Glass Lewis

Kein Spaß für die Dax-Konzerne Wer ist Glass Lewis?

Stand: 17.05.2017, 13:24 Uhr

Glass Lewis ist Aktionärsberater. Einer der Großen. Einer mit Macht. Er berät Aktionäre, wie sie auf Hauptversammlungen abstimmen sollen. Und in ihrem Auftrag nimmt er Manager von börsennotierten Unternehmen in die Mangel. Auch Dax-Konzernen macht Glass Lewis Dampf - heute der Deutschen Börse.

Aktionärsberater sind nicht nur in den USA eine Macht. Auch hierzulande treten sie immer dominanter auf. Gut zu sehen in der diesjährigen Hauptversammlungssaison. Ob Deutsche Bank, Deutsche Börse oder Linde - alle bekommen was ab. Und auch wenn ihr Job die bloße Beratung von Großanlegern ist: Ihre Kunden, die Groß-Aktionäre, richten sich oft danach. Entsprechend mächtig sind die Berater.

Glass Lewis ist mächtig

Glass Lewis ist nach dem Branchenführer ISS die Nummer 2 in der Branche und kommt auf einen Marktanteil von rund 37 Prozent. Das 2003 in San Francisco gegründete Unternehmen mit Büros in New York, Washington D.C., aber auch Australien und Europa, hat einiges Gewicht am Markt. Mit ihrem 300 Mann starken Team berät die US-Firma weltweit rund 1.200 Investoren, die rund 20 Billionen Dollar managen, und ist auf mehr als 20.000 Hauptversammlungen pro Jahr in 100 Ländern aktiv. Gemeinsam mit dem Branchenersten ISS deckt Glass Lewis über 90 Prozent des Marktes ab.

Was machen Aktionärsberater?
Man nennt sie "Proxy Advisor", zu deutsch Stimmrechtsberater. Sie beraten große Investoren, wie sie auf Hauptversammlungen abstimmen sollen, zum Beispiel bei so gewichtigen Themen wie Übernahmen, Aufsichtsratswahlen, Manager-Gehältern, Dividenden und Kapitalerhöhungen.

Stimmrechtsberater machen einen ähnlichen Job wie in Deutschland die DSW oder die SdK, die Kleinanleger beraten und vertreten. Nur dass es bei Glass Lewis und Co die ganz großen Anleger sind: vornehmlich Investentfonds aus den USA und andere Großanleger aus dem angelsächsischen Raum, etwa Hedgefonds, Pensionskassen, Versicherungen und Banken. Die nutzen die Dienste der Proxy Adviser, weil es Zeit, Geld und Nerven spart. Sie stoßen an Kapazitätsgrenzen, wollten sie all ihre Beteiligungen allein managen. Die großen Fondsgesellschaften beispielsweise sind an mehr als tausend Aktiengesellschaften beteiligt.

Antrieb: Mehr Anstand

Stimmrechtsberater treibt nicht die Freude an der Kritik. Es geht ihnen um gute Unternehmensführung - neudeutsch: Corporate Governance. Ihr Anliegen ist mehr Anstand in den Führungsetagen. Konkret geht es Firmen wie Glass Lewis darum, dass Vorstände und Aufsichtsräte sich am Wohl der Aktionäre und nicht den Eigeninteressen des Managements orientieren.

Wichtig ist ihnen zum Beispiel, dass Leistung und Managergehalt im richtigen Verhältnis stehen. Berücksichtigt wird auch die relative Performance der Gesellschaft im Vergleich zu den Wettbewerbern. Glass Lewis will mit seiner Analyse vor allem mehr Transparenz schaffen, Risiken für die Investoren aufdecken und beurteilen.

Großanleger mit eigenem Kopf?

Trotz hehrer Ziele: an dem wachsenden Einfluss der Stimmrechtsberater entzündet sich immer wieder Kritik. Zwar stellt Glass Lewis über die webbasierte Plattform Meetyl seinen Kunden die notwendigen Datensätze lediglich zur Verfügung. Abstimmen müssen die Kunden selbst. Doch laut Schätzungen folgen 80 Prozent der ausländischen Fonds den Ratschlägen der Proxy Advisor und stimmen auf den Hauptversammlungen entsprechend ab.

Glass Lewis hält dagegen: Die meisten Klienten hätten ihren eigenen Kopf, sagte CEO Katherin Rabin einmal. Auch Großaktionäre wie Blackrock betonen, sich ihre eigene Meinung zu bilden wie etwa auf der diesjährigen Hauptversammlung der Deutschen Börse.

Gute Unternehmensführung - im Dax nur Mittelmaß

Aufgrund der Datenvielfalt erstrecken sich Dienste auch über die Hauptversammlungssaison hinaus. So hat etwa die Fondsgesellschaft Union Investment jüngst von Glass Lewis ein Corporate-Governance-Ranking der Dax-Konzerne erstellen lassen. Dabei kam raus: Die Dax-Konzerne haben bestanden, sind also nach dem Anspruch der Fondsgesellschaft investierbar. Aber sie sind allenfalls Mittelmaß. "Es war eine durchschnittliche Klassenarbeit mit einem Notenschnitt von 2,7", sagte Jens Wilhelm aus dem Vorstand der Union Asset Management Holding AG.

Wenig verwunderlich: Schlusslicht im Ranking wurde Volkswagen mit der Note "4-". Mit guter Unternehmensführung sind die Wolfsburger in letzter Zeit auch nun wirklich nicht aufgefallen. Der Blick auf die Spitze des Rankings verwundert aber doch. Klassenbester waren die Allianz und - die Deutsche Börse. Eben die hat Glass Lewis doch gerade unter Beschuss. In das Ranking sind aber eben auch die Kriterien eingeflossen, die für Union Investment bei der Beurteilung und Bewertung von Corporate Governance relevant waren.

In Deutschland mit Ivox verbandelt

Glass Lewis gehört dem Ontario Teachers’ Pension Plan Board, der Pensionskasse der Lehrer von Ontario, sowie der Alberta Investment Management, einem der grössten institutionellen Investoren aus Kanada.

2015 hat sich Glass Lewis in Deutschland verstärkt und den größten unabhängige Stimmrechtsberater hierzulande gekauft: Ivox, ein Unternehmen aus Karlsruhe. Das 2005 gegründete Unternehmen analysiert hauptsächlich europäische Unternehmen und hat viele Groß-Investoren in Europa unter Vertrag.

Auch Ivox betont die Unabhängigkeit der Klienten. Abstimmungsempfehlungen werden den mehr als 2.500 Kunden nach den deren eigenen Vorstllungen erarbeitet. Laut Ivox kann es daher durchaus sein, dass auf einer Hauptversammlung unterschiedliche Kunden von Ivox Glass Lewis nicht mit einer Stimme sprechen.

bs

1/7

Wo Glass Lewis Dampf macht Von Kengeter bis Kleinfeld

Linde AG, Wolfgang Reitzle lachend

Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle
Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle bekam von Aktionären einiges zu hören auf der Hauptversammlung. Reitzle wolle die 60 Milliarden Euro schwere Fusion mit Praxair im Alleingang durchboxen, habe mit dem Austausch von Vorständen ein "Marionettentheater" veranstaltet und bleibe den Aktionären Informationen schuldig. Ivox Glass Lewis plädierte dafür, sowohl dem Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern. Doch am Ende des Tages konnte Reitzle wieder lachen, er wurde mit rund 94 Prozent der Stimmen entlastet.