Top-Frauen der Finanzwelt

Mary Jo White

Von der Mafia- zur Banken-Jägerin Mary Jo White, Wachhund der Wall Street

von Bettina Seidl

Stand: 04.05.2015, 15:11 Uhr

Die Akteure auf der Finanzbühne sind hauptsächlich männlich. Gerade in der obersten Liga gibt es nur wenige Frauen. Doch ausgerechnet eine Frau schaut den Top-Bankern auf die Finger: Mary Jo White, die Chefin der amerikanischen Börsenaufsicht. Und sie haut ihnen auch auf die Finger.

Ihre Körpergröße führt in die Irre. Sie misst knapp 1,50 Meter, aber sie ist ziemlich groß darin, Finanzjongleuren und Wall-Street-Bankern das Fürchten zu lehren. Mary Jo White, Leiterin der amerikanischen Börsenaufsicht SEC, führt seit zwei Jahren das Regiment in der mächtigsten Börsenaufsicht der Welt.

SEC

SEC Logo - Securities and Exchange Commission

Die Securities and Exchange Commission – kurz SEC – hat ein Auge auf die Wertpapiergeschäfte in den USA. Zwar ist sie keine Strafverfolgungsbehörde, sie strengt nur Zivilverfahren an, und muss für darüber hinaus Gehendes mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten. Doch das gelingt ihr inzwischen ganz gut. Banken wurden bei Fehlverhalten schon gehörig zur Kasse gebeten. Zu wichtigsten Aufgabe der SEC gehört die Umsetzung des Dodd-Frank Act, der das amerikanische Finanzmarktrecht grundlegend reformierte.

Die ganz großen Finanzbosse hat sie schon in die Knie gezwungen, einer Reihe von Banken hat sie Millionen abgenommen. Als Strafe, auch wenn es offiziell nicht immer als Strafe deklariert wird. Vor ihr zittern sie alle, ob JPMorgan, Citigroup, Barclays und UBS. Viele Banken gerieten ins Visier der Börsenaufseher, ob nun wegen des Verdachts, die Währungsmärkte manipuliert oder mit windigen Hypothekengeschichten betrogen zu haben.

"Man legt sich nicht mit Mary Jo an"

An Durchsetzungsvermögen und Schlagkraft kann es White mit Männern aufnehmen. US-Präsident Barack Obama war das bewusst, als er sie im April 2013 nominierte. "Man legt sich nicht mit Mary Jo an", stelle Obama die heute 67-Jährige im Weißen Haus vor. "Sie lässt sich nicht leicht einschüchtern.“

Das hat sie auch in ihrem früheren Berufsleben bewiesen. White war von 1993 bis 2002 leitende Staatsanwältin von Manhattan. In der mehr als 200-jährigen Geschichte dieser Behörde war sie die erste Frau an ihrer Spitze. In ihren gut zehn Jahren Amtszeit jagte sie Mafiosi und Terroristen, Gangster und Betrüger. 1992 brachte White den New Yorker Gangsterboss John Gotti wegen Mordes hinter Gitter. 1993 leitete sie das Verfahren im Bombenanschlag auf das World Trade Center.

Sie beißt sich überall durch. Schon als Staatsanwältin erarbeitete sie sich den Ruf, unabhängig und engagiert zu sein. Auch damals hatte sie bereits die Finanzakteure im Visier. 1996 etwa ging sie gegen die japanische Daiwa Bank wegen Betrugs vor. Die Bank verlor ihre Lizenz für die USA und musste obendrein 340 Millionen Dollar zahlen, zur damaligen Zeit ein Rekord. Auch Republic Securitis verklagte sie wegen Betrugs, weil Konten von den Bankangestellten unsachgemäß abgerechnet wurden. Die Bank bekannte sich schuldig, die Kunden bekamen 600 Millionen Dollar Entschädigung. Es gab mehrere dieser Fälle.

Wie integer ist man, wenn man die Seiten wechselt?

