Porträt

EZB-Präsident Mario Draghi auf einer Pressekonferenz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt

Mächtigster Mann Europas? Mario Draghi – der entschlossene Italiener

von Ursula Mayer

Stand: 15.04.2015, 13:53 Uhr

Dritter EZB-Chef ist seit 2011 Mario Draghi. Mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, kämpft der 67-Jährige gegen die Euro-Schuldenkrise. Dabei überschreitet der Italiener seine Befugnisse, behaupten Kritiker.

Ausgerechnet ein Italiener, hatte die "Bild-Zeitung" im Vorfeld gewettert: "Bei den Italienern gehört Inflation zum Leben wie Tomatensoße zur Pasta!" Solche Vorurteile sollte der gebürtige Römer bald entkräften.

Mitten in turbulenten Krisenzeiten kam er 2011 ins Amt. Schnell standen ihm die Sorgen ins Gesicht geschrieben. Nüchtern verlas er in lupenreinem Englisch seine Reden, auf der Nase eine altmodische Brille, und erinnerte dabei an einen Professor.

"Preußischer" Italiener

EZB Eröffnung
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Porträt Mario Draghi

Tatsächlich hat Mario Draghi früher Wirtschaftswissenschaften an mehreren Universitäten gelehrt und vorher am renommierten Massachusetts Institute of Technology promoviert. Disziplin dürfte er auf der elitären Jesuitenschule in Rom vermittelt bekommen haben. Und trotzdem vermochte der ernsthafte EZB-Chef mit den diplomatischen Umgangsformen mit jedem Wort die Märkte durcheinanderzuwirbeln.

Diesem mächtigen Mann, der dabei privat sehr zurückgezogen und bescheiden lebt, zauberte die "Bild" in einer Fotomontage eine Pickelhaube auf den Kopf. Sie ermahnte den Italiener zu preußischen Tugenden. Das gefiel Draghi. Im Interview mit der Zeitung sagte er: "Das Preußische ist ein gutes Symbol für den wichtigsten Auftrag der EZB: Preisstabilität zu wahren und die europäischen Sparer zu beschützen."

Die Affäre Griechenland

Mario Draghi (l.) und Jean-Claude Trichet

Mario Draghi (l.) und Jean-Claude Trichet. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Strikt gegen Inflation, unabhängig gegenüber der Politik und für einen starken Euro, so gab sich der Italiener und lobte zugleich Deutschland als Vorbild. Dabei war Mario Draghi eigentlich nur eine Notlösung als Nachfolger für Jean-Claude Trichet. Den sollte ursprünglich der damalige Bundesbank-Chef Axel Weber ablösen, der dann allerdings verzichtete, weil er mit Trichets Anleihekaufprogramm gar nicht einverstanden war.

Sein Ersatz hatte sich als früherer Chef der Banca d'Italia auch schon bewährt, er hatte die italienische Notenbank sicher durch die Schuldenkrise navigiert. Bereits sein Vater war ein hoher Zentralbankbeamter. Zugleich hatte Mario Draghi als Ex-Goldman-Sachs-Manager einen Einblick in die Praxis der Finanzmärkte erhalten. Just in der Zeit, in der die Investmentbank Griechenland bei der Verschleierung der Schulden beraten haben soll. Dass er mit dem Geschäft etwas zu tun hatte, bestreitet Draghi aber.

Immer mit dem Finger am Abzug

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Auf dem Höhepunkt der Euro-Schuldenkrise wurde der Italiener zum Krisenmanager. Im Juli 2012 hielt er eine bewegende Rede: Die EZB werde alles tun, um den Euro zu erhalten. Tatsächlich hat Draghi Wort gehalten. Er hat alles aus dem Waffenarsenal geholt, was die EZB zu bieten hat: Während seine Vorgänger zögerlicher waren, hat er den Leitzins zügig gegen Null gesenkt und die "Dicke Bertha" abgefeuert, also Billionen-Spritzen an Banken verteilt. Gleichzeitig setzte es Strafzinsen, wenn sie ihr Geld bei der EZB parkten und nicht als Kredite in Umlauf brachten.

Danach holte Draghi die "Bazooka" heraus: Die EZB kauft seit kurzem Anleihen von Staaten in nie dagewesenem Ausmaß, um die Refinanzierungskosten niedrig zu halten und der europäischen Konjunktur zu neuem Schwung zu verhelfen. Mit Erfolg: Von einem Ende des Euro oder Europas ist nicht mehr die Rede, obwohl Griechenland zahlungsunfähig werden könnte und auf einen Euro-Austritt zusteuert.

Nur Zeit erkauft

Gleichzeitig hagelt es immer mehr Kritik, gerade in Deutschland. Die EZB würde Staatsfinanzierung mit der Notenpresse betreiben, heißt es, mit solchen Käufen zur "Bad Bank" verkommen. Ein weiterer Vorwurf: Sie sei nicht mehr unabhängig, mache sich zum Handlanger der Politik.

Mit all seinem schnellen und entschlossenen Handeln, das hat Draghi immer wieder klar gemacht, kann er den Regierungen in Europa letztlich zur Zeit erkaufen, damit die längst fällige Reformen anpacken. Sonst ist auch der derzeit einflussreichste Mann in Europa letztlich ohnmächtig.