20 Jahre Lufthansa-Privatisierung

Lufthansa-Maschine mit Kondensstreifen vor dunkelblauem Himmel

Vom Luxus für die Elite zum Massenflug nach Malle Wie der Lufthansa Flügel wuchsen

von Thomas Spinnler

Stand: 13.10.2017, 09:02 Uhr

In der Pionierzeit des Personenflugverkehrs Anfang des vergangenen Jahrhunderts war das Fliegen auch für die Passagiere ein Abenteuer. Die Lufthansa war von Anfang an dabei. 20 Jahre nach der vollständigen Privatisierung der Kranichlinie zeigen wir, wie die Lufthansa wurde, was sie ist.

Warteschlange an einem Lufthansa-Schalter in Frankfurt

Warteschlange an einem Lufthansa-Schalter in Frankfurt. | Bildquelle: picture alliance / Frank Rumpenhorst/dpa

Es war ein weiter Weg von der Frühzeit des Personenflugverkehrs bis zur modernen Massenabfertigung der Fluggastherde. Heute sehen wir endlose Schlangen in den Flughallen, Starts und Landungen an den Drehkreuzen des Flugverkehrs im Minutentakt und randvolle Urlaubsflieger, in denen die Fluggäste in Billigfliegern beengt und so gut wie servicefrei in die Urlaubsbunker an irgendeinem Strand verbracht werden.

Als die Lufthansa im Jahr 1926 entstand, war an all das noch nicht zu denken. Startschuss der Lufthansa-Geschichte war der 6. Januar 1926, als im Berliner Hotel Kaiserhof die „Deutsche Luft Hansa AG“ gegründet wurde.

Weit entfernt vom Massenmarkt

Bequem war das Fliegen in den frühen 20er Jahren nicht. Die Flugstrecken waren kurz, weil die Maschinen nur eine geringe Reichweite hatten. Die Piloten mussten häufig zwischenlanden. Man flog tagsüber auf Sicht ohne Instrumente und das Wetter spielte eine wichtige Rolle.

Auch die Passagiere waren in der Frühzeit der Witterung ausgesetzt, es war ratsam Mantel und Mütze anzubehalten, wenn man zwischen Kisten und Paketen Platz nehmen musste. Trotzdem war das Fliegen teuer und deshalb nur einer Elite vorbehalten. Ob der Flugplan eingehalten wurde, war unter diesen Bedingungen Glücksache. Schlimm war das nicht, weil das Leben nicht so eng getaktet war wie heute.  

Rasantes Wachstum

Für den Flug von Berlin nach Paris brauchte die Lufthansa mit Zwischenlandungen mehrere Stunden. Die Fluggäste konnten immerhin in Berlin frühstücken und - nachdem man sich in der Luft hat durchschütteln lassen und zwei Zwischenstopps überstanden hatte - in Paris zu Abend essen: Was für ein Luxus! Geflogen wurde damals unter anderem die Ju 24, eine Propellermaschine, die Platz für ganze neun Passagiere hatte. Im ersten Jahr des Bestehens beförderte die Lufthansa bereits knapp 57.000 Fluggäste. Nur zwei Jahre später hatte sich das Passagieraufkommen schon auf 110.000 fast verdoppelt.

Lufthansa Focke Wulf FW Condor 1938

Fluggäste der Lufthansa im Jahr 1938. | Bildquelle: Lufthansa

In den 30er Jahren wurde der technische Fortschritt immer spürbarer und das Fliegen bequemer. Das Streckennetz wuchs und Nonstop-Flüge zwischen europäischen Metropolen wurden möglich. Die berühmte „alte Tante“ Ju 52 gehörte ab Mai 1932 zur Luftflotte. Sie konnte immerhin 15 bis 17 Passagiere befördern und hatte eine Reichweite von rund 1.200 Kilometern.

Die Alliierten lassen liquidieren  

Im September 1934 nach acht Jahren Flugbetrieb begrüßt die Fluggesellschaft ihren ein-millionsten Passagier. Die moderne Lufthansa benötigt dafür heute nur drei bis vier Tage. Im Jahr 1938 beförderte sie etwa 300.000 Passagiere. Es war das letzte Geschäftsjahr mit vollem Flugbetrieb. Danach bestimmte der Krieg das Geschäft.  

Die Lufthansa hatte während des Dritten Reichs mit der Luftwaffe zusammengearbeitet. Deshalb wurde von den Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg beschlossen, das Unternehmen abzuwickeln. Die Zwangspause dauerte einige Jahre. Im Jahr 1953 wurde schließlich die „Aktiengesellschaft für Luftverkehrsbedarf“ (Luftag) mit Sitz in Köln gegründet.

