Eine Erfolgsstory wird zum Drama Pixel, Milliarden und Kanonenfutter

Stand: 05.06.2013, 08:00 Uhr

Die Blase platzt

Am 17. April 2000 findet noch das gewaltigste IPO des Neuen Marktes statt, dann ist Schluss: Die Internet-Tochter der Deutschen Telekom, T-Online, mobilisiert beim Börsengang 2,5 Milliarden Euro, danach scheitert der ganze Markt mit seinen Erwartungen an der Realität. Immer mehr Unternehmen verfehlen ihre Prognosen, die Kurse bröckeln weiter und mit der Insolvenz des Frankfurter Telekom-Unternehmens Gigabell wird der erste Sargnagel des Neuen Marktes eingeschlagen.

Talfahrt und kein Ende

Auch bei Pixelpark ist die Stimmung inzwischen gekippt. Die Auftragsbücher sind nicht mehr prall gefüllt, immer mehr Großkunden geizen mit Folgeaufträgen. Neefs großer Wurf, die Übernahme der schwedischen Cell Networks scheitert und der Großinvestor Bertelsmann verliert langsam die Geduld. Ende 2000 verkündet Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff, dass Internet-Beratung nicht mehr in die Konzernstrategie des Mediengiganten passe.

Neef schafft es immerhin, Bertelsmann noch eine Weile bei der Stange zu halten. Die Gütersloher stecken insgesamt 40 Millionen Euro in Pixelpark, um das Unternehmen am Laufen zu halten. Auch harte Sanierungsmaßnahmen und drastische Stellenstreichungen in den folgenden Monaten können aber nichts daran ändern, dass Pixelpark für das Jahr 2001 einen Verlust von 86 Millionen Euro einfährt. Die Aktie hat im Frühjahr 2002 mit rund 12 Euro schon etwa 95 Prozent seit ihrem Höchststand eingebüßt und ist weniger wert als zum Börsenstart, und dennoch ist das Ende der Talfahrt noch lange nicht erreicht. Der Neue Markt hat Anfang des Jahres 2002 mit dem Telematik-Unternehmen Comroad einen Skandal, der später den Firmengründer Bodo Schnabel wegen Betrugs für sieben Jahre hinter Gitter bringen wird.

Ein Großinvestor steigt aus

Auch Paulus Neef überlebt das Jahr 2002 nicht, jedenfalls nicht als Vorstand des von ihm gegründeten Unternehmens. Nachdem der Pixelpark-Chef die erhoffte Wende in die Gewinnzone 2002 absagen muss, dreht Bertelsmann den Geldhahn zu und kündigt gleichzeitig an, seine 60 Prozent-Beteiligung auf 20 Prozent zu reduzieren.

Neef selbst wird der angeblich überteuerte Kauf der Schweizer ZLU-Gruppe zum Verhängnis. ZLU gehörte dem Vater von Neefs damaliger Lebensgefährtin. Kurz vor Weihnachten wird Neef vom Aufsichtsrat als Alleinvorstand bei Pixelpark entmachtet.

Der Vorstandsvorsitz geht zunächst an den Bertelsmann-Abgesandten Jürgen Richter über, auf ihn folgt schon vier Monate später Michael Riese, der dem Unternehmen einen strategischen Neuanfang und weitere Einschnitte beim Personal verordnet. Die frei werdenden Bertelsmann-Anteile gehen noch Ende Dezember 2002 zu gleichen Teilen an die Investoren Wolf-Dieter Gramatke und Axel Fischer.

Der Neue Markt ist tot

Fast zeitgleich mit dem Übergang des Vorstandspostens an Riese macht auch der Neue Markt seine Pforten dicht. Am 21. März 2003 ist der letzte Handelstag des Börsensegments. Der Nemax 50 schließt auf dem Stand von 351 Punkten. Lange zuvor haben die Investmentbanken zum Ausstieg geblasen, während gleichzeitig noch neue Börsengänge lanciert und an den Privatanleger gebracht werden. Börsenmedien haben versucht, mithilfe von "Todeslisten", die Anleger vor Pleitekandidaten zu warnen.

Am Ende der Börsenblase steht der Kleinanleger mit zum Teil horrenden Börsenverlusten da - als "Kanonenfutter", wie der Vermögensverwalter und Kostolany-Partner Gottfried Heller nüchtern meint.