Porträt

Jean-Claude Trichet

Der, der den Euro retten wollte Jean-Claude Trichet – der charmante Franzose

von Ursula Mayer

Stand: 15.04.2015, 13:35 Uhr

Zweiter EZB-Chef war Jean-Claude Trichet. Mit viel diplomatischem Geschick navigierte der Franzose die Euro-Zone durch turbulente Zeiten, schockierte aber, als er im Zuge der Euro-Schuldenkrise zum ersten Mal Staatsanleihen aufkaufte.

Wim Duisenbergs Amtszeit verkürzte sich auf fünf Jahre, weil Frankreich den Präsidentenstuhl für seinen Kandidaten Jean-Claude Trichet einforderte. 1942 in Lyon geboren, hatte der eine Musterkarriere im französischen Staatsdienst hingelegt. Nachdem er die Elite-Kaderschmiede ENA absolviert hatte, diente er jahrelang als Spitzenbeamter in mehreren französischen Regierungen.

1993 stieg Trichet zum Chef der französischen Nationalbank auf und erwarb sich dort den Ruf als "Ajatollah des starken Franc", weil er stets eine harte Geldpolitik predigte. Ganz wie die deutsche Bundesbank, was Trichet - in Anlehnung an den früheren Bundesbankpräsidenten Hans Tietmeyer – auch den  Spitznamen "Hans Claude Trichmeyer" einbrachte.

Wim Duisenberg übergibt das Amt des EZB-Präsidenten an Jean-Claude Trichet
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Porträt Jean-Claude Trichet

Diese Bilderbuchkarriere sollte durch den EZB-Führungsposten gekrönt werden, und wäre doch beinahe gescheitert, an einem Strafverfahren. Seit 2000 ermittelten die französischen Behörden gegen Trichet wegen des Verdachts, er habe bei der früheren Staatsbank Crédit Lyonnais dubiose Geschäfte verschleiert. Mitte 2003 wurde er freigesprochen – damit war der Weg an die Spitze der EZB frei.

"Ich bin kein Franzose!"

Hunderteuro-Banknoten mit Trichet-Unterschrift

Trichets Unterschrift. | Bildquelle: colourbox.de

Im selben Jahr sollte Trichet der erste Präsident der Europäischen Zentralbank mit französischem Pass werden. Dabei wurde ihm angekreidet, wie brachial die Franzosen ihn ins Amt befördert hatten. Außerdem fürchteten andere Staaten bereits einen französischen Napoleon als obersten Notenbanker Europas. Gegenüber dem europäischen Parlament beteuerte der damals 60-Jährige vor seinem Amtsantritt: "Ich bin kein Franzose!" Ein ungewöhnlicher Schritt, mit dem sich Trichet als überzeugter Europäer präsentierte, frei von Nationalinteressen.

Tatsächlich hielt Trichet 2004 dem Druck der französischen, deutschen und italienischen Regierung stand und beließ den Leitzins bei 2,00 Prozent. Im Dezember 2005 hob er ihn gegen den Willen von zehn Regierungen in der Euro-Zone an. Im Kampf gegen die hohe Inflation ging es weitere Zinsschritte nach oben, bis auf 4,25 Prozent – trotz Kritik aus Politikerreihen. Für seine Standhaftigkeit gegenüber der Politik und deren Drängen auf eine Zinslockerung wurde Trichet 2008 als "European banker of the year" ausgezeichnet. Über Jahre gelang es ihm, die Inflationsraten stabil zu halten. Frei nach dem Motto: "Wer die Preisstabilität in Gefahr bringt, der bringt Europa in Gefahr."

Ein Charmeur und ein Kunstliebhaber

Statt eines autoritären Führungsstils legte der französische Top-Notenbanker nach Aussagen von EZB-Mitarbeitern große Kollegialität an den Tag. Ihm wurde diplomatisches Geschick nachgesagt, außerdem ein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit. Mit Beharrlichkeit versuchte er, von seinen Ansichten zu überzeugen.

Der stets korrekt gekleidete Notenbanker wirkte zwar etwas blass, konnte aber mit seinem Charme gewinnen. Frauen begrüßte er mit "Madame" und Handkuss. Außerdem entpuppte sich der EZB-Chef als Goethe-Fan, generell als Literatur- und Opernliebhaber, der selbst schon Gedichte verfasst hatte.

Der Sündenfall der EZB

Die letzten Amtsjahre des EZB-Chefs bis 2011 waren jedoch turbulent, bedingt durch die Finanz- und Wirtschaftskrise. Nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers 2008 fuhr das Notenbank-Gremium entschlossen den Leitzins herunter.

Außerdem entschied es 2010, in einer langen Nacht von Sonntag auf Montag, den Ankauf von Anleihen gefährdeter Euro-Staaten wie Griechenland, um deren Refinanzierungskosten auf einem erträglichen Niveau zu halten. In den Augen vieler ein Tabubruch. Gerade aus dem deutschen Lager hagelte es Kritik, die EZB würde damit ihr Mandat überschreiten, das solche Staatsfinanzierung nicht vorsehe.

Mario Draghi (l.) und Jean-Claude Trichet

Mario Draghi (l.) und Jean-Claude Trichet. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Der Vorwurf, die EZB verwandele sich in eine "Bad Bank", brachte Trichet auf einer Pressekonferenz aus der Fassung: "Wir sind in der schwierigsten Situation seit dem Zweiten Weltkrieg", erwiderte er. "Vielleicht sogar seit dem Ersten." Man tue hier nur seinen Job und der sei schwierig genug. Während seiner Amtzeit sammelte Trichet 160 Milliarden Euro an Staatsanleihen in seiner Bilanz an. 2011 überließ er seinem italienischen Nachfolger Mario Draghi das Feld.