Adolf Hitler 1933 vor einer Maschine der Luft Hansa

Damals vermutlich gute Werbung, heute das Gegenteil: Adolf Hitler 1933 vor einer Maschine der Luft Hansa. | Bildquelle: picture-alliance / Mary Evans Picture Library/WEIMA

Im darauffolgenden Jahr kaufte die Luftag den Namen, das Markenzeichen, den Kranich und die Farben blau und gelb von der ersten Lufthansa, die sich zu diesem Zeitpunkt in Liquidation befand und benannte sich um in „Deutsche Lufthansa Aktiengesellschaft“. Aktionäre waren das Land Nordrhein-Westfalen und der Bund.

Auf dem Weg zur modernen Fluggesellschaft

Der erste Flugplan sah gerade einmal vier Flüge in einer Woche vor. Auf Wochenendtrips in europäische Metropolen mussten die Passagiere verzichten, denn es wurde nur werktags geflogen. Das Angebot wuchs schnell, noch im gleichen Jahr wurden schon Interkontinentalflüge angeboten. Angeflogen wurden zwölf Flughäfen. 1959 flogen schon 786.000 Passagiere mit der Lufthansa. Es war das letzte Jahr der Propellerära, dann stellte das Management um auf moderne Jets.

Boeing 707-430 der Lufthansa

Boeing 707-430 der Lufthansa. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Im Jahr 1965 wies Lufthansa nach einigen Verlustjahren einen Nettogewinn von 36,9 Millionen Mark aus. Ein Ticket für die Strecke Frankfurt–New York und zurück kostete Mitte der 60er Jahre übrigens rund 2.000 Mark. Für einfache Arbeiter war das immer noch unerschwinglich, denn der Durchschnittslohn betrug damals rund 600 Mark brutto.

Zum Glück für die Lufthansa war das Wirtschaftwunder in vollem Gange: Die Löhne stiegen schnell, das Bundesurlaubsgesetz mit 24 Werktagen Urlaub trat 1963 in Kraft und der Urlaub auf Malle oder am Teutonengrill in Italien wurde erfunden.  

Zwischen Ölpreisschock und Wirtschaftskrise   

Die Umstellung auf eine Jetflotte Anfang der 60er Jahre war teuer. Immer mehr moderne Flugzeuge wurden benötigt. Damals wie heute war das Geschäft extrem kostenintensiv und bis man überhaupt Geld verdienen kann, muss viel Geld investiert werden - im Grunde ein fortlaufender Prozess.

Um sich das notwendige Kapital zu besorgen, ist ein Börsengang eine gute Methode. Im April 1966 verkaufte der Bund einen Anteil am Unternehmen an der Börse. Auch Privatleute hatten erstmals die Chance, Aktien zu kaufen. Eine echte Volksaktie waren Lufthansa nicht, denn eine Aktie hatte einen Nennwert von 1.000 Mark.

In den 70er Jahren bestimmten dann die Wirtschaftskrise und der gestiegene Ölpreis das Geschäft. Fluggesellschaften sind von beiden Faktoren ganz besonders abhängig, wie sich in der Geschichte der Lufthansa immer wieder zeigen wird. Im Jahr 1975 beförderte die Lufthansa erstmals in einem Jahr über zehn Millionen Fluggäste.

Lufthansa- und Börsenmitarbeiter beim Börsengang 1997

Zweiter Lufthansa-Börsengang 1997. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Erst die Telekom, dann die Lufthansa   

Im Jahr 1996 ging zuerst die Telekom an die Börse, 1997 folgte der Rest der Lufthansa. Dem Bund gehörten noch rund 37 Prozent an der Fluggesellschaft, die an der Börse auch an Privatanleger verkauft wurden. Am 13. Oktober 1997 begann der Handel auf dem Parkett, eine Aktie kostete rund 35 Mark oder umgerechnet etwa 18 Euro. Im Juli 1998 erreichte die Aktie schließlich ihr bis heute gültiges Rekordhoch bei 28,70 Euro.

