Batman fliegt über Gotham City

Der Aurelius-Jäger Wer ist Gotham City?

von Bettina Seidl

Stand: 31.03.2017, 13:20 Uhr

Nein, es geht hier nicht um die fiktive Welt von Batman. Nicht um die Stadt, in der Christian Bale gegen das Böse kämpft. Und doch hat Gotham City Research ein bisschen was davon: Ein unnachgiebiger Jäger in der Finanzwelt. Derzeit macht Gotham Jagd auf ein deutsches Unternehmen: Aurelius. Wer ist dieser Jäger?

Der Bezeichnungen für Gotham City Research kursieren viele: Hedgefonds, aktivistischer Investor, Research-Dienst - aber all das trifft es nicht recht. Treffender ist: Leerverkäufer oder Short Seller. Ein Spekulant, der auf fallende Kurse setzt. Diese Leerverkäufer haben einen äußerst zweifelhaften Ruf. Vor allem dann, wenn sie aktiv mit dafür sorgen, dass die Kurse des betreffenden Unternehmens auch wirklich fallen. Gotham City ist ein Leerverkäufer dieser Sorte.

Die Frage ist: Ist Gotham nun gut oder böse? Und vielleicht genereller: Sind diese Art Leerverkäufer gut oder börse? Der Hintergrund zum aktuellen Fall: Gotham hat Aurelius genau analysiert, dann öffentlich die Gewinne der Beteiligungsfirma angezweifelt und einen Aktienwert deutlich unter dem zu der Zeit aktuellen Kurs errechnet. Aurelius weist die Vorwürfe als unbegründet zurück. Niemand weiß bisher, welche Seite Recht hat. Manch Händler oder Analyst zweifelt an der Glaubwürdigkeit von Gotham.

Wer steckt hinter Gotham City?

Der Mann, der hinter Gotham City Research steckt, heißt Daniel Yu. Nein, nicht Daniel Wu, der Schauspieler. Yu ist ein Mann der Zahlen. Das Mathematik-Genie studierte am Massachusetts Institute of Technology, einer der angesehensten Universitäten der Vereinigten Staaten. Er wuchs auf in New York, ist chinesischer oder koreanischer Abstammung, und er gilt als äußerst heller Kopf. "Einer von den Leuten, bei denen Du weißt sofort weißt, dass sie superschlau sind, sobald Du sie triffst", sagte ein Mitarbeiter.

The dark knight rises-Illustration mit Batman

Mr. Yu - eine Art Batman der Finanzwelt?. | Bildquelle: picture alliance / United Archives/WHA

Nach dem Studium fand er einen lukrativen Job in der Finanzbranche. Er arbeitete für einen großen Vermögensverwalter auf der "buy side" - im Wall Street Slang heißt das, er wurde Händler. Dann kam der Tag, der Yu völlig desillusionierte. Der Tag, an dem er einen Teil seines Geldes verlor. Das war der Tag, an dem Fannie Mae vestaatlicht wurde.

Als Mr. Yu auf Hank Paulson wütend wurde

Man schrieb das Jahr 2008. Der damalige Finanzminister Hank Paulson hatte zuvor tagelang in der Öffentlichtkeit das Bild aufrecht erhalten, der hoch verschuldete Baufinanzierer stehe gar nicht so schlecht da und müsse nicht verstaatlicht werden. Yu vertraute darauf, behielt seine Fannie Mae-Aktien - und verlor. Die Unternehmen kamen unter staatliche Obhut, der Kurs brach ein in Nichts. Das doppelt Infame: Paulson hatte einem kleinen Kreis von Wall-Street-Managern zuvor anvertraut, dass er Fannie Mae und Freddie Mac verstaatlichen will.

Yu war wütend auf Politik und Wall Street, vertraute nicht mehr auf das kapitalistische System, wie "The Telegraph" über Wu in einem Porträt schrieb. Er habe den Glauben gewonnen, dass die Gesetzesbrecher in den mächtigen Unternehmenspositionen der Justiz entkommen. Er fühlte sich macht- und hilflos - bis er auf eine kleine Schar von Analysefirmen aufmerksam wurde. Sie deckten betrügerische Machenschaften chinesischer Unternehmen an den US-Börsen auf. Das gefiel ihm.

