Paul Singer beim World Economic Forum in Davos, 2013

Zwischen Staaten, Großkonzernen und Christopher Street Paul Singer, genannt der Geier

Stand: 23.08.2017, 16:10 Uhr

Paul Singer ist der Hedgefonds-Manager, der Argentinien in die Knie zwang. Wer ist dieser Typ, der Druck auf Großkonzerne ausübt und für eine bessere Finanzmarktregulierung genauso eintritt wie für die Schwulenehe?

Für die einen ist Paul Singer ein Held. Er verpasst verantwortungslosen Regierungen einen wohlverdienten Tritt, die hunderte Milliarden Dollar Schulden aufhäufen, die sie niemals zurückzahlen können. Damit sind übrigens nicht die USA gemeint, sondern Argentinien.

Für die anderen ist er das Paradebeispiel einer Heuschrecke: Rücksichtslos treibe er Argentinien in die Pleite und die Bewohner in die Armut. Seinen Gegnern bietet Singer deshalb ein nahezu perfektes Feindbild. Aber ein bisschen komplexer ist die Sache schon: Singer vertritt durchaus auch ungewöhnliche Ansichten für einen konservativen Wall-Street-Manager.

Seelenzergliederung und Juristerei 

Bank Run 2001 in Argentinien. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Die Karriere des 73-jährigen Apotheker-Sohns begann in den 70er Jahren. Singer machte zunächst einen Abschluss in Psychologie und erwarb anschließend einen Doctor juris an der Harvard Law School – eine offenbar gewinnbringende Kombination. Im Jahr 1977 startete Singer seinen eigenen Hedgefonds, die "Elliott Management Corporation" mit rund einer Million Dollar Startgeld. Daraus sind bis heute rund 31 Milliarden Dollar geworden. Seit 1977 hat Singer mit seinem Fonds pro Jahr eine durchschnittliche Rendite von rund 14 Prozent verdient.

Das Vertrauen der Investoren erwarb er sich unter anderem durch spektakuläre Geschäfte mit Staatsanleihen von Pleitestaaten, darunter Peru und die Republik Kongo. Er kaufte die Papiere billig auf, verklagte die Länder anschließend zur Zahlung und machte damit solide Gewinne. Das Magazin "Business Insider" bezeichnet ihn gar als König dieser Strategie. Andere wiederum nennen ihn deswegen einen Geier. Das gleiche Geschäftsmodell funktioniert natürlich auch mit Anleihen von Unternehmen.

Argentinien wieder vor der Pleite

Im Jahr 2001 war Argentinien pleite. Die Schulden beliefen sich auf fast 100 Milliarden Dollar. Mit 93 Prozent der Gläubiger konnte sich das Land auf eine Umschuldung einigen: Die Gläubiger verzichteten auf einen Großteil des Geldes, der Haircut betrug 70 Prozent. Sieben Prozent der Gläubiger verweigerten die Umschuldung - unter ihnen der US-Hedgefonds des Milliardärs Paul Singer. Der Oberste Gerichtshof der USA verpflichtete im Streit um diese Schulden Argentinien schließlich zur Zahlung von 1,33 Milliarden Dollar.

Jetzt riskiert die Regierung, dass weitere Bondsbesitzer Forderungen erheben - diese noch nicht umstrukturierten Schulden belaufen sich auf 15 Milliarden Dollar. Zudem könnten sich bei voller Auszahlung der Forderungen der Hedgefonds die Inhaber umgeschuldeter Bonds auf eine bis Ende 2014 gültige Klausel berufen, die die Gleichbehandlung der Gläubiger regelt. Dies würde nach Ansicht des argentinischen Finanzministers zusätzliche Forderungen von 120 Milliarden Dollar bedeuten.

Ein Kämpfer für Gerechtigkeit?

Ferdinand Piëch

Auch VW-Chef Ferdinand Piech hat Singer kennengelernt. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Aber das ist nicht alles. Ähnlich wie Carl Icahn gilt Singer als äußerst aktiver Aktionär, der Minderheitenanteile an Unternehmen nutzt, um dem Management eine andere Strategie aufzuzwingen. Wenn die Aktie dann steigt, kann Singer mit Gewinn verkaufen. Gerne reizt er dabei alle juristischen Möglichkeiten aus. So verklagte er 2013 Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche auf einen Schadenersatz in Höhe von 1,8 Milliarden Euro. Sie hätten die versuchte Übernahme von VW heimlich vorbereitet und so die übrigen Aktionäre getäuscht.

Auch bei Actelion, Wella und Kabel Deutschland mischte Singer mit. Singer glaube an die Herrschaft des Gesetzes aus ganzem Herzen, meint ein Wegbegleiter. Vermutlich vor allem dann, wenn das Gesetz ihm dabei hilft, etwas zu verdienen. Ein irgendwie moralischer Standpunkt ist damit eher nicht verbunden. Das Magazin "Bloomberg Markets" betitelte ein Singer-Porträt bezeichnenderweise mit "The Opportunist".

Elliotts Aktionen seien unmoralisch, klagte ein Jura-Professor gegenüber Bloomberg. Singer kümmere sich nur um den Profit, ohne sich über die potenziellen Konsequenzen Gedanken zu machen.