Lufthansa: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr
Kurs
20,45
Differenz relativ
+4,07%

Und anders als bei der Telekom-Aktie, die wohl niemals wieder ihr damaliges Niveau erreichen wird, nähert sich das Lufthansa-Papier nach einem zwanzigjährigen Auf und Ab wieder dem früheren Kurs. Allein in den vergangenen zwölf Monaten verteuerten sich die Anteilsscheine um mehr als 150 Prozent auf den aktuellen Preis von rund 25 Euro. Geht es der Lufthansa nach einigen schwierigen Jahren wieder blendend?  

Preiskampf mit den Billigfliegern

Lufthansa-Chef Carsten Spohr

Carsten Spohr, Vorstandschef. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Der aktuelle Vorstandschef Carsten Spohr war im Jahr 2014 angetreten, um den Konzern umzubauen und neu zu strukturieren. Denn insbesondere die Konkurrenz durch Billigflieger hat das durch die Finanzkrise und den massiven Ölpreisanstieg ohnehin schon schwierige Geschäft in den vergangenen Jahren sehr belastet.     

Gemessen an der Zahl der Fluggäste ist der einstige europäische Branchenprimus Lufthansa heute nur noch die zweitgrößte Fluggesellschaft Europas. Die Kranichlinie beförderte 2016 fast 110 Millionen Menschen, wurde aber von der Billigfluglinie Ryanair überflügelt, die 117 Millionen Passagiere herumflog. Trotzdem hat die Lufthansa binnen zehn Jahren die Passagierzahlen verdoppelt und machte 2016 einen Rekordgewinn von 1,8 Milliarden Euro.  

Warum Air Berlin?

An der Bedeutung von Ryanair und anderen Konkurrenten wie Easyjet lässt sich erkennen, wo die aktuellen Probleme der Luftfahrt  liegen. Es herrscht ein massiver Preiskampf, insbesondere in Europa. Das Flugangebot wächst, das drückt auf die Ticketpreise. Ein Ende ist nicht absehbar und der Preiskampf hat Folgen: Europas Flugmarkt ist gerade in heftiger Bewegung. Nach Air Berlin musste kürzlich auch die britische Monarch Airlines Insolvenz anmelden.

Um hier weiter an der Spitze mitzufliegen, verstärkt die Premium-Marke Lufthansa in diesem Segment seit langem schon ihr Engagement und ist daran interessiert, den Massenmarkt zu bedienen. Vor diesem Hintergrund ist auch die Übernahme großer Teile von Air Berlin zu sehen, die von den meisten Experten begrüßt wird.    

Fluggesellschaften hängen am Ölpreis  

Die Luftfahrt bleibt ein globaler Wachstumsmarkt. Er wächst pro Jahr um einen mittleren einstelligen Prozentbetrag. Immer mehr Menschen können sich eine Flugreise leisten und auch das globale Frachtaufkommen wächst. Im Jahr 2014 hatten die Fluggesellschaften nach IATA-Angaben, dem Dachverband der Fluggesellschaften, insgesamt noch 16,4 Milliarden Dollar verdient. 2016 verzeichneten die Airlines einen Gewinn von 34,8 Milliarden Dollar.

Ein Flugzeug wird betankt

Flugzeugbetankung. | Bildquelle: colourbox.de

Also alles in bester Ordnung? Nicht ganz, denn ein Löwenanteil des Gewinnanstiegs haben die Fluggesellschaften dem gesunkenen Kerosin-Preis zu verdanken. Seit Mitte 2014 hat sich der Ölpreis zeitweise mehr als halbiert, die Gesamtgewinne haben sich verdoppelt. Die Korrelation ist natürlich keineswegs so einfach. Aber man kann feststellen, dass die aktuellen wirtschaftlichen und konjunkturellen Verhältnisse Spohrs Job deutlich erleichtern. Denn wie gesagt: Konjunktur und Ölpreis sind immer zwei wichtige Faktoren für den Erfolg der Lufthansa gewesen.

Und wenn immer mehr Fluggesellschaften Opfer des Preiskampfs werden, fallen Wettbewerber aus und die Ticketpreise können irgendwann wieder steigen. Andernfalls werden wir vielleicht bald wie einst die Pioniere des Personenflugverkehrs vor knapp einhundert Jahren auf unserem Flug nach Mallorca mit Mantel und Mütze zwischen Postsäcken und Frachtkisten sitzen.

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Die Geschichte der Lufthansa in Bildern Galerie

Lufthansa Rohrbach Roland I, 1926

Lufthansa Rohrbach Roland I, 1926
In den 20er Jahren war das Fliegen nicht immer besonders bequem, aber dafür recht exklusiv. Nur besonders Vermögende konnten es sich leisten, mit dem Flugzeug zu reisen.