Deutsche Börsendynastien

Adolf Merckle

Aufstieg und Fall eines Familienpatriarchen Merckle: Vorzeigeunternehmer und Zocker

Stand: 07.10.2015, 10:28 Uhr

Adolf Merckle war ein langfristig denkender Unternehmer - und Börsenzocker auf der Suche nach dem schnellen Profit. Letzteres ging so gründlich schief, dass sich der Patriarch das Leben nahm. Doch sein Firmenimperium lebt weiter.

Unter den zehn größten deutschen Familienunternehmen taucht neben bekannten Namen wie Bertelsmann, BMW oder Bosch auch der Name Phoenix auf. Dabei handelt es sich um den größten Pharmahändler Europas mit Umsatzerlösen von mehr als 22 Milliarden Euro.

Das in Mannheim ansässige Unternehmen beliefert Krankenhäuser und Apotheken mit Medikamenten in vielen Ländern Europas, von Finnland bis Bulgarien und Italien. Dahinter steckt niemand Geringeres als die Familie Merckle. Sie besitzt gut 90 Prozent von Phoenix Pharma.

Keimzelle Ratiopharm

Mehr noch. Phoenix – der Name leitet sich von dem mythischen Wundervogel der Antike ab - ist nicht nur das Herzstück des Firmenimperiums, es ist auch das einzige große Unternehmen, das nach der Finanzkrise und dem anschließenden Freitod des Firmengründers Adolf Merckle im Januar 2009 mehrheitlich in Familienbesitz geblieben ist.

Ratiopharm Qualitätskontrolle

Qualitätskontrolle bei Ratiopharm. | Bildquelle: Unternehmen

Doch der Reihe nach. Als die Merckles 1945 ihre Heimat, das Sudetenland verlassen mussten, verloren sie auch ihre Lebensgrundlage: den Handel mit Pharmazeutika. In der neuen Heimat Blaubeuren bei Ulm begannen sie Anfang der 60er Jahre, das Unternehmen neu aufzubauen. Im kleinsten Rahmen handelten sie mit Medikamenten. Es war der Beginn von Phoenix Pharma und vor allem von Ratiopharm.

Der Firmensammler

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Aus Ratiopharm wurde im Lauf der Jahrzehnte ein milliardenschwerer Generikakonzern. Dessen Aufbau sei eine gewaltige Leistung gewesen, vergleichbar mit dem Lebenswerk der Aldi-Brüder im Handelsbereich, lobt heute Bernd Scheifele, langjähriger Vertrauter von Adolf Merckle und Vorstandschef von HeidelbergCement die Arbeit des einstigen Firmenpatriarchen.

Auch der Heidelberger Baustoffkonzern geriet Anfang 2005 unter die Kontrolle des Firmensammlers Merckle. Der setzte umgehend Bernd Scheifele als Vorstandsvorsitzenden ein. Nach Abschluss eines öffentlichen Übernahmeangebots im Juli 2005 hielt Merckle knapp 78 Prozent der Anteile an HeidelbergCement.

Hinzu kamen unzählige weitere Beteiligungen und Unternehmensgruppen. Das Reich, das Merckle aufgebaut hatte, sei ein "unüberschaubares Konzerngeflecht“ gewesen, und "die Verschachtelung war durchaus Prinzip“, berichten Insider. Am Ende habe Merckle selbst der Überblick gefehlt. Das Konglomerat war deshalb so verschachtelt, weil Adolf Merckle Steuern sparen wollte.

Das Unheil begann im Mai

Gleichzeitig brauchte er immer größere Summen zur Finanzierung seiner Expansionspläne. Tatsächlich schien der Hunger Merckles nach immer neuen Beteiligungen nicht zu stillen - bis er ihm zum Verhängnis wurde. Das Unheil begann im Mai 2007. Damals kündigte HeidelbergCement die Übernahme des britischen Baustoffkonzerns Hanson für 9,5 Milliarden Pfund an. Es war die bis dahin größte Übernahme im Baustoffsektor.

Finanziert wurde die Übernahme durch Kredite. Die waren allerdings zum Großteil mit Aktien abgesichert. Deren Wert schmolz im Zuge der im Sommer 2007 einsetzenden Finanzkrise aber drastisch zusammen - und brachten Merckle in die Zwickmühle.

Merckle beging einen weiteren, diesmal fatalen Irrtum: Er setzte auf fallende Kurse bei Volkswagen.

