Isabelle Kocher

Porträt Isabelle Kocher, die Gewinner-Frau

Stand: 08.03.2018, 14:32 Uhr

Eine Frau an der Spitze eines Großkonzerns - das hat der Dax nicht zu bieten. Wohl aber der französische Börsenindex CAC 40, wie der Bruder des Dax' in Frankreich heißt. Isabelle Kocher ist Chefin des Versorgers Engie, eines der 40 Top-Konzerne des Nachbarlandes.

Isabelle Kocher kann heute eine saubere Bilanz präsentieren. Sie führte Engie 2017 zurück in die Gewinnzone. "Ein Wendepunkt", wie Kocher das Jahr 2017 nannte. Unter dem Strich erwirtschaftete der weltweit größte Gasversorger, der mit 155.000 Mitarbeitern auch zu den größten Energieversorgern zählt, einen Gewinn von 1,4 Milliarden Euro. Im Vorjahr hatte Engie, früher bekannt unter dem Namen GDF Suez, noch einen Verlust von 0,4 Milliarden Euro geschrieben. 2015 waren es fast fünf Milliarden, zwei Jahre davor gar zehn Milliarden.

Ein in Zahlen gemeißelter Erfolg für die Chefin des Energieunternehmens, das an der Börse gut 30 Milliarden Euro schwer ist. Ein Erfolg, der an der Börse gebührend gefeiert wird. Die Aktie von Engie legt heute vier Prozent zu.

"Anführer der Energiewende"

Als Kocher die Führung von Engie 2016 übernahm, verordnete sie dem Konzern die Energiewende: Den Ausstieg aus fossilen Energien, den Ausbau der erneuerbaren Energien. Ihr Anspruch: den Konzern zum "Anführer der Energiewende in der Welt" zu machen. Mit den belgischen Pannenmeilern Doel und Tihange, die mit zum Konzern gehören, keine einfache Aufgabe.

Doch der Umbau schreitet schnell voran. Schneller als gedacht, 2017, verkaufte Engie Geschäftsteile für 13,2 Milliarden Euro. Daher kann der Konzern auch wieder an Zukäufe denken und von steigenden Dividenden sprechen. Für 2017 werden 0,70 Euro je Aktie ausgeschüttet, für 2018 sollen es 0,75 Euro sein.

»Wir haben unseren auf drei Jahre geplanten Konzernumbau schneller abgeschlossen als erwartet und wollen daher unsere Dividende steigern.«

Engie-Chefin Isabelle Kocher

Ein Elite-Gewächs

Die studierte Physikerin hat bei Engie zielstrebig Karriere gemacht. Bevor sie im Oktober 2014 zur stellvertretenden Konzernchefin aufstieg, war sie Finanzdirektorin. Schon da stellte sie ihre Kompetenz unter Beweis: Sie verschrottete beim Jahresabschluss 2013 Abschreibungen in Höhe von 15 Milliarden Euro in der Bilanz, ohne einen Börsen-Tsunami zu verursachen.

Sie gilt als beherrscht, aber auch kühl. Kritiker werfen ihr mangelnde Empathie vor. Ihr Werdegang ist typisch für die französische Elite. Kocher wuchs auf im konservativen Versailles, ihr Vater ehemals Finanzdirektor von CIT Alcatel, die Mutter Theologin. "Meine Eltern haben mir beigebracht, dass man etwas aus seinem Leben machen soll", erzählte die praktizierende Katholikin im Interview bescheiden. Den Rat hat sie befolgt, mehrfach. Sie war Pfadfinderin, Wettkampfschwimmerin, Musterschülerin, Ausnahmestudentin, besuchte die Kaderschmieden Normale Sup und Ecole des Mines, wo sie Physik studierte.

Madame CAC 40

Nach dem Studium wurde sie zunächst Ministerialberaterin, erst im Finanzministerium, dann beim sozialistischen Premierminister Lionel Jospin. Nach seiner Abwahl 2002 stieg Kocher beim Wasserversorger Suez ein, einem der Vorgängerunternehmen von Engie, das später mit Gaz de France (GDF) fusionierte. Quasi nebenbei bekam sie fünf Kinder, was einen eng getakteten Zeitplan erfordert. Morgens um fünf steht sie bereits auf, um vor dem Frühstück mit den Kindern bereits zwei Stunden zu arbeiten.

Ihr Sprung an die Engie-Spitze war ebenso außergewöhnlich. Vor ihr hatte in Frankreich noch nie eine Frau einen der Top-Konzerne des CAC 40 geleitet. Gleichwohl gilt es auch Grautöne in ihrer zweijährigen Zwischenbilanz als Engie-Chefin. Im Qualitätsranking des Wirtschaftsmagazins "Challenge" brachte es Kocher nur auf die hintersten Plätze des französischen Auswahlindex', wobei hier natürlich auch die schwierige Lage der Energiebranche hereinspielt.

Ist Innogy interessant

Als eine der mächtigsten Unternehmerinnen Europas muss sie auch Machtkämpfe aushalten - und gewinnen. Den Kampf gegen den früheren GDF-Chef Jean-François Cirelli etwa gewann sie. Bei den jüngsten Machtspielen lief es dagegen nicht ganz nach Wunsch. Kocher wollte eine echte "Présidente-Directrice-Générale", wollte sowohl den Vorstandsvorsitz als auch den Verwaltungsratsvorsitz auf sich vereinen. Aber die Regierung hat da nicht mitgespielt. Der französische Präsident Emmanuel Macron stellte ihr einen Aufpasser an die Seite: Jean-Pierre Clamadieu, zuvor beim belgischen Chemiekonzern Solvay, wurde Chef des Engie-Verwaltungsrates. Macron konnte das, weil dem Staat rund ein Viertel von Engie gehört.

Üblicherweise werden diese beiden Top-Unternehmenspositionen in Frankreich von ein und derselben Person besetzt, weshalb Kritiker nun bei Engie auch von "Sexismus" sprechen. Ein bisschen hängt es mit der Unternehmensgeschichte zusammen. Als Konzerngründer Gérard Mestrallet, der mehr als 30 Jahren in dem Unternehmen arbeitete, im Jahr 2016 die Konzernführung an Kocher weitergab, wollte der Franzose nicht ganz abtreten. Er behielt den Posten als Verwaltungsratsvorsitzender, der nun an Clamadieu ging.

Aber solche Misserfolge schüttelt Kocher ab. Sie bleibt voller Tatendrang. In diesem Jahr will sich der Konzern nach Zukäufen umschauen. Mehrfach wurde auch über einen Kauf des deutschen Energiekonzerns Innogy, der Ökostrom-Tochter von RWE. Da winkt Kocher aber - noch - ab. Eine Übernahme in dieser Größe sei nicht interessant. Passen würde es aber zum neuen Gesicht.

Engie

Atomkraftwerk

Engie ist einer der größten Stromproduzenten der Welt. Der Schwerpunkt liegt auf dem Gassektor, Engie ist aber auch im Atomgeschäft aktiv. Der Konzern betreibt unter anderem das wegen zahlreicher Pannen umstrittene belgische Atomkraftwerk Tihange.

bs