Screenshot der Homepage von Muddy Waters (22.04.2016)

Leerverkäufer Wer ist Muddy Waters?

Stand: 12.04.2017, 16:22 Uhr

Kann man mit fallenden Kursen Geld verdienen? Man kann sogar sehr gut, wie die jüngsten Erfolge von sogenannten Leerverkäufern gezeigt haben. Einer von ihnen ist die Research-Plattform Muddy Waters. Was steckt dahinter?

Zunächst müsste die Frage lauten, wer hinter Muddy Waters steckt. Die Antwort lautet Carson Block, ein 40-jähriger amerikanischer Jurist und Gründer der Plattform. Er hat sich nicht nur seit seiner Leerverkaufsattacke gegen das Medienunternehmen Ströer aus dem MDax im vergangenen Jahr einen Namen gemacht, sondern vor allem auch schon chinesische Unternehmen erfolgreich ins Visier genommen.

Allgemein suchen Leerverkäufer wie Muddy Waters oder der jüngst mit der Attacke auf Aurelius in die Schlagzeilen gekommene Dienst Gotham City gezielt nach Unternehmen, die vermeintlich ihre Bilanzen geschönt haben oder von einem betrügerischen Management geführt werden. Der Aufschrei an der Börse ist meist groß, wenn die Vorwürfe dann in einem frei zugänglichen Research-Bericht im Internet veröffentlicht werden, was geschieht, nachdem Aktien des betroffenen Unternehmens zuvor leer verkauft wurden.

Erhöhung der Transparenz

Block sieht sich und seine Branche damit als gesundes Gleichgewicht zu exzessiven Spekulationen, Bilanzbetrug oder zur Ausbildung von Vermögensblasen. Indem Muddy Waters die Transparenz erhöhe, diene man dem Shareholder Value, heißt es auf der Homepage des Unternehmens. Block sieht sich also eher als Anlageschützer denn als Spekulant. Trotzdem verdient er natürlich prächtig, wenn der Plan aufgeht.

Block stellt die Andersartigkeit seines Ansatzes heraus, denn er betrachtet Informationen, die bereits am Markt veröffentlicht wurden, er blickt also in die Vergangenheit. Anders eben als die meisten Hedgefonds, die meist Aussagen zur Zukunft eines Unternehmens machen. Nicht immer stößt er dabei auf Gegenliebe, besonders bei den betroffenen Unternehmen, aber auch bei den Aufsehern. Letzere verboten in den USA auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Jahr 2008, Bankaktien leer zu verkaufen. Amoralisch, wie viele sagen, seien seine Geschäfte aber nicht, erklärte Block gegenüber der "NZZ". Unmoralisch seien nur diejenigen, die nur im eigenen Interesse handeln und sich von Gier treiben ließen.

Die erste Idee

Wie kam Block zum Short Selling, wie die Leerverkaufsstrategie im Englischen genannt wird? Auslöser war 2010 sein Vater, Bill Block, der als Aktienanalyst in Kalifornien tätig war. Seinen zu diesem Zeitpunkt in China tätigen Sohn Carson bat er, vor Ort den chinesischen Papierhersteller Orient Paper in Augenschein zu nehmen. Dessen in den USA börsennotierte Aktie wollte Block Senior seinen Kunden empfehlen.

Sohn Carson merkte schnell, dass bei Orient Paper nichts stimmte. Statt einer großen Fabrik fand er nur ein heruntergekommenes Firmengebäude an einer kaum befahrenen Straße. Niemals hätte dieses Unternehmen die gemeldeten Absatzzahlen über diesen Weg erzielen können. Die Führung durch das veraltete Gebäude sowie das Studium chinesischer Behördenunterlagen und Börsenprospekte bestätigte, dass es bei Orient Paper nicht mit rechten Dingen zuging.

Er fischte damit buchstäblich im Trüben, die Erklärung für den Namen der neu gegründeten Firma: Muddy Waters, zu deutsch "Trübe Gewässer". Block kam nämlich der Gedanke, auf einen Kurseinbruch der Aktie zu setzen. Endgültig bekannt wurde er dann, als er dem milliardenschweren chinesischen Forstkonzern Sino Forest im Jahr 2011 massiven Betrug vorwarf. Dessen Aktie war in Kanada gelistet. Die Behörden leiteten Untersuchungen ein, Sino Forest meldete 2012 Insolvenz an.

Kurz vor Weihnachten 2015 attackierte Block den französischen Supermarktbetreiber Casino, dessen Aktie abstürzte. Der Muttergesellschaft von Casino wurde vorgeworfen, massiv überschuldet zu sein. Trotz aller Dementis trat in der Folge der Casino-Chef zurück und die Muttergesellschaft präsentierte einen umfassenden Entschuldungsplan. Mittlerweile hat sich das Papier wieder erholt.

rm