Spieler und Zocker

Merckle war nämlich nicht nur der Vorzeigeunternehmer, der aus dem Nichts ein Firmenimperium aufgebaut hatte. Hinter seiner gutväterlichen Fassade verbarg sich auch ein Spieler und Zocker, der sich nicht scheute Millionen einzusetzen, wenn er glaubte an der Börse einen schnellen Gewinn machen zu können. Offen gab er zu: "Bei Aktien bin ich manchmal auch ein Daytrader."

So wettete Merckle im September 2008 auf fallende Kurse bei VW. Die Aktie notierte damals um die 250 Euro - aus fundamentaler Sicht zu teuer, befand Merckle. Er kaufte nicht weniger als 900.000 Aktienoptionen und verpflichtete sich, den Banken VW-Aktien für einen Durchschnittspreis von 248 Euro anzubieten.

Beteiligungen Merckle Unternehmensgruppe

Beteiligungen Merckle Unternehmensgruppe. | Bildquelle: boerse.ARD.de, Grafik: boerse.ARD.de

In der Falle

Doch schon einen Monat später geschah das Unerwartete: Porsche verkündete am 26. Oktober 2008, entgegen der früheren Absicht, doch 75 Prozent der VW-Aktien erwerben zu wollen. In der Folge schossen die damals im Dax geführten Stammaktien des Wolfsburger Autobauers in die Höhe, und erreichten in der Spitze gut 1.000 Euro.

Nun saß Merckle in der Falle. Er löste die Optionsgeschäfte auf und zahlte den Banken die Differenz zwischen dem aktuellen Börsenkurs der VW-Aktie und dem vereinbarten Basispreis. Damit hatte er auf einen Schlag mehrere Hundert Millionen Euro verloren. Quellen aus der damaligen Zeit berichten, Merckle habe mit seinen unterschiedlichen Finanzgeschäften insgesamt eine Milliarde Euro verloren. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht.

Teilweise Zerschlagung

Sicher ist, mit der Übernahme von Hanson hatte sich Merckle verkalkuliert und damit die Existenz seines Firmenkonglomerats aufs Spiel gesetzt. Es gelang ihm zwar mit Hilfe der Landesbank Baden-Württtemberg, einen Überbrückungskredit von 400 Millionen Euro zu erhalten. Aber im Gegenzug musste sich die Familie verpflichten, Teile des Firmenimperiums, allen voran Ratiopharm, zu verkaufen und sich aus dem operativen Geschäft zurückzuziehen. Eine Schmach, die Adolf Merckle unerträglich fand. Am Abend dieses Tages, dem 5. Januar 2009, legte er sich in seiner Heimatstadt Blaubeuren auf die Bahngleise.

Wenige Monate später, im September 2009, begann die Teilzerschlagung der Gruppe. Durch eine kombinierte Kapitalerhöhung und Aktienumplatzierung sank der Anteil der Merckle-Familie an dem Baustoffkonzern HeidelbergCement von 72 Prozent auf 26 Prozent. 2010 folgte der Verkauf von Ratiopharm, die einstige Keimzelle des Familienkonglomerats, an die israelische Teva-Gruppe - für 3,6 Milliarden Euro.

Klage gegen Porsche

Seitdem hat sich die Lage der Merckle-Gruppe wieder stabilisiert. So musste der Pistenbully-Hersteller Kässbohrer doch nicht verkauft werden. Bei HeidelbergCement sieht der noch immer amtierende Vorstandschef Bernd Scheifele sogar wieder Spielraum für Zukäufe. Für 6,7 Milliarden Euro will er den italienischen Hersteller Italcementi kaufen.

Abgehakt ist der Beinahe-Zusammenbruch des Merckle-Imperiums aber noch nicht. Vor dem Landgericht Hannover klagen Merckles Erben noch immer gegen die Firma Porsche SE. Sie fordern Schadensersatz in Höhe von 212 Millionen Euro für die 2008 erzielten Spekulationsverluste von Adolf Merckle. Ein Urteil steht noch aus. Die Chancen, das verspielte Geld vor Gericht wiederhereinzuholen, scheinen nicht sonderlich hoch. Das Braunschweiger Landgericht hat bereits zwei Schadensersatzklagen anderer Anleger gegen Porsche über insgesamt 4,7 Millionen Euro zurückgewiesen.

lg

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