Ein Börsenhändler steht am 15. September 2008 fassungslos vor der Börse

Retten oder nicht retten? Erst kollabierte Lehman, dann die Finanzwelt

von Thomas Spinnler

Stand: 10.09.2018, 06:45 Uhr

Vor zehn Jahren ging eine Schockwelle durch die Märkte: Die US-Regierung ließ die US-Investmentbank Lehman Brothers Pleite gehen. Es folgte eine fatale Kettenreaktion, die Welt versank in einer Rezession. Die Folgen sind bis heute spürbar.

„Solange die Musik, spielt musst du tanzen“: Legendäre Worte, mit denen Charles Prince die Welt im Juli 2007 als Boss der US-Bank Citigroup erstaunte, also kurz vor dem finalen Knall am US-Immobilienmarkt. Stehen die Banker am Ruder oder sitzen sie auf dem Rücksitz? Diese Frage stellte sich noch drängender am 15. September 2008, dem Tag der Lehman-Pleite. Die Musik setzte für einen Moment aus, das Licht ging an. Topmanager standen gemeinsam mit Notenbankern, Politikern und Investoren wie Partystatisten herum, blickten um sich und wussten nicht, wie ihnen geschah.

Vorausgegangen war ein Wochenende, wie es sich Hollywoods Drehbuchautoren nicht besser hätten einfallen lassen. Die Figur des Schurken war optimal mit Richard Fuld besetzt. Fuld war Chef der Investmentbank Lehman Brothers und wurde wegen seines aggressiven Geschäftsgebarens „der Gorilla“ genannt. Aber wer war der Gute und was war zu tun?

Demonstranten mit Schildern stehen hinter dem Chef der US-Investmentbank Lehman Brothers, Richard Fuld Jr.

Lehman-Boss Richard Fuld, auch "Gorilla" genannt. | Quelle: picture-alliance/dpa

So sieht wohl ein Ernstfall aus

Schon in den ersten Septembertagen des Jahres 2008 überschlugen sich die Ereignisse mit Lehman im Zentrum. Die Bank war wie viele andere angeschlagen durch die schwelende Immobilienkrise. Milliarden mussten abgeschrieben werden, mit Milliardennachschub durch Kapitalerhöhungen wollte Fuld das Institut stabilisieren.

Am Mittwoch, den 10. September, kündigte Lehman an, dass im dritten Quartal 3,9 Milliarden US-Dollar Verlust anfielen. Zuvor war der Aktienkurs bereits abgestürzt. Gerüchte über eine Zahlungsunfähigkeit machten an der Wall Street die Runde. Investoren verloren endgültig das Vertrauen in die Bonität, Lehman erhielt am Kreditmarkt kaum noch Geld – und das ist bei einer Bank das Ende.

Lehman Brothers Bank in New York

Lehman Brothers Bank in New York. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Nur 48 Stunden

Am Wochenende darauf war die Lage deshalb dramatisch. Washington favorisierte eine Lösung innerhalb der Finanzbranche. In den Stunden, bevor montags an den Aktienmärkten der Handel weiterging, rangen Fed-Chef Ben Bernanke, Finanzminister Henry Paulson, der Chef der New Yorker Fed, Timothy Geithner, Fuld und eine Menge anderer Köpfe der Branche darum, einen Käufer für Lehman zu finden. Nur so konnte die Pleite noch abgewendet werden. In Betracht kamen die britische Barclays Bank und die Bank of America (BofA).

Die BofA schnappte sich an diesem Wochenende lieber die krisengeschüttelte Bank Merrill Lynch. Barclays bestand auf staatlichen Garantien für den Lehman-Deal, die US-Finanzminister Henry Paulson nicht mehr geben wollte oder konnte. Nur wenige Tage zuvor waren die US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac verstaatlicht worden. Lehmans Schicksal war besiegelt. In seinen Memoiren erwähnt Paulson, der von 1999 bis 2006 auch Chef von Goldman Sachs war, er habe am 14. September 2008 seine Frau Wendy angerufen und sie gebeten, für ihn und das Land zu beten.

Der Tag als Lehman Pleite ging: Mit Karton stehen Mitarbeiter auf der Straße. | Quelle: Hessischer Rundfunk

Am Montag, den 15. September meldete Richard Fuld Konkurs an. Es blieb ein Schuldenberg von rund 600 Milliarden Dollar. 25.000 Angestellte standen quasi über Nacht mit Kartons unter dem Arm auf der Straße. Die Nachricht schockte die Finanzmärkte. Der Dow Jones stürzte um rund 500 Punkte ab, der größte Kurssturz seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Die Krise erreichte ihren Höhepunkt. Die Märkte wankten, die Welt stürzte in eine Rezession.

Retten oder nicht retten: Das ist die Frage!

War die Entscheidung richtig, Lehman Pleite gehen zu lassen? Darüber wird seit Jahren gestritten, die Stichwörter heißen „moral hazard“ und „too big to fail“: Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann meint, der Untergang sei in historischer Perspektive nicht so schlecht gewesen, weil er gezeigt habe, dass es den „moral hazard“ nicht geben dürfe. „Aber der Zeitpunkt in der Finanzkrise war fatal.“ „Moral hazard“ bedeutet das Eingehen von hochriskanten Geschäften im Vertrauen darauf, dass die Politik einspringt, wenn es schiefgeht.

Mittlerweile sind viele Fachleute der Ansicht, die Entscheidung sei angesichts der fatalen Folgen ein Fehler gewesen. Es begann eine Kettenreaktion am globalen Finanzmarkt, die nur mit fantastischen Milliardenspritzen der Politik und Leitzinssenkungen der Notenbanken in den Griff zu bekommen war - wenn man sie denn überhaupt langfristig in den Griff bekommen hat. Aus der Finanzkrise wurde eine Schuldenkrise.

Henry Paulson

Henry Paulson, damals US-Finanzminister. | Bildquelle: (c) dpa - Bildfunk

Gorillas im Nebel

Fuld scheint bis heute nicht zu begreifen, was passiert ist: Er werde bis er unter der Erde liege nicht verstehen, warum man Lehman Pleite gehen ließ. Ein paar Tage später pumpte Washington übrigens 85 Milliarden Dollar in den implodierenden Versicherungsriesen AIG. Von den fünf großen US-Investmentbanken haben die Krise nur Goldman Sachs und Morgan Stanley als eigenständige Unternehmen überlebt. Lehman Brothers war Geschichte, Bear Stearns vor dem Bankrott stehend im Frühjahr 2008 an JPMorgan notverkauft und Merrill Lynch gehört nun zur Bank of America.

Jetzt läuft das Geschäft für die US-Banken wieder prächtig und die aktuellen Bosse stehen beim Erfolg natürlich am Ruder. Sie nehmen wohl wieder auf dem Rücksitz Platz, wenn nochmal etwas schiefgeht.