Rocket Internet SE-CEO Oliver Samwer

Bald wieder der aggressivste Mann im Internet? Wie Oliver Samwer Rocket Internet jetzt alleine rockt

von von Till Bücker

Stand: 30.10.2018, 13:56 Uhr

Eigentlich sollte Oliver Samwer nur für eine Übergangszeit neben seinem Chefposten auch das Finanzressort des Berliner Startups Rocket Internet übernehmen. Nun wird gemunkelt, diese Konstellation sei dauerhaft angelegt. Was Anlegerschützer ärgert, ist für Rocket Internet vielleicht ein Glücksgriff. Das Porträt eines Managers, der polarisiert.

"Ich bin der aggressivste Mann im Internet", sagte der 46-jährige CEO einst von sich selbst. Medien beschreiben Oliver Samwer als eine Zumutung: eben aggressiv, ein Großmaul und fast größenwahnsinnig - auf der anderen Seite hochbegabt, genial und erfolgreich. Samwer stellt sich auf eine Stufe mit Mark Zuckerberg, Steve Jobs oder Jeff Bezos. Der in Köln aufgewachsene Selfmade-Milliardär polarisiert. Wer ihn mag, findet ihn großartig, wer nicht, findet ihn besessen und irre.

Seine Vision stellte Samwer 2014 in der bisher erfolgreichsten Zeit des Unternehmens in einem Dokumentarfilm des ZDF dar: 150.000 Menschen sollen eines Tages für ihn arbeiten, seine Firma soll so groß werden wie Google und Facebook. Warum er so viel Erfolg hat? "Wir arbeiten jeden Tag 18 Stunden und deshalb gewinnen wir."

Skrupellos verfolgte Samwer seit der Gründung 2007 den Gedanken von Rocket Internet: Amerikanische Ideen von Internet-Diensten kopieren, mit viel Geld und Werbung groß machen, auf den Markt bringen und zum Teil verkaufen. So gründete und investierte Samwer in zahlreiche Startups. Er gilt als Ideenklauer, der besonders auf den Wachstum seiner Online-Dienste setzt - die Welt will erobert werden.

Der Aufstieg der Samwers

Bereits im Teenie-Alter hatte Samwer offenbar diesen unbändigen Ehrgeiz und versprach sich mit seinen beiden Brüdern Marc und Alexander, gemeinsam ein Unternehmen aufzuziehen. Oliver, der nach dem Abitur mit einem Notenschnitt von 0,8 Betriebswirtschaftslehre an einer privaten Wirtschaftshochschule bei Koblenz studierte, war stets die treibende Kraft des Trios. 2001 folgte der erste große unternehmerische Erfolg: Die Brüder, noch unter 30 Jahren, holten die US-Handelsplattform Ebay nach Deutschland und verkauften die Kopie Alando nach 100 Tagen mit einem Erlös von 43 Millionen Dollar an das Original.

Die Brüder Alexander, Oliver und Marc Samwer (v. l.)

Die Brüder Alexander, Oliver und Marc Samwer (v.l.) im Jahr 2014. | Bildquelle: picture alliance / dpa

So ging es weiter. Das Vermögen ging rasch nach oben, immer nach dem gleichen Prinzip. Inzwischen hält Rocket Internet Beteiligungen an über 130 Unternehmen. Alle Geschäfte laufen im Internet. Stillstand ist für Samwer keine Option. Nichts schreckt ihn ab, seine Geschäftsmodelle übertragt er auf viele weitere Länder und investiert in Infrastruktur, falls der Handel mal nicht läuft. Eines der bekanntesten Rocket-Projekte ist Zalando.

Oft wirkt Samwer etwas underdressed und nicht perfekt gestylt. Er hat Wichtigeres zu tun, als sich um sein Äußeres zu kümmern. Stets spricht er ein wenig zu schnell. Für Smalltalk oder nervige Fragen hat der Mann keine Zeit. Er geht weder ins Theater noch liest er Bücher. Meist hat Samwer ein Handy am Ohr und schreibt gleichzeitig E-Mails. Gespräche mit Angestellten soll er gerne mit dem Satz "Execution now!" ("Ausführung jetzt!") beenden. Für ihn scheint nur eins zu gelten: Die Erfüllung seiner Mission. Koste es, was es wolle. „Das Rad, das der Olli dreht, muss immer und immer größer werden“, berichtete einst ein Weggefährte. Nur dann sei er zufrieden.

Doch nicht alles läuft rund

In den vergangenen Jahren ist es allerdings etwas ruhiger geworden um den Unternehmer Oliver Samwer. Rocket Internet befand sich lange im Abwärtsstrudel, das Modell steckte immer mal wieder in der Krise und schien überholt.

