Deutsche Börsendynastien

Nahrungsergänzungstabletten von Merck KGaA liegen auf einem Tisch

Pharma und Chemie Merck: Familienunternehmen in der 13. Generation

Stand: 09.09.2015, 16:35 Uhr

Seit 20 Jahren werden die Aktien der Darmstädter Merck KGaA an der Börse gehandelt. Doch sind es nicht Heuschrecken oder angelsächsische Pensionsfonds, die das Unternehmen kontrollieren, sondern ein weitverzweigter, gut organisierter Familien-Clan.

Die Rede ist von den Mercks, einer inzwischen auf über 200 Mitglieder angewachsenen Sippe, die noch immer 70 Prozent der Unternehmensanteile hält. Sie alle sind Nachkommen von Firmengründer Friedrich Jacob Merck (* 1621 Schweinfurt; † 1678 Darmstadt), der 1668, also vor fast 350 Jahren, mit dem Kauf einer Apotheke in Darmstadt den Grundstein für den heutigen Merck-Konzern legte.

Die Apotheke am Luwigsplatz gibt es zwar immer noch, doch ist daraus längst ein weit verzweigter Pharma- und Chemiekonzern entstanden, mit Arzneien gegen Krebs und Multiple Sklerose ebenso wie Nasentropfen für die Selbstmedikation. Daneben ist das Unternehmen auch in die Biotechnologie eingestiegen und produziert in seinen chemischen Sparten Flüssigkristalle für Bildschirme und Displays oder Pigmente für dekorative Kosmetik. Damit hat Merck im vergangenen Jahr 11,5 Milliarden Euro umgesetzt. Unter den 50 größten deutschen Familienunternehmen sind die Darmstädter auf den 19. Rang vorgerückt. 2007 erfolgte der Aufstieg in die erste Börsenliga, den Dax.

Fulminantes Wachstum

Das fulminante Wachstum verdankt der Konzern vor allem seinem früheren Manager Hans Joachim Langmann, der die Geschicke von Merck 30 Jahre lang bis zum Jahr 2000 leitete. Er erschloss dem Unternehmen mit dem Börsengang 1995 eine neue Finanzierungsquelle, die dann die Expansion ermöglichte - allen voran den Kauf des Schweizer Biotechunternehmens Serono im Jahr 2006 für zehn Milliarden Euro und die Übernahme des US-Unternehmens Millipore 2010.

Immer wieder wird die damit vom Mittelständler zum Großkonzern aufgestiegene Merck mit ihrem Namensvetter aus Amerika, der Merck & Co. verwechselt. Tatsächlich haben beide Unternehmen die gleichen Wurzeln. Denn bei der amerikanischen Merck handelt es sich um die einstige, 1887 gegründete Tochtergesellschaft der Darmstädter Mutter. Noch während des Ersten Weltkrieges, 1917, wurden allerdings die Auslandsfilialen Russland und Frankreich ebenso wie die US-Tochter enteignet. Seither arbeitet Merck & Co auf eigene Rechnung und hat sich so prächtig entwickelt, dass sie heute deutlich größer ist als die frühere Muttergesellschaft in Darmstadt. Gesellschaftsrechtlich gibt es keine Verbindungen mehr zwischen der Merck KGaA in Darmstadt und Merck & Co in Philadelphia.

Aktiengesellschaft und Familienunternehmen

Dass es Merck trotz aller Rückschläge und Umwälzungen bis heute gelungen ist, ein Familienunternehmen zu bleiben, hat nicht nur, aber natürlich auch, mit Glück zu tun. Entscheidend zur Stellung von Merck hat auch eine zwar komplizierte, aber effiziente Gesellschafterstruktur beigetragen.

Merck hat sich die Rechtsform einer Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) gegeben. Sie kombiniert Elemente einer Personengesellschaft (KG) mit einer Aktiengesellschaft (AG). 30 Prozent der Aktien - es handelt sich um nennwertlose Inhaberaktien - der Merck KGaA werden öffentlich gehandelt, während die übrigen Papiere von der Familie Merck durch den persönlich haftenden Gesellschafter E. Merck KG gehalten werden. Wie in einer KGaA üblich, liegt die operative Führung ganz in der Hand familienfremder Manager. Vorstandschef ist seit April 2007 der frühere Lufthansa-Vorstand Karl-Ludwig Kley. Er gehört inzwischen auch zu den persönlich haftenden Gesellschaftern des Unternehmens.

Beaufsichtigt wird die Arbeit von Kley von einem Gesellschafter- und einem Familienrat. Wer von der Familie in dieses Gremium entsandt wird, muss von der Gesellschafterversammlung gewählt werden. Darin sitzen 130 des zuletzt auf 217 Mitglieder angewachsenen Familien-Clans. Seit Januar 2014 wird der Gesellschafterrat von Frank Stangenberg-Haverkamp (65) geleitet. Jon Baumhauer (69), der bisherige Vorsitzende, schied aus Altersgründen aus.

Tradition verpflichtet

Neben dem Familienrat gibt es als zweites Kontrollgremium den neunköpfigen Gesellschafterrat. Er überwacht die Geschäftsführung der Merck KGaA und ist zuständig für die Bestellung von Mitgliedern der Geschäftsleitung der Merck KGaA. Zum Vorsitzenden des Gesellschafterrates wurde Anfang letzten Jahres Johannes Baillou gewählt. Der gebürtige Wiener (49) gehört dem Gesellschafterrat seit 2009 an und war seitdem stellvertretender Vorsitzender dieses Gremiums.

Frank Stangenberg-Haverkamp, Vorsitzender des Gesellschaftsrats der Merck KGaA

Frank Stangenberg-Haverkamp, Vorsitzender des Gesellschaftsrats der Merck KGaA. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Dabei will er seine Arbeit ganz im Sinne seiner Vorgänger fortsetzen. Danach verstehen sich die Gesellschafter nicht nur als Eigentümer des Firmenvermögens, sondern auch als Treuhänder, deren Aufgabe es ist, das Erbe unversehrt und möglichst gemehrt an die nächste Generation zu übergeben. Dass dies seit 13 Generationen funktioniert, hat die bald 350-jährige Geschichte von Merck eindrücklich bewiesen.

Neue Herausforderungen

Trotzdem steht das Unternehmen in einem rauen Wettbewerb. Weil es im Pharmageschäft schon länger keine neuen Produkteinführungen mehr gab, hat sich die Merck-Aktie in den vergangenen drei Monaten schwächer entwickelt hat als der Dax. Die US-Investmentbank Merrill Lynch hat die Papiere der Darmstädter jüngst sogar von "Neutral" auf "Underperform" herabgestuft und das Kursziel von 105 auf 92 Euro gesenkt. Der Pharma- und Spezialchemie-Aktie fehle es an Katalysatoren für Kursgewinne, und die Wachstumserwartungen lägen klar unter dem europäischen Durchschnitt, schrieb Analyst Sachin Jain.

Für die Unternehmensleitung ist dies jedoch kein Grund zur Beunruhigung. Man werde nicht nervös, nur weil es im Pharmageschäft einmal nicht so gut laufe. Auch Konkurrenten wie Boehringer hatten schon einmal längere Phasen ohne neue Produkteinführung.

lg

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