Geschichte des Betrugs

Charles Ponzi

Adele Spitzeder und Charles Ponzi Die Urgroßeltern des Finanzbetrugs

von Claudia Wiggenbröker

Stand: 22.10.2015, 17:03 Uhr

"Professionelle" Finanzbetrüger gab es bereits im 19. Jahrhundert. Die Maschen mögen sich seither etwas verändert haben. Doch im Kern muss ein Finanzhai noch immer eins tun: Das Vertrauen der Opfer gewinnen.

Das wusste bereits Adele Spitzeder. Sie prellte über 31.000 Menschen, trieb ganze Gemeinden in den Ruin und rechtschaffene Bürger in den Selbstmord.

Die Tochter des Opernsänger-Paares Josef Spitzeder und Betty Vio wurde 1832 in Berlin geboren. Die kleine Adele wollte in die erfolgreichen Fußstapfen ihrer Eltern treten. Nach dem Besuch teurer Privatschulen folgten Theaterauftritte in Coburg, Frankfurt und München.

So recht wollte es mit Spitzeder und der Schauspielerei allerdings nicht klappen. Ein Problem für die verwöhnte Adele - war sie doch einen aufwändigen Lebensstil gewohnt und wusste nun nicht, wie sie sich diesen finanzieren soll. Von ihren Eltern konnte sie keine Unterstützung erwarten - der Vater war verstorben, die Mutter heiratete einen anderen Mann.

Adele Spitzeder (1832-1885)

Adele Spitzeder. | Bildquelle: Gemeinfrei

Mit der Lebensgefährtin und sechs Hunden im Gasthof

Adele zog nach München und lebte mit ihrer Lebensgefährtin Emilie Stier und sechs Hunden in einem Gasthof, statt eine Wohnung anzumieten. Um liquide zu bleiben, bekam sie von einem Zimmermann ein Darlehen. Sie versprach ihm satte zehn Prozent Zinsen pro Monat.

Das sprach sich herum - die Münchener rannten Spitzeder die (Gasthof-)Bude ein. Bauern verkauften ihre ganzen Höfe, weil sie glaubten, von der Rendite besser leben zu können als von ihrem Vieh.

Und sie taten all dies ohne "jedwede Sicherheit oder Deckung", wie Spitzeder in ihren Memoiren schreibt. Das sie keine Sicherheiten garantieren könne, betonte die gebürtige Berlinerin auch immer wieder. Und trotzdem konnte sie das Vertrauen von über 30.000 Anlegern gewinnen.

Wie sie das schaffte? Mit besten Manieren aus ihrer erstklassigen Erziehung. Und Schauspielerei - das war ja schließlich ihr Metier. Aber vor allem mit einem: Vertrauensbeweisen. Spitzeder zahlte den Anlegern die monatlichen Zinsen aus. Danach fragte niemand mehr nach der Gläubwürdigkeit der Finanzanlagen.

Adele Spitzeder verlieh ihrerseits wieder das Geld, das sie selbst nicht brauchte - allerdings zu Zinssätzen von 15 oder 20 Prozent, sie war ja schließlich Geschäftsfrau.

 Birgit Minichmayr in einem Filmstill aus

Die ARD verfilmte die Geschichte von Adele Spitzeder. | Bildquelle: ARD

Keine Kauffrau, dafür PR-Expertin

Spitzeder gab sich ein gutes Image, spendete für wohltätige Zwecke und bestach Journalisten, damit diese davon berichteten. Kurzerhand kaufte sie sogar eine Zeitung auf und nutzte sie als hauseigene Druckerei für ihre Wohltaten.

Das eingenommene Geld hortete sie säckeweise in einer Wohnung. Einen Überblick hatte Spitzeder über ihre Finanzgeschäfte bald nicht mehr, da sie Bücher "nicht zu führen verstünde".

In den 1870er Jahren kamen einigen Kunden dann doch Zweifel. Etwa 40 Münchener schlossen sich zusammen und verlangten von Spitzeder die Auszahlung ihrer Einlagen. Das Schneeballsystem brach zusammen. Adele Spitzeder wurde verhaftet.

1873 wurde sie zu einer Gefängnisstrafe von knapp vier Jahren verurteilt. Das Gericht sah mildernde Umstände. Schließlich hatte Spitzeder immer wieder betont, dass sie ihren Kunden keinerlei Sicherheit bieten könne - und Ahnung von Buchführung hatte sie ja auch nicht.

Nach der Haft versuchte Spitzeder erneut, im Bankgeschäft Fuß zu fassen. Die Behörden schlugen allerdings dazwischen. So veröffentlichte Spitzeder ihre Memioren, die sie im Gefängnis verfasst hatte und trat bis zu ihrem Tod im Jahr 1895 als Volkssängerin auf.