Porträt

James Chanos

König des Short Selling James Chanos, der Katastrophen-Profiteur

von von Julian Herbst

Stand: 01.09.2014, 11:17 Uhr

Wo es Verlierer gibt, da gibt es meistens auch Gewinner. Wenn die Weltwirtschaft den Bach runter geht, dann geht es bei James Chanos steil bergauf. Der Sohn griechischer Einwanderer war der große Profiteur der Finanzkrise.

Kynikos Associates, der bereits 1985 gegründete Hedgefonds von James Chanos, galt zu Zeiten der Finanzkrise als weltgrößter Short-Seller. Während seine Kollegen teilweise deftige Verluste zu verbuchen hatten, brachten Chanos seine Leerverkäufe in 2008 eine Rendite von rund 50 Prozent. In Krisenzeiten zu profitieren hat einen weiteren für ihn angenehmen Nebeneffekt. Reihenweise wurden vormals teure Kunstobjekte und Luxusimmobilien zu Ramschpreisen angeboten und Chanos konnte beherzt zugreifen, denn finanziell ging es im so gut wie selten zuvor.

Derivate-Händler oder Taxi-Fahrer

Taxi und Polizist, der den Verkehr regelt, auf der  Lexington Avenue, New York

"The next stop is driving a cab". | Bildquelle: picture alliance / dpa

Dass er von Krisen profitiert, ficht ihn nicht an. Vorwürfe, er würde Krisen herbeiführen oder verstärken, lassen ihn kalt. Die Menschen bräuchten halt jemanden, dem sie ihre Verluste anlasten können. Auch mit seinen scheiternden Kollegen zeigte er nur begrenzt Mitleid: "Wenn sie nicht mit Derivaten handeln können, dann weiß ich nicht, was sie überhaupt können. Die nächste Station ist dann Taxi-Fahrer."

Chanos setzte von Anfang an auf Short-Selling. Seit 1980 ist er an der Wall Street im Investmentbereich tätig. Von den derzeit etwa sechs Milliarden verwalteten Dollarn stecken fünfeinhalb in Short-Positionen. Das ist im wahrsten Sinne ein "krisenfestes Geschäft". Auf fallende Kurse bei Hausbauern, dann bei Immobilienfonds und -finanzierern, anschließend bei Banken und konjunkturabhängigen Bauriesen setzen - bei weltweiten Wirtschaftskrisen kann man dabei nur gewinnen, wenn man rechtzeitig seine Wetten abschließt. Am Ende müsse man nur noch auf fallende Kurse bei Luxus-Auktionshäusern wie Sotheby`s setzen, deren Kurs von 60 auf 8 Dollar abrauschte.

Sotheby's in New York. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

In Krisenzeiten ist das ein einträgliches und relativ einfaches Geschäft. In wirtschaftlich weniger turbulenten Zeiten hingegen harte Arbeit. Chanos sucht nach überbewerteten Firmen, auf deren Aktienabsturz er wetten kann. Dafür ist zunächst Recherchearbeit nötig: Wurde vielleicht bei den Büchern getrickst? Sind die Zukunftsaussichten schlechter als dargestellt? Hat da ein Top-Manager Leichen im Keller? Sind die kurstreibenden Fusionspläne eigentlich schon gescheitert?

Der Heilige Krieg

Black Monday 1987, New York

Black Monday 1987, New York. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Als er 1982 für seinen Arbeitgeber Gilford Securities den damaligen Wall-Street-Darling Baldwin United durchleuchtete, stieß er auf einige Ungereimtheiten. Zusammen mit Forbes-Journalist Dick Stern recherchierte er weiter. Wenige Monate nach Veröffentlichung der Story ging der Versicherungskonzern Baldwin pleite - damals eine der größten Pleiten der Geschichte. Chanos hatte sich einen Namen gemacht und bekam einen Job bei der Deutschen Bank in New York. Hier führte er ab 1984 seinen nächsten "Jihad", wie er sagt, diesmal gegen Drexel Burnham. Diesmal hatte er zunächst das Nachsehen, denn die Deutsche Bank setzte ihn 1985 vor die Tür, als im "Wall Street Journal" ein Bericht erschienen war, der ihm und anderen Short-Sellern miese Tricks vorwarf.

Ein Mann verlässt die Enron-Zentrale in Houston, Texas

Enron-Zentrale in Houston, Texas. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Als Drexel Burnham 1990 Konkurs anmeldete, war die von Chanos gegründete Kynikos durch den Crash 1987 bereits 600 Millionen Dollar schwer. Mit seinem früheren Chef zusammen hatte er sich zwei Jahre zuvor selbstständig gemacht, mit 16 Millionen. Sein Meisterstück lieferte Chanos aber mit Enron ab. Seine Rechercheergebnisse teilte er mit Journalistin Bethany McLean, damals bei "Fortune", die die Geschichte dann ins Rollen brachte. Mit einer Oscar-nominierten Dokumentation und lukrativen Buch-Deals war ihr Lohn nicht schlecht. Kein Wunder, dass Chanos noch heute gut mit ehemaligen und aktiven Journalisten zusammenarbeitet. Die einen recherchieren für ihn, die anderen verbreiten seine Sicht der Dinge.

Bad News are Good News

Chanos hat in 35 Jahren an der Wall Street gute Verbindungen zu einigen Journalisten aufgebaut. Denn erst wenn die echten oder vermeintlichen Schwächen der ausgewählten "Opfer"-Firmen bekannt werden, kommen die Kurse ins Rutschen und Chanos an sein Geld. Dementsprechend nutzt er seinen Email-Verteiler häufig, um Informationen mit ausgewählten Medienvertretern und anderen Hedgefonds-Managern zu teilen.

Montage: boerse.ARD.de

Internetblase 2000.

Der berühmt-berüchtigte Email-Verteiler von Chanos wird aber auch über manch persönliche Fehde informiert. Nachdem sein Nachbar, Managing Director bei Goldman Sachs, die Hecken zwischen den beiden Grundstücken per Bulldozer plätten ließ, leerte der erboste Chanos seine Depots bei Goldman, überwies die drei Milliarden an ein anderes Geldhaus und ließ das seine Email-Empfänger wissen, die die Geschichte dann breit streuten.

Bulle und Bär vor der Deutschen Börse in Frankfurt

Bulle und Bär vor der Deutschen Börse in Frankfurt. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Dass Chanos in Krisenzeiten profitiert, bringt ihm keine Sympathien, aber er sieht sich selbst mehr als Finanz-Wachhund, als einer der wenigen "checks and balances" im Markt, und lediglich als Überbringer schlechter Nachrichten. Bleiben diese an der Wall Street aus, kommen diese aus seiner eigenen Firma. In Boomphasen macht er nicht selten riesige Verluste. In den Boomjahren von Anfang bis Mitte der Neunziger schrumpfte sein verwaltetes Vermögen um 75 Prozent auf 150 Millionen. Im vergangenen Jahr machte er im zweiten Jahr in Folge Verluste, 13 Prozent. So gesehen bleibt für die Weltwirtschaft zu hoffen, dass er öfter schlechte Nachrichten aus dem eigenen Haus zu verkünden hat.