Hans-Werner Sinn

Hans-Werner Sinn wird 70 Mr. Ifo, der streitbare Mahner

Stand: 07.03.2018, 12:18 Uhr

Ob es an seiner streitbaren Natur oder dem markanten Bart liegt - er ist der wohl bekannteste Ökonom Deutschlands: Hans-Werner Sinn, Präsdent des renommierten Ifo-Instituts. Am Mittwoch wurde er 70.

Er ist kein Mann der leisen Töne. Ganz im Gegenteil. Hans-Werner Sinn liebt das Streiten. Wenn es um seine Überzeugungen geht, tritt er vehement dafür ein. In ökonomischen Debatten vertrat Sinn oft auch unbequeme Positionen. Ob er nun gegen den Euro wetterte, den Euro-Austritt Griechenlands forderte oder über die Kosten für die Zuwanderung nach Deutschland diskutierte: Er scheute weder Auseinandersetzung noch Provokation.

Viel Ehr, viel Feind

Das hat ihn zu den profiliertesten Ökonomen des Landes gemacht. Sein markanter Käptn-Ahab-Bart, den er seit Studententagen trägt, war sicher nicht abträglich dabei, dass er in der breiten Bevölkerung bekannt wurde. Hilfreich war aber auch, dass er stets klare, markante Bilder findet für seine Thesen. Dass er für Laien verständlich formulieren kann. Mit seinen populärwissenschafftlichen Veröffentlichungen wie 1991 "Kaltstart", einer Analyse der ökonomischen Umsetzung der deutschen Wiedervereinigung, erreichte er auch die ökonomisch weniger Zugeneigten.

Mit seiner streibaren Haltung hat er sich viele Gegner geschaffen. Für manche ist er ein rotes Tuch. Er wurde als "Professor Unsinn" oder "Boulevardprofessor" geschmäht, eckte mit seiner Kritik an den Griechenland-Rettungspaketen oder am Mindestlohn an. Gerade Gewerkschafter und linke Politiker schmähten ihn. Seine Haltung hat Sinn aber auch viel Ehr gebracht.

Christoph Schmidt, Präsident des RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen, sagt, Sinn habe sich "eine so hohe Anerkennung in der Fachwelt bewahrt, wie sie nur wenigen Ökonomen zuteil wird. Von diesem Vorbild kann sich meine - die nachfolgende - Generation eine gehörige Scheibe abschneiden."

Nobelpreisträger Robert Solow lobte: "Sinn hat München zu einem der Weltzentren für Wirtschaftsforschung gemacht." 1999, als Sinn an die Spitze des Ifo-Instituts berufen wurde, war das Institut ein Sanierungsfall. Er rettete es, formte aus der reinen Service-Einrichtung ein Wirtschaftsforschungsinstitut der obersten Liga in Deutschland.

Ifo-Index mit Strahlkraft

Dabei heißt Forschungsinstitut nicht fern vom Alltag. Die Forschung hatte immer ganz konkreten Bezug zum Alltag. Aus Börsensicht hatte das Ifo-Institut sogar ganz unmittelbaren Einfluss: Allmonatlich, wenn das Institut das Ifo-Geschäftsklima veröffentlichte.

An den deutschen Börsen ist es inzwischen der am stärksten beachtete Indikator der deutschen Wirtschaft. Dafür fragt das Institut in den Chefetagen von 7.000 Unternehmen nach, wie sie die aktuelle Geschäftslage einschätzen und wie sie die nächsten sechs Monate beurteilen. Der daraus errechnete Ifo-Index hat sich als verlässliches Instrument erwiesen, frühzeitig die konjunkturelle Entwicklung einzuschätzen. Deshalb wird er ernst genommen. Deshalb kann er bewegen. Der Index entwickelt bei seiner Veröffentlichung bisweilen so viel Kraft an den Finanzkräften, dass Dax wie Euro mitunter heftigst schwanken.

Ifo-Geschäftsklimaindex März 2016

Wie ist die Stimmung? Der Ifo-Index ist so was wie das Barometer der deutschen Wirtschaft. Ein viel beachteter Index an der Börse. | Bildquelle: ifo, Grafik: boerse.ARD.de

Früher wollte er Missionar werden

Der 70-jährige Professor ist 1948 in Brake, im Oldenburger Land, in einer der SPD nahestehenden Arbeiterfamilie geboren. Während er heute eher neo-liberale Positionen vertritt, stand er als Schüler dagegen links. Er wollte Missionar werden, war Mitglied im Christlichen Verein Junger Männer und der Sozialistischen Jugend und wollte später mal auf den Spuren Albert Schweitzers in die Dritte Welt. Doch es kam anders. Nach dem Gymnasium in Bielefeld studierte er Volkswirtschaftslehre an der Uni Münster.

Nach dem Studium bewarb sich der Volkswirt bei einem Gewerkschaftsinstitut - erfolglos. Stattdessen machte er in der Wissenschaft Karriere. Mit 33 Jahren kam er als Professor von Mannheim nach München, lehrte später auch in Stanford und Princeton.

Die Liebe zum Rampenlicht musste er sich erst erarbeiten. Früher sei er sehr schüchtern gewesen, sagt Sinn: "Bei meiner ersten Vorlesung habe ich mir fast in die Hosen gemacht." Kann sich heute kaum jemand vorstellen. Heute kümmert es ihn nicht einmal mehr, dass er mit seiner unbequemen Art so oft aneckt und Kritik erfährt. Allenfalls schmerze es, "wenn mir Aussagen untergejubelt werden, die ich gar nicht gemacht habe", sagt Sinn: "Es wird einem irgendein Quatsch angedichtet, und dieser Quatsch wird dann genüsslich widerlegt."

"Freue mich aufs Freisemester"

Vor zwei Jahren trat der Professor sein "lebenslanges Freisemester" an, wie er selbst von seinem Ruhestand sprach.

»Ich freue mich auf ein lebenslanges Freisemester. Da kann ich forschen und Bücher schreiben und mich um mein Privatleben kümmern.«

Das Privatleben sei in den vergangenen 17 Jahren zu kurz gekommen und gehe nun vor. "Meine Frau hat sich zum Glück noch nicht scheiden lassen", sagt er. Er verordnete sich ein Pause, schlug Einladungen zu Talkshows eine Zeitlang aus. Doch schon damals war klar, dass ein "Freisemester" nicht absolute Ruhe bedeutet.

Und so schrieb er an seiner Autobiografie, die er nun vorlegte. "Auf der Suche nach der Wahrheit" heißt das 672 Seiten dicke Buch, das er in den knapp zwei Jahren seit seinem Abschied als Ifo-Präsident geschrieben hat.

Hatte er nicht ganz andere Pläne? "Ich muss nicht mehr von einem Termin zum andern hetzen", sagt Sinn. "Doch, ich genieße es. Ich habe mehr Freizeit, mehr Zeit für Reisen mit meiner Frau zum Beispiel. Und ich kann meine Gedanken in größerer Ruhe zu Ende führen, mich auch neuen Themen widmen."

Allerdings hätten die Lebenserinnerungen schon viel Zeit in Anspruch genommen. "Dazwischen hab ich ja noch das Buch 'Der Schwarze Juni' zum Brexit geschrieben." Er schreibe eigentlich sehr schnell. "Aber der Schlussspurt war dann doch ein bisschen anstrengend."

bs