Investoren

Shelby Cullom Davis

Der Dividendenkönig Shelby Davis - der unbekannte Value-Investor

von Robert Minde

Stand: 01.12.2014, 16:50 Uhr

Wenn es darum geht, nachhaltig in günstig bewertete, dividendenstarke Aktien zu investieren, dürfte dem 1994 verstorbenen Shelby Cullom Davis wohl kaum jemand das Wasser reichen. Still und leise häufte er nach dem Zweiten Weltkrieg ein riesiges Vermögen an - und kaum jemand merkte es.

Denn erst als Davis im Jahr 1988 in der Forbes-Liste der 400 reichsten Amerikaner auftauchte, wurde er überhaupt wahrgenommen. 1909 geboren, fing Shelby Davis Senior erst im Alter von 38 Jahren an zu investieren. Mit 50.000 Dollar aus dem Vermögen seiner Frau.

Shelby Moore Davis

Shelby Moore Davis. | Bildquelle: Davis UWC Scholars

Bis zu seinem Tod 1994 kamen knapp 900 Millionen Dollar zusammen. Damit errechnet sich über 47 Jahre eine Rendite von rund 23 Prozent pro Jahr. Eine beeindruckende Bilanz. Auch sein Sohn, Shelby Moore Cullom Davis, ist ein bekannter Investor. Er gründete die Investmentfirma Davis Selected Advisors mit Sitz im Bundesstaat Arizona. Auch die Enkel Chris und Andrew sind in die Fußstapfen der Vorfahren getreten.

Die Macht des Zinseszinses

Um seine Strategie zu verstehen, hilft ein Blick auf den Menschen Shelby Cullom Davis. Der Mann, der von 1969 bis 1975 Botschafter der USA in der Schweiz war, galt als geizig und klassischer Pfennigfuchser. Denn stets war er davon besessen, sein Geld langfristig zu reinvestieren, anstatt es zu Konsumzwecken auszugeben. Er hasste Verschwendung, gerade wenn man für sein Geld eine sinnvolle Investitionschance hatte.

Davis' Enkel berichtet exemplarisch, wie er für einen Dollar einen Hot Dog kaufen wollte. Großvater Shelby belehrte ihn darüber, dass sich sein Dollar, wenn er ihn klug investieren würde, circa alle fünf Jahre verdoppelt. "Wenn du in 50 Jahren so alt bist wie ich, hast du 1.024 Dollar. Hast du wirklich so viel Hunger, einen Hot Dog für 1.000 Dollar zu essen?"

Das Beispiel macht deutlich: Davis verstand genau den zukünftigen Wert seines Geldes. Dieser zukünftige Wert aus einer sinnvollen Investition war für ihn wertvoller als der Gegenwartswert. Solche Zinseszins-Überlegungen ziehen sich wie ein roter Faden durch das Investorenleben des Shelby Davis.

Erste Schritte

Davis machte seinen Studienabschluss in Princeton 1930 und Columbia 1931, sowie seine Promotion in Genf 1934. Zunächst war er CBS-Korrespondent in Genf sowie als Aktienanalyst in der Firma seines Schwagers tätig. Danach wurde er Berater des republikanischen Politikers Thomas E. Dewey, der 1940 und 1944 Präsidentschaftskandidat war.

Mitten im Krieg, 1941, kaufte Davis für 33.000 Dollar einen Sitz an der New Yorker Börse, obwohl er eigentlich keinen direkten Bedarf hatte. Aber zu diesem Zeitpunkt war der Preis niedrig. 1929 waren für die Mitgliedschaft im exklusiven Börsenclub noch 625.000 Dollar bezahlt worden. Diese gab ihm das Recht, Aktien zu handeln und an der Mitgliederversammlung teilzunehmen. Der Preis für einen der 1.366 Börsensitze ist dabei auch heute noch ein Zeichen für die Attraktivität der Börse.

Beginn nach dem Krieg

1947 gründete er im Alter von 38 Jahren seine Investmentfirma Shelby Collum Davis & Company. Da er zuvor in der Versicherungsaufsicht tätig gewesen war, beschäftigte er sich beim Portfolioaufbau zuerst mit der Branche, die er am besten kannte. Nun begann sich auch sein bisher verwaister Börsensitz auszuzahlen.

