Porträt

Martin Blessing

Zum Stabwechsel bei der Commerzbank Martin Blessing, der Verwässerungskönig

Stand: 20.04.2016, 16:18 Uhr

Ihm gebührt das Verdienst, die Bank durch die Finanzkrise geführt und danach stabilisiert zu haben. Aber der Preis, den Commerzbank-Chef Martin Blessing seit dem Jahr 2008 bezahlte, war extrem hoch.

Wenn Martin Blessing am 1. Mai den Chefsessel im Frankfurter Hochhaus für seinen Nachfolger Martin Zielke freimacht, werden sich an der Beurteilung seiner Managementleistung wohl die Geister scheiden. Denn in einer Marktwirtschaft wird der Erfolg des Managements einer Kapitalgesellschaft (und nicht nur dort) üblicherweise daran gemessen, wie viel Wert für die Aktionäre, also die Eigentümer, geschaffen wurde.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 10 Jahre
Kurs
9,56
Differenz relativ
+0,96%

Und da kann Martin Blessing wahrlich nicht punkten. Seit seinem Amtsantritt als Nachfolger des lange amtierenden, übermächtigen Klaus-Peter-Müller im Jahr 2008 hat die Commerzbank-Aktie rund 95 Prozent an Wert eingebüßt. Aktuell wird das Papier zudem nur mit einem Buchwert von 0,4 gehandelt. Der Chart spricht für sich. Ginge es nach den Gesetzen des Marktes, dürften Blessing und sein Ex-Chef Müller, der bis heute an der Spitze des Aufsichtsrates steht, schon lange nicht mehr im Amt sein.

Annus horribilis 2008

Martin Blessing Vorstandsvorsitzender Commerzbank

Martin Blessing. | Quelle: picture-alliance/dpa

2008, das Jahr seines Amtsantritts nach der Hauptversammlung im Mai, war in der Tat das Schicksalsjahr überhaupt für Blessing, die Bank und die ganze Branche. Denn streng genommen hätte es spätestens nach der Lehman-Katastrophe im September das Institut gar nicht mehr geben dürfen, das in den Wirren der Finanzkrise mit Sicherheit der allgemeinen Kernschmelze des Sektors zum Opfer gefallen und der ehemaligen Dax-Bank Hypo Real Estate in die Abwicklung gefolgt wäre.

Bank Run 2008: Merkel und Steinbrück. | Quelle: picture-alliance/dpa

Da aber die Sparbücher des Bürgers der Politik ein besonders hohes Gut waren (und immer noch sind), durfte Blessing mit rund 18 Milliarden Euro frischen Steuermitteln im Rücken erst einmal weiter werkeln. Noch heute ist der Bundesfinanzminister der größte Einzelaktionär und bestimmt kräftig mit, wer was wird im Hause Commerzbank.

Commerzbank-Aufsichtsrat Klaus-Peter Müller

Commerzbank-Aufsichtsrat Klaus-Peter Müller. | Quelle: Unternehmen

Nun kann Blessing, auch im Nachhinein, nicht für das verhängnisvolle Platzen der US-Hypothenkenblase verantwortlich gemacht werden, da wurden seinerzeit ganz andere Leute auf dem ganz falschen Fuß erwischt. Und hinterher ist man bekanntlich immer schlauer. Aber schon zu Zeiten seines Vorgängers Müller, als er im Vorstand der alten Commerzbank als Kronprinz bereits eng in die Entscheidungen eingebunden war, hat die Commerzbank unter Klaus-Peter-Müller keine Gelegenheit ausgelassen, kräftig im Konzert der Großen mitmischen zu wollen.

Die "zurechtgeschminkte Leiche" Dresdner Bank  

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Analyse zur Commerzbank: Die zwei Martins

Vor allem die Übernahme der angeschlagenen Dresdner Bank von der Allianz kurz nach seiner Amtsübernahme am 31.8.2008 war wohl der Knackpunkt in der Vita des Martin Blessing bei der neuen Commerzbank. Dabei war er mit starken Worten in die Übernahme gegangen: "Wir untermauern unseren Anspruch, die führende Bank in Deutschland zu werden."

Der Rest ist bekannt, insbesondere der Ausflug der Dreba ins vermeintlich so lukrative Investmentbanking war verheerend und überforderte auch den Großaktionär Allianz.

