Ein Börsenhändler steht am 15.09.2008 in der Börse in Frankfurt am Main vor der Dax-Kurve

Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite Was wir aus der Finanzkrise lernen können

von Angela Göpfert

Stand: 14.09.2018, 06:40 Uhr

Der Tag, an dem Lehman Brothers Pleite ging, hat die Welt für immer verändert. Zehn Jahre später lassen sich drei zentrale Lehren aus der Finanzkrise ziehen. Die wohl wichtigste lautet: Was an der Börse passiert, betrifft uns alle.

Die Börse crasht, na und!? Ich habe keine Aktien, mich betrifft das nicht! Wer dieser naiven Meinung anhing, wurde vor zehn Jahren eines Besseren belehrt. Denn nicht nur dass die meisten Bundesbürger über Lebensversicherungen, betriebliche Altersvorsorge und Riester-Renten sehr wohl in Aktien investiert sind.  

In den Jahren 2008/2009 kam es auch zu einer Ansteckung, einem "spill over", von der Finanz- auf die Realwirtschaft. Aus der Finanzkrise wurde eine Wirtschaftskrise. Deutschland rutschte in die tiefste Rezession, seit Ökonomen hierzulande in den 1970ern begannen, das Bruttoinlandsprodukt zu messen.  

Rezession

Von einer Rezession sprechen Ökonomen, wenn eine Volkswirtschaft mindestes zwei aufeinander folgende Quartale mit negativen Wachstumsraten verzeichnet.

Crashs gehören zur Wirtschaftswelt dazu

So schrecklich und dramatisch die damaligen Ereignisse auch waren: Einmalig sind sie nicht. Vielmehr dürfte sich die Geschichte wiederholen - wenn auch die Kulissen und Darsteller andere sein dürften.  

Denn Spekulationsblasen wie die US-Immobilienblase, welche die Lehman-Pleite und die Finanzkrise mitverursachte, gehören zur Wirtschaftsgeschichte einfach dazu - das ist die zweite Lehre, die man aus der Finanzkrise ziehen kann. 

Solche Spekulationsblasen folgen dabei einem immergleichen Muster, das die Ökonomen Charles Kindleberger und Hyman Minsky eindrucksvoll beschrieben haben.  

Chart Anatomie der Spekulationsblase

Die fünf Stufen der Blasenbildung nach Kindleberger/Minsky. | Bildquelle: Finanz und Wirtschaft

Gefangen im Boom-Bust-Zyklus

Einzig das Objekt der Begierde wechselt: Mal sind es Tulpen, dann Eisenbahnen, das Internet, US-Immobilien, Kryptowährungen - um nur einige Beispiele zu nennen. Wann eine Blase platzt, ist dabei schwer bis gar nicht vorhersehbar. Denn die Preise steigen solange weiter, wie es am Markt einen "noch größeren Narren" gibt, der noch mehr dafür bezahlt ("Greater-Fool-Hypothese").   

Doch jede Blase platzt irgendwann einmal. Das lehrt uns die Geschichte. Sie lehrt uns aber auch, wie schnell sich Volkswirtschaften und Aktienmärkte nach einem solchen Crash wieder erholen können: Auf Boom folgt Bust - und auf Bust folgt Boom.  

Finanzbildung: Eliten- oder Allgemeinwissen?

Wenn Anleger also eines aus der Finanzkrise gelernt haben sollten, dann dieses: Greift an der Börse Panik um sich, heißt es Ruhe bewahren. Im Nachhinein war die Finanzkrise eine der seltenen großen Kaufgelegenheiten an der Börse. Crashs und Krisen gehören an der Börse dazu wie Herbst und Winter zu den Jahreszeiten. Anleger, die darum wissen, werden dafür reichlich entlohnt.  

Dieses Wissen sollte aber nicht wenigen finanzgebildeten Eliten vorbehalten, sondern vielmehr Allgemeinwissen sein. Gerade in einer Gesellschaft, in welcher der Staat nicht mehr alleine die Altersvorsorge gewährleisten kann, kann das Wissen um die Zyklen an den Aktienmärkten darüber entscheiden, ob man im Alter verarmt oder dank eines über die Jahrzehnte ansehnlich gewachsenen Depots seinen Lebensabend genießen kann.  

Zumal die Folgen der Finanzkrise bis heute für jeden spürbar sind: in Form niedriger Zinsen, die das Sparen via Fest- und Tagesgeldkonten zu einer Farce verkommen lassen.  

Lehrpläne müssen umgeschrieben werden

Doch leider sind Begriffe wie Fonds, Rendite und ETF für die meisten Jugendlichen und leider auch Erwachsenen böhmische Dörfer. Laut einer Forsa-Umfrage schätzen zwei Drittel der befragten Jugendlichen ihr Wissen in Finanzdingen lediglich als "befriedigend bis ausreichend" ein, ein Viertel als "mangelhaft bis ungenügend".

Schultafel mit

In Sachen Finanzwissen haben deutsche Schüler eindeutig Nachholbedarf. | Bildquelle: picture alliance / dpa

 Und die Eltern können ihnen häufig auch nicht weiterhelfen: Mehr als ein Drittel der Elterngeneration bewertet seine Finanzkompetenz als ausreichend bis ungenügend.

 Es ist daher dringend erforderlich, dass wir die dritte zentrale Lehre aus der Finanzkrise ziehen und die Kultusministerien der einzelnen Länder Finanzwissen als Schulfach endlich im Lehrplan aufnehmen. Oder anders gefragt: Wie viele Finanz- und Wirtschaftskrisen müssen wir noch erleben, damit sich an Deutschlands Schulen etwas ändert?