Interview

 Michael Weingarten, Vorstand der AG für Historische Wertpapiere

Wertpapiere mit Geschichte "Seltenheit ist Trumpf"

Stand: 30.06.2016, 16:49 Uhr

Wer sich mit historischen Wertpapieren beschäftigt, taucht ein in unsere wirtschaftliche Vergangenheit. Michael Weingarten von der AG für historische Wertpapiere über vergessene Konzerne, Währungen und die Faszination an einem Stück Papier.

boerse.ARD.de: Was macht historische Wertpapiere so faszinierend?

Michael Weingarten: Viele Liebhaber sammeln seltene Exemplare. Im Prinzip ist das wie bei den Briefmarken: Je seltener, desto wertvoller. Andere sammeln die Papiere, weil sie sich gerade mit großen Konzernen wie Siemens oder Deutsche Bank verbunden fühlen. Da geht es oft auch um die geschichtliche Bedeutung, die das Unternehmen hat. Das Alter eines Dokuments spielt eine untergeordnete Rolle. Faszinierend kann eine Originalunterschrift sein oder die schöne Gestaltung. Es gibt Wertpapiere, die sind richtige Kunstwerke.

boerse.ARD.de: Warum sind diese Dokumente oft so rar?

Weingarten: Es handelt sich um Wertpapiere von Unternehmen, die insolvent wurden oder von anderen übernommen wurden. Zum Beispiel Aktien der deutschen Edison-Gesellschaft für angewandte Elektrizität, später AEG, die in die Pleite gerutscht ist. Ein weiteres Beispiel ist die Aktie der Norddeutschen Lloyd, einer Reederei, heute die Hapag-Lloyd. Die an sich wertlosen Aktien hätten vernichtet werden müssen. So war es bis in die 70er Jahre hinein bei Banken und Unternehmen gang und gäbe. Aber trotzdem tauchten sie später auf Dachböden, Flohmärkten, in Banktresoren auf. Diese Aktien wurden beim Umtausch schlicht vergessen.

boerse.ARD.de: Das sind Liebhaberobjekte, welche sind besonders begehrt?

Weingarten: Gefragt sind Papiere aus der D-Mark-Zeit. Etwas ganz besonderes ist die VW-Sammelaktie, ein Musterstück mit einem Nominalwert von sagenhaften 90 Millionen DM, vor noch 15 Jahren konnten diese Aktien für je 100 DM erworben werden. Deren Wert hat sich mittlerweile verzehnfacht. Tendenz steigend, denn es gibt eben nur zwei, drei davon. Seltenheit ist Trumpf.

boerse.ARD.de: Welche ist denn die älteste Aktie Deutschlands?

Weingarten: Die erste, die uns bekannt ist, datiert aus dem Jahr 1754. Sie wurde von der preußisch-bengalischen Compagnie in Emden herausgeben, mit einem Nennwert von 900 Silbergulden. 2011 hat sie in Berlin 12.500 Euro gekostet.

boerse.ARD.de: Sind die Preise in den letzten Jahren immer weiter gestiegen?

Weingarten: Nein, jetzt muss ich kurz ausholen. Im Dritten Reich mussten die Banken ihre Wertpapiere abgeben nach Berlin, an die Reichsbank. Dort lagerten rund 26 Millionen Papiere, später in der DDR. Nach dem Fall der Mauer wurde geklärt: Wer hat Ansprüche? Dann hat der Bund in fünf Auktionen 2003 bis 2009 diese Papiere versteigert. Das hat zehn Millionen eingebracht. Wenn so eine Masse an Titeln auf den Markt kommt, dann bringt das einiges bei den Preisen durcheinander. Da haben auch viele vermeintliche Raritäten ihren Seltenheitswert verloren.

boerse.ARD.de: Haben Sie eigentlich ein Lieblingsstück?

Weingarten: Ja, eine Gründeraktie der Sylter Dampfschifffahrt aus dem Jahr 1883, davon gibt es definitiv nur zwei Stück.

Das Gespräch führte Ursula Mayer.