Dresdner Bank-Logo, im Hintergrund der Commerzbank-Turm

Fast acht Jahre später ist es immer noch schwer vorstellbar, dass keiner der Beteiligten auch nur ahnte, welche Bücher er sich da in die Bilanz einkaufte. Diese Anmerkung muss auch ex post gestattet sein, zumal auch viele Analysten damals nicht viel mit der Übernahme anfangen konnten. Sie sollten (leider) Recht behalten. "Wie konnte man sich nur die zurechtgeschminkte Leiche Dresdner Bank auf den Bauch binden lassen?“, fragte ein Aktionär wohl nicht ganz zu Unrecht auf der Hauptversammlung 2011.

Paul Achleitner, Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank

Paul Achleitner. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Die Allianz jedenfalls war froh, das Institut im Rahmen eines komplizierten Aktientausches wieder loszuwerden. Zumal das Ziel des einstigen Allianz-Finanzvorstandes und Drahtziehers der Aktion, Paul Achleitner, einen schlagkräftigen Allfinanzkonzern zu schaffen, wie schon so viele Versuche anderer zuvor, grandios gescheitert war. Genau jener Achleitner, der heute im Kontrollgremium der ebenfalls ziemlich angeschlagenen Deutschen Bank sitzt und gerade die Spätfolgen der Ära Jain/Fitschen beiseite räumt.

Unendliche Verwässerung  

Bad Bank mit Commerzbank-Logo

Die Folgen für die neue Commerzbank waren vernichtend und werden immer mit Blessings Namen verbunden bleiben. Man denke nur an die Spätfolgen der Fusion der Hypothekenbanken der damals drei deutschen Großbanken (inklusive der der Deutschen Bank) zur Eurohypo und ihrer lange auf der Bankbilanz lastenden Bad Bank.

Klaus Nieding

Klaus Nieding, Rechtsanwalt Nieding + Barth. | Bildquelle: Unternehmen

Zusammen mit der fast zeitgleichen Lehman-Pleite im September 2008 kam jedenfalls die Finanzkrise endgültig mit Riesenschritten auf den frisch gebackenen Bankchef zu. Nach insgesamt zehn (!) Kapitalerhöhungen seit 2008 (die letzte aus dem April 2015 über 1,4 Milliarden Euro) hat sich die Anzahl der Commerzbank-Aktien verzwanzigfacht.

Kein Wunder, dass der Vizepräsident der Aktionärsvereinigung DSW, Klaus Nieding, auf der Hauptversammlung vor einem Jahr in Richtung Blessing bemerkte: "Sie sind der bislang ungekrönte König der Anteilsverwässerung."  

Fähig zur Selbstkritik

Aber so verheerend die Management-Entscheidungen von Blessing und Müller vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse auch waren, so muss Blessing doch auch das Verdienst zugesprochen werden, das Beste aus der vertrackten Lage gemacht zu haben.

Martin Blessing (l), scheidender Vorstandsvorsitzender der Commerzbank AG, und sein Nachfolger Martin Zielke

Martin Blessing und Martin Zielke. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Auch die Fähigkeit zur Selbstkritik wurde ihm vom damaligen SPD-Finanzminister Steinbrück bescheinigt. Sein Verzicht auf üppige Vorstandboni und die akzeptierte Deckelung seiner Bezüge auf für Vorstandverhältnisse geradezu lächerliche 500.000 Euro p.a. zeugen zumindest von Fingerspitzengefühl. Blessing blieb trotz der Demütigung an Bord.

Wenn er jetzt an Martin Zielke übergibt, hat er die Bank stabilisiert, auch wenn das nicht heißt, dass klar ist, wo und wie sie zukünftig Geld verdienen will. Immerhin, neue Kunden wurden im Privatkundengeschäft gewonnen und für den Größenwahn damaliger Zeiten dürfte unter dem eher spröden Nordhessen Zielke in Zeiten von Nullzinsen und knappen Margen ohnehin kein Raum mehr sein. Den Aktionären dürfte es recht sein. Dass sie nicht das Schicksal von HBOS, Northern Rock oder Lehman-Eignern teilen müssen, gehört aller Kritik zum Trotz auch zur Wahrheit - und wird zum Teil jedenfalls das Verdienst von Martin Blessing bleiben.

rm