Porträt

Guy Wyser-Pratte

Eine ganz besondere "Heuschrecke" Guy Wyser-Pratte: Der Raider aus Vichy

von Lothar Gries

Stand: 28.06.2016, 07:12 Uhr

Guy Wyser-Pratte ist das, was man in Deutschland eine "Heuschrecke" nennt. Er kauft Anteile von Firmen, die er für unterbewertet hält, um sie nach erzwungenem Umbau mit viel Gewinn weiterzuverkaufen. Seine bevorzugten Ziele sitzen übrigens in Deutschland und Frankreich.

Dass sich der heute 76-jährige Reserveoffizier der U.S. Marines ausgerechnet Ziele in Deutschland und Frankreich aussucht, hat verschiedene Gründe. Nirgends sonst auf der Welt gibt es nach Ansicht von Wyser-Pratte derart viele "versteckte" Perlen, also Unternehmen, die unterbewertet sind und schlecht geführt werden, sich nach einem "Umbau" aber als Gewinnbringer entpuppen.

Bei seiner Suche nach möglichen Zielen orientiert sich Wyser-Pratte nach eigenen Aussagen "an der Gefechtstaktik der Marines". Dazu gehöre das Element der Überraschung, Kräfte richtig zu verteilen, Koalitionen einzugehen und Waffen kombiniert einzusetzen. Dem "Spiegel" gestand er: "Wir suchen den Markt ab nach unterbewerteten Firmen. Ergibt sich eine Möglichkeit, bauen wir eine Beteiligung im Stillen auf. Erst bei einem Anteil von, sagen wir fünf Prozent, klopfen wir an die Tür und erklären dem Management, was sich ändern muss, um den Wert zu steigern."

Mehrheiten organisieren

Sollten sich die Chefs wehren - was in der Regel der Fall ist - erhöht Wyser-Pratte rasch den Druck, auf der Hauptversammlung, aber auch über die Presse. Sein Ziel ist es, eine Mehrheit gegen den Vorstand zu organisieren, um ihn aus dem Amt zu drängen. "Wenn das immer noch nicht reicht, kaufen wir weitere Aktien. Spätestens dann erkennen die Vorstände die Zeichen der Zeit", so der Investor.

Als bestes Beispiel dieser Strategie verweist er dabei auf den Maschinen- und Roboterbauer Kuka. 2003 war der Investor klammheimlich in die Vorgängerfirma IWKA eingestiegen. Nach einer Weile machte er seine Eroberung öffentlich und zwang das IWKA-Management, die Verpackungssparte zu verkaufen und sich auf die in Augsburg sitzenden Konzernbereiche Robotik und Automatisierung zu konzentrieren, um das Unternehmen aus den roten Zahlen zu holen und damit den Börsenkurs zu steigern.

Erfolg bei Kuka

Tatsächlich mussten in der Folge mehrere Vorstände und Aufsichtsräte unter seinem Druck gehen. Doch am Ende einer mehrjährigen Auseinandersetzung war Wyser-Pratte am Ziel: Heute ist Kuka ein erfolgreicher und gewinnbringender Hersteller von Industrierobotern. Die Aktie hat sich seit seinem Einstieg mehr als vervierfacht.

Kein Wunder, dass sich Wyser-Pratte nach und nach aus Kuka zurückzieht. Zuletzt vermeldete er Anfang Oktober den Verkauf von 25.000 Kuka-Aktien für rund 1,1 Millionen Euro. Schon im Mai 2013 war seine Beteligung von einst 9,9 Prozent unter die meldepflichtige Schwelle von drei Prozent gerutscht. Der US-Investor bleibt aber Aufsichtsrat bei Kuka.

Auch Flops gehören dazu

Allerdings erwiesen sich längst nicht alle seine Beteiligungen als erfolgreich. Eine blutige Nase holte sich Wyser-Pratte bei dem Handyausrüster Balda. Dort war er im März 2007 bei einem Kurs von rund 7,00 Euro eingestiegen und hielt fünf Prozent der Aktien. Ein Jahr später stieg er wieder aus - bei einem Kurs von nur noch 2,37 Euro. Auch seine Engagements bei Babcock Borsig oder dem Pflegeheimbetreiber Curanum erweisen sich als Verlustbringer.

Dass sich Wyser-Pratte auf Ziele in Deutschland und Frankreich konzentriert, erklärt der Zwei-Meter-Mann auch mit seiner Herkunft.

Europäische Wurzeln

Guy Wyser-Pratte wurde 1940 als Sohn eines Ungarn und einer Österreicherin im französischen Kurstädtchen Vichy geboren, wohin seine Eltern vor den Nationalsozialisten geflohen waren. Seine Mutter stammte aus einer Grazer Familie, die nach dem Ersten Weltkrieg nach Frankreich ausgewandert war.

1947 ging die Familie nach New York, wo der Vater die bereits 1929 in Paris gegründete Firma Wyser-Pratte & Co. neu eröffnete. Mit 22 Jahren schloss sich der 1953 eingebürgerte Guy dem U.S. Marine Corps an, wo er vier Jahre diente und im Rang eines Captains ausschied. Dabei meldete er sich freiwillig für den Vietnamkrieg, wurde aber nie an der Front eingesetzt.

Nach seiner Zeit bei den Marines fing er bei Bache Securities (heute Prudential) an, das 1967 die Wyser-Pratte & Co. gekauft hatte. Zunächst arbeitete er als Portfolio-Manager, später leitete er die Arbitrage-Abteilung. 1991 dann machte sich Wyser-Pratte selbstständig, indem er das Unternehmen seines Vaters ein drittes Mal gründete.

"Sozialistischer Schwachsinn"

Inzwischen lässt es Wyser-Pratte deutlich ruhiger angehen. Zuletzt macht er vor allem in Frankreich Schlagzeilen mit seinen Beteiligungen bei dem Anzeigenkonzern Pages Jaunes. Dass er in Deutschland als "Heuschrecke" und in Frankreich als "Schreckgespenst" dargestellt wird, stört ihn nicht. Im Gegenteil.

Ihn als "Heuschrecke" zu bezeichnen, sei "sozialistischer Schwachsinn". Im Übrigen könnten sich die Deutschen und Franzosen glücklich schätzen, dass ausländische Investoren frischen Wind in ihren Kapitalmarkt brächten. "Hätten sie die Börse in den letzten Jahren allein einheimischen Anlegern überlassen, wären vor allem deutsche Aktien heute nur halb so viel wert", so seine Überzeugung.

Tja, da ist was dran.

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