Davis erkannte, dass Versicherungsaktien zu dieser Zeit meistens unter Buchwert gehandelt wurden. Gleichzeitig waren die Dividenden in der Branche üppig. Eine seiner Meinung nach attraktive Kombination, die er zum Vermögensaufbau nutzte. Dabei kaufte er auch auf Kredit, er hebelte also seine Investitionen. Bereits zu Beginn der 50er Jahre war er Millionär.

Fokus auf Versicherungsaktien

Versicherungsaktien, die er zuvor bei KGV-Bewertungen zwischen drei und vier gekauft hatte, wurden nun mit dem 15 bis 20-fachen ihrer Gewinne bewertet. Gleichzeitig stiegen die Gewinne der Unternehmen (und damit auch die Dividendenzahlungen). Davis nannte dies das "Davis Double Play".

Er konzentrierte sich bei seinen Investments auf gute Fundamentaldaten der Gesellschaften. So legte er Wert auf eine stabile Bilanz und stellte sicher, dass keine risikoreichen Papiere wie Junk Bonds enthalten waren. Zudem sprach er mit dem Management der Firmen. Mitte der 50er Jahre hielt er bis zu 32 verschiedene Versicherungsaktien, auch wenn er nie eine genaue Zahl bekannt gab.

Mitte der 60er Jahre reiste Versicherungsspezialist Davis dann nach Japan. Hier folgte ein ähnliches Spiel wie zuvor in Amerika. Er stellte fest, dass Versicherungsaktien dort ebenfalls deutlich unter Buchwert gehandelt wurden und engagierte sich unter anderem bei Tokio Marine & Fire, Sumitomo Marine & Fire sowie bei den US-Gesellschaften American Insurance Underwriters (die später in der AIG aufgingen) sowie American Family (der heutigen Aflac). All diese Gesellschaften hatten signifikante Geschäftsinteressen in Japan.

Später diversifizierte Davis dann auch in andere Value-Titel, aber seine größten Erfolge feierte er mit den Versicherungsaktien.

Warten auf den Schnäppchenpreis

Davis legte besonderen Wert darauf, seine Erträge zu reinvestieren und dadurch den Zinseszinseffekt auszunutzen. Aktien, die wie die unterbewerteten Versicherungsaktien attraktive Dividenden zahlten, nannte er Zinseszins-Maschinen (Compounding Engines). Sofern die Preise günstig waren, also primär in Abschwungphasen an der Börse, kaufte er solche Titel auch auf Kredit. Sah er solche Investitionsmöglichkeiten nicht, betrachtete er die Rückzahlung von Kreditlinien übrigens als die Beste aller Investitionsmöglichkeiten. Bärenmärkte waren für Davis daher eine gute Gelegenheit, billig einzukaufen.

»Bärenmärkte machen die Leute reich, auch wenn sie es im Moment nicht erkennen,«

so das Credo des Investors. Denn die Marktteilnehmer projizierten ihre negativen Erfahrungen zu lange in die Zukunft. Am schwarzen Montag 1987 verlor Davis 125 Millionen Dollar. Angeblich freute er sich aber trotzdem, denn alles was er an diesem Tag kaufte, bekam er zum Schnäppchenpreis.

Das Beispiel des Value-Investors Davis zeigt aber nicht nur, wie wichtig das richtige Timing "gegen die Herde" ist. Es zeigt auch die Kraft zukünftiger Erträge, womitr Faktor Zeit eine ganz zentrale Bedeutung gewinnt. Wer seine Investments sorgsam auswählt, sie idealerweise im Bärenmarkt kauft und die Zeit hat, auf das Reifen der Früchte zu warten, der kommt der Strategie des "Geizkragens" Shelby Davis wohl ziemlich nahe. Warren Buffett denkt ähnlich, wie seine Investments zeigen.

Bis heute bietet die langfristige Aktienanlage über alle Börsenzyklen hinweg eine aussichtsreiche Form des Investments, und sei es auch nur zur Ergänzung. Dies gilt gerade für Zwecke der Altersversorgung. In den angelsächsischen Ländern sind die Dividendenpapiere neben den Immobilien bis heute eine tragende und unverzichtbare Säule. Geht es übrigens nach Shelby Davis, ist es um so besser, je früher man damit anfängt. Gleichzeitig, so räumte er ein, ist es aber auch nie zu spät. Denn er selbst startete ja auch erst mit 38 Jahren.

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Die Versicherungsaktien des Shelby Davis Von AIG bis Torchmark

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