Nick Leeson (2018, bei Promi Big Brother)

Nick Leeson Der Mann, der eine ganze Bank verspekulierte

Stand: 02.03.2020, 13:40 Uhr

Vom Starhändler zum größten Finanzbetrüger der Welt: Mit seinen Spekulationen an den Terminmärkten trieb Nick Leeson die Barings Bank - damals immerhin die "Bank der Queen" - in die Pleite. Heute vor 25 Jahren wurde er in Frankfurt festgenommen.

Am Ende blieb nicht viel Zeit für große Worte: "I'm sorry!" - mit diesem simplen Satz, den er auf einen Zettel an seinem Computerbildschirm in der Niederlassung der britischen Barings Bank in Singapur schrieb, verabschiedete sich Leeson von seinem Arbeitgeber. Weil er befürchtete, in einem asiatischen Gefängnis zu landen, verließ der damals 27-Jährige Händler fluchtartig die Bank. Doch es half ihm nichts. Er wurde am Frankfurter Flughafen festgenommen und dann nach Singapur ausgeliefert. Dort musste er viereinhalb Jahre lang hinter Gittern verbringen.

Vom Arbeiterkind zum Terminhändler

Nick Leeson bei seiner Festnahme in Singapur

Nick Leeson bei seiner Festnahme in Singapur. | Bildquelle: picture-alliance / dpa/epa

Es war das Ende einer der steilsten Banker-Karrieren. Das Arbeiterkind aus Watford bei London, Sohn einer Krankenschwester und eines Stuckateurs, hatte nach ersten Stationen bei der Coutts Bank und Morgan Stanley 1989 als junger Wertpapierhändler bei der Barings Bank angefangen. Rasch begeisterte er sich für die neue Welt der Derivate und Terminkontrakte - und entwickelte sich zum Experten auf diesem Gebiet.

1992 schickte ihn Barings nach Singapur, wo er das Derivate-Geschäft der Bank aufbauen sollte. Leeson spezialisierte sich auf Arbitragegeschäfte, er kaufte Futures auf Aktien an einer Börse und verkaufte sie an einer anderen Börse wieder. Dabei profitierte er von Preisdifferenzen zwischen Singapur und Osaka. Mit dieser Strategie scheffelte er rasch horrende Gewinne.

Riskante Wetten mit Derivaten

Mit der Zeit wurde das dem jungen Barings-Trader zu langweilig. Er setzte die Derivate immer mehr zur Spekulation ein und sicherte seine Geschäfte kaum noch durch entsprechende Gegenpositionen ab. Im Klartext: Leeson ging Wetten auf Aktien und Indizes ein. Gewann er die Wette, machte er Millionengewinne, verlor er sie, erlitt er Millionenverluste. Um dies zu verheimlichen, öffnete er ein Geheimkonto mit der Nummer 88888 - die 8 ist eine Glückszahl in Asien - und verbuchte dort die Verluste. Zudem fälschte er Dokumente und Abrechnungen.  Nur die Gewinne meldete er nach London.

Die Strategie ging zunächst auf. Leeson verdiente an den Terminmärkten zeitweise zehn Prozent der gesamten Gewinne der Barings Bank. Der "Sonnyboy" wurde als Starhändler gefeiert. In der Finanzszene nannten sie ihn ehrfurchtsvoll "The Voice".  Leeson erhielt großzügige Boni und genoss das Leben in Singapur in vollen Zügen. Er ließ kaum eine Party aus. In der legendären Bar "Harry's Quayside" soll er angeblich auch schon mal die Zigarren zum Anzünden von Geldscheinen benutzt haben.

Kontrollen versagten

Das dreiste Gebaren des jungen Derivatehändlers fiel weder der Konzernmutter in London noch der Bankenaufsicht auf. "Die Barings-Leute aus London trauten sich nicht, blöde Fragen zu stellen, um nicht dumm dazustehen", erinnert sich Leeson. Und die für die Bankenaufsicht zuständige Bank of England versagte, sie vertraute der Barings Bank fast blind.

Nick Leeson auf einer Pressekonferenz  im Heathrow Hilton 1999

Nick Leeson. | Bildquelle: Picture-Alliance / Photoshot

Der Starhändler musste keine Rechenschaft über seine Transaktionen geben, eine Compliancestelle oder eine eigene Abwicklungsabteilung gab es nicht. Im Grunde kontrollierte sich Leeson weitgehend selbst.

Nach dem Nikkei-Beben flog Leeson auf

Diese fehlenden Kontrollmechanismen rächten sich. Leesons Wetten gingen nicht auf. Die Verluste, die er anhäufte, wurden immer größer.

Dann kam der 17. Januar 1995.

