Filmkritik

Leonardo DiCaprio spielt den Betrüger Jordan Belfort. Still aus dem Kinofilm „Wolf of Wall Street“.

Wolf of Wall Street "Mutter, der Mann mit dem Koks ist da"

von Thomas Spinnler

Stand: 22.01.2014, 09:33 Uhr

Wer sich an die 80er Jahre erinnern könne, habe sie nicht miterlebt, wusste der Popstar Falco. Der Wall-Street-Betrüger Jordan Belfort hat in seiner Autobiographie "The Wolf of Wall Street" trotzdem versucht darüber zu berichten. Martin Scorsese hat daraus einen Film gemacht.

So falsch hat der bei einem Autounfall im Kokainrausch verstorbene Falco ("Der Kommissar", "Rock me Amadeus", "Mutter, der Mann mit dem Koks ist da") mit seiner Einschätzung wohl nicht gelegen. Und dass Jordan Belfort seine Zeit als Broker überlebt hat, ist wirklich erstaunlich, wenn man sein Buch gelesen und den darauf basierenden Film von Martin Scorsese gesehen hat.

In den späten 80er Jahren gründet das Verkäufergenie Belfort die Brokerfirma Stratton Oakmont und wird zum Star an der Wall Street. Seine Leute verkaufen per Kaltakquise am Telefon Schrottaktien, er betrügt bei Börsengängen und pustet Aktienkurse künstlich auf, um die Papiere mit sensationellem Gewinn zu verkaufen. Irgendwann bringt ihn die US-Börsenaufsicht SEC zur Strecke und ins Gefängnis.

"Der Schnee, auf dem wir alle talwärts fahren"

Diamantschmuck

Luxus Schmuck Geld Reichtum. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Der Mann, der sich seinen Spitznamen "Wolf of Wall Street" durch die Gerissenheit und die Gier eines Wolfes verdient hat, verfügt auch über die Konstitution eines Bisons. Belfort lebt wie ein Rockstar und produziert nicht nur sagenhaften Reichtum, sondern auch eine Ausschweifung nach der anderen. Er übersteht Hubschrauberabstürze und die Havarie seiner Yacht. Die Massen an Kokain, Alkohol und Sedativa, die er sich täglich zuführt, würden ausreichen, um Untrainierte im besten Fall monatelang lahmzulegen. Normalerweise würde es sie umbringen.

Kraft genug für eine Orgie im Handelsraum, im Restaurant oder im Flugzeug hat Belfort trotz seines Zustandes so gut wie immer. Leonardo DiCaprio spielt das mit sichtbarem Vergnügen. Scorsese wurde deshalb von der Tochter eines anderen Wall-Street-Betrügers vorgeworfen, dass er die Eskapaden und die Verbrechen Belforts glorifiziere. Das ist zureffend - jedenfalls wenn man ein Leben im Dauerdelirium und ständig am Rand des Drogentods für erstrebenswert hält. Belfort hat weder sich noch die Lage im Griff.

"Decadence for you and me"

Gordon Gekko (Michael Douglas) und Jacob Moore (Shia LaBoeuf) (Quelle: Twentieth Century Fox)

Gordon Gekko (Michael Douglas) und Jacob Moore (Shia LaBoeuf). | Bildquelle: Twentieth Century Fox

In Filmen von Scorsese war die moralische Botschaft nie die Hauptsache. Und wer mit der Erwartung ins Kino geht, als geläuterter Mensch herauszukommen, wird enttäuscht. Das leisten Oliver Stone und sein berühmtester Film "Wall Street" besser. Und anders als Scorsese interessiert sich Stone etwas mehr für die Mechanismen des Finanzmarkts.

Wie der Markt funktioniert, ist Scorsese dagegen gleichgültig. Wie der Betrug genau gelaufen ist, sei egal, lässt er DiCaprio direkt in die Kamera sprechen. "Wichtig ist, dass es illegal war." Der Film ist keine Dokumentation wie beispielsweise "Masters of the Universe".

"Er war so exaltiert, genau das war sein Flair"

"The Wolf of Wall Street" erinnert an Scorseses Gangsterfilm "Goodfellas". Die Parallelen sind auffällig: Die Erzählperspektiven ähneln sich, auch "Goodfellas" basierte auf den autobiographischen Erinnerungen eines Ganoven, der von seinem Leben als Bandenmitglied schwärmt. Wie Ray Liotta als Henry Hill blickt DiCaprio gegen die Hollywood-Konvention häufig in die Kamera, wendet sich direkt an den Zuschauer und zerstört damit die filmische Illusion. Scorsese macht uns dadurch aber auch zum Komplizen.

Nur: Will man das wirklich sein? "The Wolf of Wall Street" zeigt eine oberflächliche Welt. Was Belfort als Zentrum des Films, abgesehen von der Gier nach Reichtum antreibt, ist unklar, sämtliche Nebenrollen und die Beziehungen untereinander sind lediglich grob gezeichnet. Der Dollar und die Drogen sorgen dafür, dass nicht alles auseinanderfliegt. "Ich will, dass ihr eure Probleme mit Geld löst", ruft Belfort der jubelnden Broker-Herde zu, die im Handelsraum an seinen Lippen klebt und ihn wie einen Guru verehrt.

"Quit livin' on dreams..."

Henry Hill, der Held in "Goodfellas", präsentiert dem Zuschauer, was man als Gangster, ein Leben das Hill bewusst gewählt hat, alles erlebt. Das möchte man zwar nicht durchmachen, doch es ist aufregend, dabei bis zum Schluss zuzusehen. Hill lebt am Ende des Films in einer Vorstadt im Nirgendwo der USA “wie irgendein Trottel“. Aber er lächelt in die Kamera, im Abspann läuft eine Rockversion von Frank Sinatras "My way".

ARD-Börsenstudio: Samir Ibrahim
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ARD-Börse: Wall-Street-Filme - ein böses Omen?

Dagegen wirken nach fast drei Stunden Spielzeit die repetitive Struktur und die penetranten sexuellen Ausschweifungen Jordan Belforts ermüdend, weil seine Welt hohl und er nur von Dingen umgeben ist. Belfort arbeitet heute sinnigerweise als Motivationstrainer. Verkaufen kann er wie kaum jemand sonst.

Er hat am Schluss von "The Wolf of Wall Street" sogar einen Kurzauftritt und kündigt sich selbst als Filmfigur, gespielt von DiCaprio, an: Der Ex-Wolf gibt ein Seminar, DiCaprio blickt in die Menge und die neue Herde glotzt erwartungsvoll zurück. Sie wird versuchen wie einst Belfort, den Traum vom Reichtum zu verwirklichen.

Der Film "The Wolf of Wall Street" läuft seit dem 16. Januar.