Wachhunde
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Mehr als nur Aktionärsberater ISS - die scharfen Hunde der Börse

von von Bettina Seidl

Stand: 10.05.2017, 14:22 Uhr

Nein, es geht hier nicht um die Raumstation ISS. In der Finanzwelt steht das Kürzel für den weltgrößten Aktionärsberater. "Berater" klingt irgendwie zahm. Aber ISS ist ein ziemlich scharfer Wachhund, engagiert von Aktionären, um die Manager der Börsenunternehmen in Schach zu halten. Einer der laut bellt - und beißt.

ISS, mit ganzem Namen heißt die Vereinigung "Institutional Shareholder Services", ist sogar ziemlich bissig. Im Auftrag von Groß-Aktionären wie Fondsgesellschaften und Versicherungen schaut sie den Chefs der Aktiengesellschaften auf die Finger - und setzt ihnen auch gehörig zu. Zum Job gehört aufpassen, beißen und wehtun. Wer sind diese scharfen Hunde der Börse?

Mächtig und stimmgewaltig

Aktionärsberater wie ISS beraten große Investoren, wie sie auf Hauptversammlungen abstimmen sollen, zum Beispiel bei so gewichtigen Themen wie Übernahmen, Aufsichtsratswahlen, Manager-Gehältern, Dividenden und Kapitalerhöhungen. "Stimmrechtsberater" nennt man sie denn auch, "Proxy Advisor".

Sie machen also einen ähnlichen Job wie bei uns die DSW oder die SdK, die Kleinanleger beraten und vertreten. Nur dass zur Kundschaft von ISS vor allem Groß-Aktionäre zählen, darunter Hedgefonds und normale Investmentfonds, Pensionskassen, Versicherungen und Banken. Die großen Fondsgesellschaften sind bisweilen an mehr als tausend Aktiengesellschaften beteiligt - da spart es Zeit, Geld und Nerven, wenn ein professioneller Analyst eine Empfehlung ausspricht.

Die Größe besticht

Auch wenn ISS in der Finanzwelt nur wenigen ein Begriff ist - es ist ein Berater mit Macht und Gewicht. Allein die Größe ist beeindruckend. Die ISS, die mit rund 900 Mitarbeitern in zwölf Ländern mit Büros vertreten ist, analysiert laut eigenen Angaben mehr als 20.000 Unternehmen rund um den Globus. Mit ihren Empfehlungen für das Abstimmungsverhalten deckt sie rund 40.000 Aktionärstreffen im Jahr ab.

Weltweit hat die Organisation 1.700 Kunden unter Vertrag, in Europa berät die Gesellschaft rund 300 Klienten. Diese Kundschaft steht für 3,8 Milliarden Aktien und verwaltet insgesamt rund 26 Milliarden Dollar.

Berater? Einheizer!

Trotz "nur" beratender Funktion ist die Durchsetzungsmacht enorm: Viele Investmentfonds aus den USA und Großbritannien folgen auf Hauptversammlungen den Empfehlungen von Stimmrechtsberatern wie ISS, Hermes oder Glass Lewis. Laut Schätzungen folgen 80 Prozent der ausländischen Fonds ihren Ratschlägen.

Mancher Rivale wie die britische Hermes EOS geht sogar noch weiter und vertritt auch die Stimmrechte ihrer Kunden auf den Hauptversammlungen. Dagegen haben ISS und Glass Lewis tatsächlich nur Beratungsfunktion. So oder so haben die Berater große Macht - zunehmend auch in Deutschland.

Im Visier der ISS: SAP und Deutsche Bank

Allein ISS soll schätzungsweise rund ein Viertel aller auf den Hauptversammlungen der Dax-Konzerne vertretenen Aktionärsstimmen abdecken. Derzeit heizt der amerikanische Stimmrechtsberater dem wertvollsten Dax-Konzern ein: dem Softwareriesen SAP. Es geht es um die mehr als satte Vergütung des Chefs: Bill McDermott hatte im vergangenen Jahr rund 15 Millionen Euro verdient. Damit hat er den bisherigen Spitzenverdiener unter den Dax-Konzernen, Daimler-Chef Dieter Zetsche, abgelöst.

McDermotts Vergütung fiel wegen mehrjähriger Bonusprogramme fast drei Mal so hoch aus wie im Jahr davor. Ändern lässt sich daran nichts mehr. Aber Knatsch auf der Hauptversammlung von Europas größtem Technologiekonzern ist programmiert. Die ISS empfiehlt den Aktionären, dem Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern. Der hat die Millionenvergütung nämlich durchgewunken.

Die zunehmende Macht im Dax hängt auch damit zusammen, dass immer mehr ausländische Investoren in deutsche Aktien investieren. Ein Blick auf die Aktionärsstrukturen der Dax-Konzerne zeigt: Im Schnitt liegen mehr als 70 Prozent der Aktien im Ausland. Bei manchen Gesellschaften sogar 90 Prozent.

Wer ist die ISS?

Gegründet wurde die US-Firma "Institutional Shareholder Services" 1985 in der Washingtoner Vorstadt Rockville. Schon damals genoss sie den Ruf der Unabhängigkeit. Der bekannte Aktionärsschützer Robert Monks war der Gründer, und die Gesellschaft hatte sich der Förderung guter Unternehmensführung (Corporate Governance) verschrieben.

Der Einfluss von ISS wuchs mit dem wachsenden Einfluss institutioneller Investoren auf Unternehmen - und auch durch Vertrauenskrisen und Firmenskandale wie dem von Enron. Anleger suchten zunehmend nach einer unabhängigen Stelle, die dem Management der Aktiengesellschaften auf die Finger klopft. So wurde die Firma zu einer Institution an der Wall Street. Eine Fusion mit dem größten Rivalen Proxy Monitor machte sie endgültig zur Nummer 1 der Branche. Sie kommt in den USA und Europa auf einen Marktanteil von rund 60 Prozent. An dieser Macht von ISS entzündet sich häufig Kritik, ebenso an der Meinungsmacht. Die Kommission zur guten Unternehmensführung hatte angekündigt, sich mit der Rolle der Aktionärsberater zu beschäftigen.

In den vergangenen Jahren hatte ISS mehrfach den Besitzer gewechselt. Zuletzt 2014, als der Index-Anbieter MSCI das Beratungsunternehmen an den Finanzinvestor Vestar Capital Partner für 364 Millionen Dollar verkaufte.

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Wo die ISS zubeißt SAP, Deutsche Bank und Deutsche Börse

Josef Ackermann, Deutsche Bank-Vorstand 2002-2012

Josef Ackermann, Ex-Chef der Deutschen Bank
Die ISS heizte im Herbst 2011 dem damaligen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ein, weil der directement an die Spitze des Aufsichtsrates wechseln wollte. Die ISS intervenierte. Ackermann zog seine Kandidatur zurück.