Hochfrequenzhandel

Hat der Hochfrequenzhandel verspielt? Die Macht der Flash Boys

Stand: 07.06.2017, 15:57 Uhr

Sind sie nun gut oder böse? Gewinnen sie an Macht oder verschwinden sie in der Bedeutungslosigkeit? Die Finanzwelt ist uneins in ihrem Urteil über die Flash Boys, die Hochfrequenzhändler an der Börse. Selbst an den Fakten scheiden sich die Geister.

Für die Credit Suisse ist der Hochfrequenzhandel eine enorme Macht. Er habe sich im Markt-Ökosystem fest etabliert und habe "die Finanzindustrie neu geformt", schrieb die Bank in einer Studie, die sie mit den plakativen Worten überschrieb "We are all high-frequency traders now". Ihr Einfluss sei weitreichend und von Dauer.

Ganz anders das "Wall Street Journal", das von einem schwächer werdenden Nischengeschäft an der Wall Street spricht. Der einst lukrative Hochfrequenzhandel kämpfe nun mit ungünstigen Marktbedingungen, brutalem Wettbewerb und steigenden Kosten.

Volatiler oder nicht?

Die Faktenlage ist nicht eindeutig. Das fängt schon dabei an, den Anteil des Hochfrequenzhandels am Markt zu beziffern. Zwischen 40 und 70 Prozent des Aktienumsatzes sollen es sein. Genauer geht es nicht, auch weil beispielsweise die Zahl der Transaktionen in den wenig transparenten Dark Pools nur geschätzt werden kann.

Uneinigkeit herrscht auch darüber, ob der Handel durch die Flash Boys ruhiger oder volatiler geworden ist. Klar ist nur, dass die Flash Boys seit 2008/2009 vor dem Hintergrund der Finanzkrise eine dominierende Größe geworden sind. So hat der HFT das gesamte Marktvolumen dramatisch vergrößert.

Der Flash Boy - nützlich oder schädlich?

Seit einer kleinen Ewigkeit wird darüber gestritten, ob der Hochfrequenzhandel nun gut oder böse ist. Nicht erst seit dem Bestseller "Flash Boys: A Wall Street Revolt", der 2013 erschien. Autor Michael Lewis wirft darin den bis an die Zähne technisch hochgerüsteten Turbohändlern vor, den Markt mit ihren superschnellen Rechnern zu manipulieren. Sie seien dadurch den anderen Anlegern immer einen Schritt voraus.

Die HFT-Befürworter weisen das natürlich zurück. Sie argumentieren, der Hochfrequenzhandel erhöhe die Liquidität und nutze damit den Märkten. Er sorge für effizientere Preise.

Die Deutsche Bundesbank hat sich klar positioniert: auf ein sowohl als auch. Sie stellte in ihrer im Oktober erschienen Studie fest: In einem ruhigen Marktumfeld leisteten Hochfrequenzhändler einen bedeutenden Beitrag dazu, dass die Märkte liefen. Hier können Sie die Studie nachlesen. Aber ganz anders in Phasen von "ansteigendem Marktstress". Dann kann der gemeine Flash Boy äußerst schädlich sein. Dann stabilisiere er keineswegs die Börsen, sondern erhöhe die Unruhe durch sein Handeln noch. Das Risiko von hohen Kursausschlägen steige, "wodurch Marktverwerfungen bis hin zu Flash Events begünstigt werden könnten" – worunter dann alle Anleger leiden.

Der Flash Crash und die Circuit Breaker

Beispiel dafür gibt es zuhauf. Etwa am 6. Mai 2010, als der Leitindex Dow Jones binnen Minuten um über sechs Prozent abstürzte. Der Vorfall ging als "Flash Crash" in die Börsengeschichte ein.

Die Konsequenz: An den US-Börsen wurden so genannte Circuit Breaker eingeführt. Das sind Sicherungen, die ähnlich wie im Stromkreis größere Schäden verhindern sollen. Fällt eine Aktie binnen fünf Minuten um zehn Prozent oder mehr, wird automatisch der Handel ausgesetzt.