Übernahmen fordern Geschicklichkeit

Auch bei Unternehmensübernahmen pokert der aktive Aktionär gerne mit. In Deutschland machte er zuletzt bei der Übernahme von Stada auf sich aufmerksam. Zum Zeitpunkt des zweiten Angebots soll Singer rund zehn Prozent der Stada-Anteile gehalten haben. Aus Finanzkreisen hieß es dann, dass der Amerikaner den Finanzinvestoren bei der geglückten zweiten Übernahmerunde nur einen Teil seiner Anteile angedient habe. Ein geschickter Schachzug, denn die restlichen Anteile könnte er nach dem anschließenden Kursanstieg mit noch mehr Gewinn veräußern.

Heftiges Wortgefecht

Besonders brisant ging es 2017 beim Chefwechsel des Metallkonzerns Arconic zu. Monatelang zeigte sich sein Fonds Elliott Management unzufrieden mit den Ergebnissen und dem Aktienkurs des Unternehmens und forderte den Rücktritt des Chefs Klaus Kleinfelds. Dieser schickte Singer schließlich einen Brief, indem er auf ausgelassene Feiern Singers hinwies. Ein kostümierter Auftritt Singers in einem Springbrunnen wurde suggeriert. "Singing in the Rain" soll er gesungen haben. Sein Fonds dementierte dies und sprach von einem Erpressungsversuch. Die Beschwerde beim Konzern Arconic zeigte Wirkung, Kleinfeld trat zurück.

»If I manage to find a native American Indian's feather headdress I will send this additional essential part of the memories. And by the way: "Singing in the rain" is indeed a wonderful classic - even though I have never tried to sing it in a fountain.«

Klaus Kleinfeld, Ex-Siemens-, Alcoa- und Arconic-Chef

Sei willkommen, Regulierung

Singer mag ein Opportunist sein - wie sonst sollte man als Hedgefonds-Chef auch Erfolg haben? Ein Hasardeur ist er hingegen keineswegs. Bereits frühzeitig vor der Finanzkrise im Jahr 2006 warnte er vor einem möglichen Kollaps des US-Immobilienmarkts. In einer Kolumne für das "Wall Street Journal" sprach er sich später für eine bessere Regulierung der Finanzmärkte aus – eine ungewöhnliche Meinung für einen Mann aus der Szene.

Der private Sektor, nicht der öffentliche Sektor habe in der Finanzkrise die größten Fehler gemacht, schrieb er. Außerdem gehört Singer zu den Kritikern der Politik des billigen Geldes der US-Notenbank Fed. Das macht ihn allerdings noch lange nicht zum Kommunisten:      

»Eine Kombination zwischen privater Verantwortlichkeit und einer praxisorientierten Regulierung wird dabei helfen sicherzustellen, dass das kapitalistische System weiterhin eine Quelle von Chancen und Wohlstand für die Menschen auf der Welt bleibt.«

Paul Singer    

Zwischen Washington, Wall Street und Christopher Street

Donald Trump

Donald Trump. | Bildquelle: picture alliance / Evan Vucci/AP/dpa

Wie so viele US-Superreiche mischt auch Singer auf der Seite der Republikaner in der Politik mit. Singer unterstützte die Präsidentschaftskandidatur George W. Bushs und setzte sich im Jahr 2012 für Mitt Romney ein, der sich gegen Barack Obama nicht durchsetzen konnte. Über 28 Millionen Dollar soll er in den vergangenen drei Präsidentenwahlen für republikanische Kandidaten gespendet haben. Jedoch nicht für Donald Trump. Singer ist Chairman des Board of Trustees beim Manhattan Institiute for Policy Research, einem rechten US-Think Tank. Trotzdem ist Singer mit den konservativen Positionen der Partei nicht immer einverstanden.

Vor allem sein Engagement für die Rechte der Homosexuellen und das Recht auf Ehe zwischen Gleichgeschlechtlichen überrascht. Der Grund für seinen Kampf gegen Diskriminierung liegt in der eigenen Familie: Sein Sohn Andrew heiratete seinen Ehemann im Jahr 2009 in Massachusetts. Das Coming out seines Sohnes habe seine Perspektive auf dieses Thema verändert, gibt Singer zu.

Philanthrop und Geier

Egal, ob es sich um das Thema Schwulenehe, Argentinien oder um den Einfluss auf die politische Landschaft handele: Singer sei hartnäcki,g wenn es darum gehe, Dinge zu durchschauen, sagte ein Hedgefonds-Manager der "Financial Times".  Auch als Wohltäter machte Singer sich einen Namen. Die Paul E. Singer Foundation unterstützt die Demokratie, freie Märkte, die nationale Sicherheit und Israel. Seine Paul E. Singer Family Foundation setzt sich für die Umwelt, Bildung und für die Legalisierung der Homo-Ehe ein.

Auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt landet Paul Singer auf den unteren Plätzen. Das Privatvermögen des Hedgefonds-Managers soll 2,9 Milliarden Dollar betragen: Rang 777. Seine Methode, aus Argentinien so viel Geld wie möglich zu pressen, hat ihn auf der Bekanntheitsliste dagegen deutlich weiter nach oben gespült.

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