Doch die großen Akteure der Wall-Street-Banken waren nicht dabei. Sie habe sie zu dieser Zeit nicht streng genug verfolgt, sagen Whites Kritiker. Dabei gehörte der südliche Stadtbezirk von New York City genau zu ihrem Einzugsbereich als leitende Staatsanwältin, die Wall Street, an der Banker, Hedgefonds und Broker ihr Unwesen treiben.

Weitere Zweifel an ihrer Integrität bestanden, weil sie nach ihrem Job als Staatsanwältin die Seiten wechselte. Sie ging zur Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton, für die sie auch früher schon gearbeitet hatte. Die Klientenliste der renommierten New Yorker liest sich wie das Who is Who der Finanzszene. UBS und JPMorgan standen dort, McKinsey und Deloitte. White verteidigte unter anderem den früheren Chef der Bank of America, Kenneth Lewis, und John Mack, der in der Top-Etage bei Morgan Stanley saß. Kann jemand, der diese Banken verteidigt hat, sie später wirklich gewissenhaft verfolgen?

Um Interessenkonflikte zu vermeiden, durfte sie im ersten Jahr als SEC-Chefin Fälle früherer Klienten nicht bearbeiten. Doch diese Schonfrist ist nun vorbei. White hat auch in vielen Fällen bewiesen, dass sie hart durchgreift. In Zusammenarbeit mit anderen US-Aufsichtsbehörden wurden gegen viele Banken Millionen- und gar Milliardenstrafen verhängt.

In der Finanzkrise noch galt die SEC als zu schwach. Die Warnzeichen wurden erst übersehen, dann gingen die Börsenaufseher nicht entschlossen genug gegen die Top-Banker vor. So wird die SEC auch kritisiert, womöglich mit zur Finanzkrise 2008 beigetragen zu haben. Erst Whites Vorgängerin an der Spitze der Behörde, Mary Schapiro, griff durch, baute die Börsenaufsicht radikal um.

"Dodd-Frank Act"

Der Dodd-Frank Act ist Amerikas Antwort auf die Finanzkrise. Dieses nach den beiden demokratischen Senatoren Chris Dodd und Barney Frank benannte Gesetz verpasste der Wall Street neue Regeln. Unter anderem beschränkt es die Banken im Eigenhandel – die so genannte Volcker-Regel, ebenfalls nach ihrem Urheber benannt, dem ehemaligen Notenbankchef Paul Volcker. Damit wird de facto das Trennbankensystem ("Glass-Steagall Act"), das zwischen 1932/33 und 1999 in den USA galt, wieder aufgegriffen. Der Dodd-Frank Act soll verhindern, dass eine Finanzkrise jemals wieder solche Ausmaße annimmt wie nach der Lehman-Pleite.

White trat Schapiros Erbe an und trieb die Mammut-Finanzreform Dodd-Frank Act voran. Ganz besonders half ihr dabei das Whistleblower-Programm.

Das Whistleblower-Programm

Whistleblower sind das große Heer der SEC. Diese Informanten werden seit dem Dodd-Frank-Act, dem Gesetz zur Zähmung der Finanzmärkte, mit Prämien geködert. Und das ist eine recht lukrative Geschichte, die SEC zahlt ordentlich. Kann die Börsenaufsicht aufgrund der Tipps ein Bußgeld von mindestens einer Million Dollar verhängen, bekommt der Whistleblower 10 bis 30 Prozent der Summe. Oft genug verteilt die SEC Strafen in dreistelliger Millionenhöhe oder gar Milliardenstrafen. Mehr als 7.000 Informanten haben sich seit Einführung des Gesetzes 2010 schon an die SEC gewandt und zum Beispiel über Unregelmäßigkeiten ihres Arbeitgebers berichtet.

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Die härtesten Geldstrafen für Banken Strafen von SEC & Co

Bank of America 16,65 Mrd. $ Strafe