Oliver Samwer vor der Frankfurter Börse

Oliver Samwer 2014 vor der Frankfurter Börse. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Auch der Börsengang der Gründerfabrik brachte nicht den erhofften Erfolg. 2014 lächelte Samwer noch selbstbewusst in die Kameras und griff an die Hörner des Bullen auf dem Börsenplatz in Frankfurt. Die Aktie ging mit 42,50 Euro an die Börse, hatte ihren Höhepunkt 2015 mit 57,08 Euro und liegt mittlerweile nur noch bei rund 25 Euro - ein Kursverlust von mehr als 40 Prozent. Das kann dem angeblich krankhaft ehrgeizigen Samwer gar nicht gefallen. Er würde sterben, um zu gewinnen, hatte er mal getönt.

Doch Samwer ist fleißig. Stets hetzt er von Termin zu Termin, ackert sieben Tage die Woche und gibt alles für seine Firma. Gerade legt Samwer einen neuen Milliardenfonds an. Mit dem Möbel-Startup Westwing ging er vor Kurzem an die Börse und schloss damit den vierten IPO innerhalb eines Jahres (Delivery Hero, HelloFresh, Home24) ab. Im ersten Halbjahr schaffte Rocket Internet den ersten Halbjahresgewinn in Höhe von 297 Millionen Euro. Die Startup-Schmiede kommt 2018 ihrem Ziel näher, nach etlichen Verlusten erstmals in ihrer Geschichte einen Jahresgewinn zu erzielen.

Die ganz großen Töne spuckt Samwer nicht mehr. Legendär ist seine 2011 geleakte E-Mail an Führungskräfte mit dem Betreff "When it's time for blitzkrieg", in der er seine Mitarbeiter aufforderte, Strategiepläne aufzustellen, die "mit eurem Blut unterschrieben" sind. Vielleicht läuft Samwer jedoch bald wieder zur alten Form auf: aggressiv, kantig und polarisierend.

Seit Oktober Alleinherrscher

Seine Brüder haben schon seit einigen Jahren keine Aufgaben mehr. Im August hatte Rocket Internet außerdem den Weggang von Finanzvorstand Peter Kimpel angekündigt, der als Deutschlandchef zur Barclays Bank wechselte. Samwer übernahm daraufhin in diesem Monat den Vorstandsvorsitz und die Finanzen in Personalunion.

Oliver Samwer (l.) und Peter Kimpel

Oliver Samwer (l.) und Peter Kimpel. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) fordert den Aufsichtsrat auf, mit der Suche nach einem neuen CFO "schnellstmöglich zu beginnen". Samwer sollte "nur für eine Übergangszeit" auch das Finanzressort übernehmen, sagte SdK-Sprecher Michael Kunert Anfang Oktober. Offenkundig sei diese Konstellation aber "dauerhaft angelegt". Die Erfahrung lehre, dass es "gut und wichtig ist, einen unabhängigen Finanzchef zu haben", sagte Kunert. Das gelte besonders in einem Unternehmen wie Rocket Internet, in dem der Gründer ohnehin eine dominierende Rolle innehabe.

Als Einzelkämpfer zur alten Form?

Was die Anlegerschützer besorgt, könnte für Rocket Internet dagegen vorteilhaft sein. Die Alleinherrschaft des 46-jährigen Chefs könnte zum Glücksfall werden, wenn Samwer wieder mehr Dampf macht. Denn das MDax-Unternehmen verfügt seit den Aktienmarktdebüts der vier Startups in diesem Jahr über viel Kapital, das investiert werden kann: 2,1 Milliarden Euro. Bereits im September kündigte der Chef an, mit einem Teil des Gewinns erneut eigene Aktien zurückzukaufen.

Außerdem sieht Samwer sich in vielen Bereichen für Neugründungen um. "Bei den Sektoren sind wir offener als noch vor vier Jahren", sagte der CEO dem "Manager Magazin". "Software, Fintech, künstliche Intelligenz und Marktplätze" - all das sei möglich. Investments sind mittlerweile zum Hauptgeschäft von Rocket Internet geworden. Der Aufbau eigener Startups wurde weitgehend eingestellt. Bis Ende des Jahres will Samwer ein bis zwei Milliarden Dollar für Investments einsammeln und trommelt bei Investoren für einen neuen Fonds.

Vielleicht könnte Samwer wieder zu dem Typen werden, der er mal war. Der, der das World Wide Web erobern will und den Rest der Welt gleich mit: ein Haudrauf-Unternehmer, der alle niederringt - eben der aggressivste Mann im Internet.