Ein Erdbeben im japanischen Kobe ließ den Nikkei einbrechen. Leeson witterte seine Chance und spekulierte auf eine schnelle Erholung der Börsenkurse. Doch der Markt entwickelte sich in die entgegengesetzte Richtung. Die Kurse fielen weiter. Leeson versuchte mit Stützungskäufen, den Verfall des Nikkei zu stoppen - vergeblich. Am Ende konnte der Starhändler die von der Terminbörse verlangten Sicherheiten nicht mehr stellen.

Schlagzeile in The Guardian:

Guardian-Schlagzeile zur Barings-Pleite. | Bildquelle: The Guardian

Nun wurde auch die Zentrale in London hellhörig - zu spät. Als sie Leeson zur Rede stellen wollten, war dieser bereits geflüchtet. Er wusste, dass er die Barings Bank in den Ruin geführt hatte. 1,2 Milliarden Dollar Verluste hatte er mit seinen Derivategeschäften hinterlassen. Die über 200 Jahre alte Barings Bank war pleite. Acht Tage später kaufte die niederländische ING für ein symbolisches britisches Pfund die Reste des einstigen Traditionshauses auf.

Vier Jahre im Gefängnis

Da war Leeson schon verhaftet. Mehrere Jahre saß der überführte Betrüger in einer dunklen Zelle mit zwei Insassen, musste auf Kissen ohne Bett schlafen und hatte nur eine Stunde täglich Ausgang im Gefängnishof. Trotzdem ließ sich Leeson nicht unterkriegen. Noch während seiner Haftzeit veröffentlichte er seine Lebensgeschichte unter dem Titel "Rogue Trader" ("Das Milliardenspiel"), das später von Hollywood als "High Speed Money" verfilmt wurde. Wegen guter Führung und einer Darmkrebsdiagnose kam Leeson 1999 vorzeitig frei. Die Operation und Chemotherapie überstand er. Doch seine Ehe zerbrach. Seine Frau Lisa ließ sich von ihm scheiden, weil Leeson in seiner Biografie über Besuche bei Geishas erzählte.

"Ich war ein normaler Bankangestellter!"

Heute ist der tief gefallene Derivatehändler wieder verheiratet und hat drei Kinder. Sein Geld verdient er nun mit gutbezahlten Interviews und Reden auf Veranstaltungen sowie der Beratung von überschuldeten Privatanlegern. Von Derivaten lässt der heute 52-jährige kahlköpfige Ire inzwischen die Finger. Er vermisse zwar den Sound und das Adrenalin der Märkte, aber die Erlebnisse von damals blieben eine "komplette Schande". Ob er das ernst meint, ist fraglich. Denn als Verbrecher fühlt er sich nicht. Ein Verbrechen habe er nie im Sinn gehabt, er habe keine Millionen für sich abgezweigt. "Ich war eigentlich ein ganz normaler Bankangestellter", sagt er. Das sehen die einstigen Barings-Verantwortlichen und die Wirtschaftsprüfer wohl anders.

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Kweku Adoboli muss sich vor Gericht verantworten

Kweku Adoboli, UBS, hat "Gott gespielt"

Es ist einer der größten Bankenskandale in der Geschichte des Finanzplatzes London: Der UBS-Börsenhändler Kweku Adoboli verzockte 2012 rund 2,3 Milliarden Dollar. Zwischenzeitlich waren die Risiken sogar bis auf zwölf Milliarden Dollar angeschwollen und hatten damit das Überleben der größten Schweizer Bank bedroht. Insgesamt hat Kweku Adoboli 2,3 Milliarden Dollar versenkt.

Adoboli war am Handels-Desk für Exchange Traded Funds (ETF) aktiv. Dort handelte er mit allen möglichen Spielarten von börsennotierten Papieren wie Aktien, Anleihen und Rohstoffen. Beim Handel mit ETFs auf den Dax, S&P 500 und den EuroStoxx 50 überschritt er allerdings massiv die Risikolimits seiner Bank. Zudem täuschte er Absicherungsgeschäfte nur vor, um die Gewinnaussichten weiter zu erhöhen.

Dafür wurde Adoboli im November 2012 von einer britischen Jury in erster Instanz des Betrugs für schuldig gefunden und von einem Richter zu sieben Jahren hinter Gittern verurteilt. Chefanklägerin Sasha Wass bezeichnete Kweku Adoboli als arrogant und rücksichtslos. Er habe mit dem Geld der Bank "Gott gespielt", um sein Ego zu nähren und mittels höherer Boni seine Geldbörse zu füllen.

2015 kam Adoboli vorzeitig aus dem Gefängnis frei. Ende 2018 schob ihn Großbritannien in sein Gebiurtsland Ghana ab. Dort plant der einstige Starbanker nun ein Comeback als "Bond-König".