Deutsche Bank-Chef Christian Sewing

Christian Sewing wird 50 Unerschütterlich auch in der Krise?

von Lothar Gries

Stand: 24.04.2020, 12:11 Uhr

Wenn Christian Sewing am heutigen Freitag seinen 50. Geburtstag feiert, hätte er eigentlich allen Grund zufrieden zu sein, trägt doch der radikale Sanierungskurs der Deutschen Bank erste Früchte. Doch dann kam Corona und die Welt ist eine andere. Oder doch nicht?

Als Christian Sewing im Dezember letzten Jahres zu seiner ersten Investorenkonferenz nach Frankfurt lud, strotzten er und seine Vorstandskollegen nur so vor Zuversicht. Die Botschaft an die rund 100 versammelten Analysten und Anleger lautete: Der Umbau der Deutschen Bank geht voran, die rund sieben Milliarden Euro teure Restrukturierung greift, auch wenn der Abbau von 18.000 Arbeitsplätzen sehr schmerzhaft ist.

Und natürlich vergaß Sewing nicht darauf hinzuweisen, dass die Bank diesen Kraftakt aus eigenen Mitteln finanziert, also keine Kapitalerhöhung braucht, wie angelsächsische Analysten immer wieder behaupten. Die Deutsche Bank, versicherte Sewing auch im Januar noch selbstbewusst, werde spätestens 2021 in allen Sparten und über alle Regionen hinweg neue Kunden gewinnen und wieder profitabel sein.

Wieder Krisenmanagement angesagt

Und nun das. Ausgerechnet kurz vor seinem 50. Geburtstag wirbelt die Corona-Pandemie die ehrgeizigen Pläne durcheinander und macht sie möglicherweise sogar zunichte. Statt der zu Beginn seiner Amtszeit angekündigten "Jägermentalität" zu folgen, muss sich der Top-Banker jetzt wieder als Krisenmanager beweisen.

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Statt Gewinne auszuweisen, steuert der Dax-Konzern 2020 womöglich auf sein sechstes Verlustjahr in Folge zu. In welchem Ausmaß die Bank von der Krise betroffen ist, wird ihr Vorstandschef kommenden Mittwoch anlässlich der Veröffentlichung ihrer neuesten Quartalszahlen verkünden. Analysten erwarten einen Verlust von mehr als 400 Millionen Euro.

Standhafter Ostwestfale

Ob Sewing sich angesichts der neuen Lage in Bedrängnis fühlt, bleibt abzuwarten. Zumindest öffentlich zeigt sich der Manager aus Bünde bei Bielefeld stets unerschütterlich - und bestätigt damit das Klischee vom standhaften Ostwestfalen und den tiefwurzelnden Eichen, die kein Tornado umwerfen kann. Nur einmal, im Oktober 2018, auf dem Höhepunkt der Spekulationen über ein Zusammengehen mit der Commerzbank, soll er ausgerastet sein. In einer Telefonkonferenz mit Managern soll Sewing die Gerüchte als "Bullshit, Bullshit" abgekanzelt haben.

Als Motivationshilfe gelten solche Kraftausdrücke nicht gerade. Vielmehr sind sie ein Zeichen der Schwäche. Dabei bemüht sich Sewing bei seinen Auftritten stets Hoffnung und Zuversicht zu verbreiten. Selbstbewusst und mit kraftvoller Stimme, aber ohne Aggressivität, vertritt der Manager seine Überzeugungen.

Fast die gesamte Karriere in der Bank verbracht

"Wir sind mit unserer neuen Strategie auf dem richtigen Weg, unsere Bank wieder nachhaltig profitabel zu machen", sagte er Mitte März in einem Interview. Auch sei das Bankensystem heute viel stabiler als vor der Finanzkrise. "Wir haben deutlich größere Eigenkapital- und Liquiditätspuffer, die Bilanzen sind aufgeräumt und viel transparenter."

Sewing weiß, wovon er spricht, hat er doch nach Jahren des Zauderns einen Umbauprozess in Gang gesetzt, der die Deutsche Bank aus den Risiken der Vergangenheit befreien soll. Fast seine gesamte Karriere hat der Mann bei Deutschlands führendem Geldhaus verbracht: 1989 begann er seine Ausbildung zum Bankkaufmann in einer Bielefelder Filiale und blieb auch nach dem berufsbegleitenden Studium an der Bankakademie Bielefeld und Hamburg dem Institut treu. Bis auf ein zweijähriges Zwischenspiel von 2005 bis 2007 als Vorstand der DG Hyp, der Immobilienbank der genossenschaftlichen Institute, arbeitete er stets für den Frankfurter Branchenprimus.

"Nur der Anfang"

Auslandserfahrung sammelte der Vater von vier Kindern an Standorten wie Singapur, Toronto, Tokio und London. Sewing erklomm die Karriereleiter im Risikomanagement und der internen Revision - was nicht die schlechteste Erfahrung ist für einen Manager, der die Bank vom Kopf wieder auf die Füße stellen will. Anfang 2015 erfolgte dann der Aufstieg in die Führungsebene, zunächst als Rechtsvorstand, bevor er im Sommer 2015 zum Privatkundenchef ernannt wurde. Seit dem 8. April 2018 leitet er die Bank.

Keine Frage: Der Mann ist ehrgeizig und hat große Ziele. Mit Einzelheiten hielt er sich bisher zurück, auch weil die Pandemie viele Pläne zunichte machen dürfte. Doch soviel hat er seinen Aktionären schon verraten: "Alles, was wir bis hierher gemacht haben, war nur der Anfang."