob das auch für Mittelständler gilt, weiß niemand. Einigen französischen Gewerkschaften wie der kommunistischen CGT gehen die Hilfen der Arbeitgeber nicht weit genug. Weil das französische Steuersystem keine Abschreibungen wie in Deutschland erlaubt (Stichwort Arbeitszimmer), fordern sie, dass die Arbeitgeber einen Teil der Miete oder der Hypothekenkredite übernehmen. Die durch verstärkte Heimarbeit geplanten Einsparungen würden sich damit allerdings drastisch verringern.

Dennoch plant etwa PSA sein Hauptquartier im Pariser Vorort Rueil-Malmaison wieder zu schließen und den Hauptsitz in das noch weiter draußen gelegene Werk Poissy zu verlegen. Das wäre bereits der dritte Umzug innerhalb weniger Jahre, hat das Unternehmen doch erst 2017 seinen langjährigen Hauptsitz im 16. Bezirk von Paris aufgegeben. Welche Kosten mit diesen Umzügen verbunden waren, sagt PSA nicht.

lg