Auch die Deutsche Börse hat solche Volatilitätsunterbrechungen bei großen Marktschwankungen eingeführt. Bevor es zu ungewöhnlich großen Kursausschlägen kommt, unterbricht der Börsenbetreiber dabei kurz den Handel. Er sammelt dann alle Handelsaufträge und überzeugt sich gegebenenfalls von der Richtigkeit der Gebote. Wenn alle Zweifel ausgeräumt sind und ein neuer Marktpreis gefunden ist, geht der Handel weiter.

Bundesbank will Tempolimit

Die Bundesbank will die Turbohändler aber weiter ausbremsen und eine Art Tempolimit einführen. Statt eines stetigen Handels will sie eine Abfolge von Auktionen einrichten. Handelsaufträge würden gebündelt und dann in kurzer Abfolge über eine Auktion ausgeführt. Der Geschwindigkeitsvorteil von Hochfrequenzhändlern soll so verringert werden, empfahl sie in ihrem Monatsbericht von Oktober 2016.

Außerdem könnte eine kleine Zeitverzögerung bei der Orderausführung aller Börsenakteure eingeführt werden. In den USA gibt es das bereits: Die neue elektronische Handelsplattform IEX bremst den Aktienhandel an der Wall Street um 350 Mikrosekunden - und will so den Handel fairer machen.

Die EZB will aber Turbohändler nicht zu hart an die Kandare nehmen. Da schwingt auch die Sorge mit, dass sich dies negativ auf die Liquidität am Markt auswirkt und somit der Finanzstabilität schaden könnte. Viele Banken haben ihre Handelsaktivität nach der Finanzkrise heruntergefahren. Die Europäische Zentralbank hat lediglich Sicherheitsmechanismen empfohlen, die bei der Deutschen Börse und anderen Handelsplattformen aber bereits zum Einsatz kommen. In einer Studie empfahl sie so genannte Notschalter (Kill-Switches), mit denen die Orders eines Turbo-Händlers gelöscht werden können, sowie Geschwindigkeitsdrosselungen (Message Throttling), wenn Hochfrequenzhändler übermäßig viele Kauf- und Verkaufsangebote schicken. Auch die Deutsche Börse hält das für sinnvoll. An ihrer Derivatebörse gebe es diese und andere Sicherheitsmaßnahmen schon lange.

Auch die Deutsche Börse sieht keinen Grund, das Marktmodell zu ändern. Sie verweist darauf, dass es an ihrer Derivatebörse Eurex seit 2008 trotz Phasen mit hoher Volatilität zu keinem einzigen "Flash Crash" gekommen ist - auch nicht nach dem überraschenden Brexit-Votum am 23. Juni. "Dank unserer Sicherungsmechanismen waren wir in der Lage, ohne Vorfälle die Preisbildung zu ermöglichen", so die Begründung. Bei Deutschlands größtem Börsenbetreiber sind Hochfrequenzhändler für rund 25 Prozent der Erlöse verantwortlich.

Deutschland hat bereits 2013 ein Hochfrequenzhandelsgesetz verabschiedet, um die Transparenz und Sicherheit im Börsenhandel zu erhöhen. Vorschläge, Algo-Trader durch Mindesthaltefristen auszubremsen, wurden damals allerdings verworfen.

Jüngst hat der Bundestag die Umsetzung einer EU-Richtlinie beschlossen (Mifid II), die den Turbohandel an der Börse reguliert. Damit sollen Störungen durch automatisierte Handelssysteme begrenzt werden. Eine neue Erlaubnispflicht für bisher nicht überwachte Handelssysteme soll zudem Lücken bei der Kontrolle von Handelsplätzen schließen.

bs

Wenn die HFT-Händler zuschlagen

Der Hochfrequenzhandel wird für etliche nicht erklärbaren Kursturbulenzen in der Vergangenheit als Schuldiger ausgemacht. Sowohl für Crashs als auch für Marktverzerrungen im bullishen Sinn. Hier einige Beispiele, wo die schnellen Finger der Flash Boys zugschlagen haben.

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Von Crashs und Rallys Die schnellen Finger der Flash Boys

Broker an der New Yorker Börse schaut erschreckt nach oben

Die Mutter aller Flash Crashs - beim Dow Jones
Im Mai 2010 fiel der amerikanische Leitindex Dow Jones auf einen Schlag um über neun Prozent. Das war das größte Minus seit dem schwarzen Montag 1987. Es vernichtete eine Billion Dollar Börsenwert. Die Flash Boys hatten den Absturz überhaupt erst so heftig ausfallen lassen.