Wie sauber ist Gotham City?

2012 gründete er selbst eine solche Firma. Gotham City Reserach nannte er sie - und bei dem Namen dachte er tatsächlich an Batman, den Jäger des Bösen. "Daniel hat eine sehr moralische Ader. Er haßt die Ungleichheit im bürgerlichen wie im Geschäftsleben Amerikas, in dem Führungskräfte Kapital, Unternehmen und Leben zerstören können und dafür noch schöne Belohnungen ernten können ", beschrieb ihn ein Freund gegenüber "The Telegraph".

Oft genug hat Gotham danach Ungerechtigkeiten aufgedeckt: Es attackierte den spanischen WLan-Anbeiter Gowex - und es kam ans Licht, dass das Unternehmen Umsätze erfand und Bilanzen fälschte. Die Firma ging pleite. Gotham attackierte die britische Outsourcing-Firma Quindell, es kamen Bilanzierungsungereimtheiten heraus und Gotham setzte die Zahlung von über 400 Millionen Pfund an die Aktionäre durch. Wie Yu vorausgesehen hatte, ging der Kurs baden. Anders aber bei Yus Short-Attacken auf Tile Shop, Ebix und Blucora. Hier erwiesen sich die Kursverluste als nicht nachhaltig. Trotz der vielen Anschuldigungen von Gotham City gestehen die Finanzmärkte diesen Firmen doch einen höheren Wert zu als Daniel Yu. Immerhin: Der Branchendienst "Activist Short Research" nannte Gotham den dritt erfolgreichsten Analysten dieser Art.

Letztlich ist am Anfang einer jeden Short-Attacke nie klar, ob es sich um eine unbegründete Attacke aus reiner Profitgier handelt, oder ob die Kritik der Shorties durchaus fundiert und der Spekulationsgewinn nur der Lohn ihrer Research-Arbeit ist. Der normal sterbliche Kleinanleger hat dafür nicht genug Einblick. Auch die Firma von Mr. Yu bietet nicht die Transparenz, die sie von den von ihr unter die Lupe genommenen Firmen fordert. Gotham City Research LLC ist im kleinen Örtchen Lewes im US-Bundesstaat Delaware registriert. Viel mehr weiß man aber nicht.

Ein Geschmäckle bleibt

Gotham dürfte aus der jüngsten Short-Attacke auf Aurelius einen Millionengewinn gezogen haben. Der Aktienkurs der Beteiligungsfirma hatte sich innerhalb von zwei Tagen halbiert. Kurz zuvor hatte Gotham seine Leerverkaufsposition auf 0,8 Prozent oder 250.000 Aktien erhöht. Bei Leerverkäufen leihen Investoren sich Aktien, um diese zu verkaufen. Dabei hoffen sie, die Papiere bis zum Ende der Ausleihfrist billiger zurückkaufen und die Differenz als Gewinn einstreichen zu können.

Yu gibt unumwunden zu, dass er mit seinen Kampagnen Geld verdienen will. So läuft schließlich sein Geschäftsmodell. Kritik ernten Leerverkäufer, weil durch sie viele Aktionäre viel Geld verlieren. Weil sie in turbulenten Zeiten Krisen verschärfen können. Aber Leerverkäufer haben auch was Gutes. Sie fungieren als Korrektiv. Sie korrigieren den Kurs überbewerteter Aktien. Sie sind eigentlich unverzichtbar für das Funktionieren der Kapitalmärkte. Ohne sie wären viele Missstände gar nicht aufgedeckt worden. Sind die Leerverkäufer also die Guten oder die Bösen? Gotham City Research als Name für einen Short Seller ist klug gewählt. Auch bei Batman sind Gut und Böse bisweilen schwer auseinander zu halten.