Interview

Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW)

Marc Tüngler, DSW "Investmentclubs sind toll"

Stand: 30.03.2016, 17:00 Uhr

Das Sterben der Aktienclubs ist im vollen Gange. Aktionärsschützer Marc Tüngler von der DSW erklärt die Gründe. Und er springt in die Bresche für die Gründung eines Investmentclubs - vielleicht darfs erstmal ein virtueller Club sein?

boerse.ARD.deAktienclubs haben es schwer in Deutschland. Verurteilen die scharfen Regulierungen der BaFin immer mehr Clubs zum Tod? 

Marc Tüngler: Die regulatorischen Bedingungen sind hoch, das stimmt. Aber die Regularien sind durchaus zu schaffen. Sie gelten ohnehin nur für die wirklich großen Clubs, deren Einlagegelder über 500.000 Euro liegen und mit mehr als 50 Mitgliedern, die Mehrheit liegt darunter. Und die kleinen Clubs sind da recht frei. Am Clubsterben haben die Banken meines Erachtens einen größeren Anteil.

boerse.ARD.deInwiefern?

Tüngler: Viele Banken akzeptieren keine Clubs mehr als Kunden. Vor zehn/fünfzehn Jahren gab es eine regelrechte Kündigungswelle, mehrere tausend Investmentclubs wurden von ihrer Bank vor die Tür gesetzt. Die DAB Bank, Consors und die damalige Citibank gehörten zu den großen Rausschmeißern. Das hat viele Clubs damals zum Aufgeben gezwungen.

boerse.ARD.deWarum mögen die Banken keine Clubs?

Tüngler: Es lohnt sich angeblich für die Banken nicht. Der Verwaltungsaufwand sei recht hoch. Beispielsweise muss jedes Mitglied des Investmentclubs Depotinhaber sein. Dazu kamen damals Probleme mit der US-Quellensteuer. Glücklicherweise gibt es aber auch Banken wie S Broker. Der Online-Broker der Sparkassen hält Investmentclubs für eine gute Idee und akzeptiert sie als Kunde. Warum die vielen anderen Banken das Potenzial nicht erkennen, können wir uns nicht erklären.

boerse.ARD.deTreibt Ihnen das Clubsterben Sorgenfalten auf die Stirn?

Tüngler: Nein, das macht uns nicht unruhig. Es gibt immer wieder Phasen des Auf und Abs. Es ist normal, dass viele Clubs kommen und auch wieder gehen. Nach der Finanzkrise etwa gab es einen sehr regen Zulauf. Mancher Anleger sagten sich, allein war ich als Anleger nicht wirklich erfolgreich, jetzt versuche ich es lieber in einem Aktienclub. Viele haben sich einen Club gesucht oder sogar einen neu gegründet. Allein nach der Finanzkrise sind so sicher über 1.000 Clubs neu entstanden und die Zahl stieg auf über 7.000 Clubs in Deutschland, was uns sehr glücklich gemacht hat. Inzwischen haben einige auch wieder aufgegeben - aber auch das ist vollkommen normal.

boerse.ARD.deWie viele Clubs sind es denn derzeit?

Tüngler: Eine harte Statistik darüber gibt es nicht. Aber wir bei der DSW sind der Dachverband der deutschen Clubs und damit Ansprechpartner, wenn sich Clubs gründen wollen, wenn es Probleme gibt und auch, wenn sie den Club wieder auflösen wollen. Ich schätze, die Zahl der Clubs in Deutschland liegt inzwischen bei rund 6.000.

boerse.ARD.deDas Werk der bösen Banken?

Tüngler: Nein, das würde ich nun auch wieder nicht sagen. Der Hauptgrund für das Auflösen eines Clubs ist doch oftmals ganz einfach der, dass das Clubleben einschläft, da am Ende nur noch zwei oder drei Leute die ganze Arbeit machen. Passivität der Clubmitglieder bedeutet meist das Ende. Oder es macht einfach keinen Spaß mehr, weil es zum Beispiel atmosphärisch nicht mehr klappt und die Interessen auseinandergehen. Aber wir sollten uns gar nicht so sehr mit dem Sterben der Clubs beschäftigen, sondern lieber mit der Gründung.

boerse.ARD.deDas klingt, als liege Ihnen das am Herzen.

Tüngler: Ja, absolut. Investmentclubs sind eine tolle Einrichtung. Sie erleichtern Privatanlegern den Einstieg in die Finanzwelt. Man kann sich austauschen und debattieren, man lernt aus den Fehlern der andern – wie schnell ist man verliebt in eine Aktie oder seine eigene Entscheidung?! Da sind die anderen Clubmitglieder ein gutes Korrektiv. Und das Gute an Investmentclubs ist auch: Anleger müssen nicht einmal vermögend sein, um breit und mit großem Geld zu investieren. Man kreiert seinen eigenen Fonds.

boerse.ARD.deWenn man einen Club gründen möchte: Was ist Ihr wichtigster Rat?

Tüngler: Mein wichtigster Rat ist: Bevor Ihr einen Club gründet, trefft Euch doch erstmal nur zum Kennenlernen und Austauschen. Wichtig ist auch, die Regeln, die innere Verfassung festzulegen. Hier helfen wir gerne. Stellt fest: Ticken die Clubmitglieder - als Anleger - alle gleich? Der eine ist spekulativ veranlagt, der andere höchst konservativ. Da sind Konflikte programmiert. In der Anfangszeit vielleicht noch nicht, da ist noch Honeymoon-Zeit und alles in Ordnung. Das ist wie in jeder anderen Beziehung auch. Aber später kann es leichter Streit geben, vor allem, wenn auch mal Verluste eintreten. Wichtig ist, dass man von Anfang an eine gewisse Diskussionskultur pflegt oder entwickelt. Sonst kann sich ein unangenehmer Unterton einschleichen und der Aktienclub macht dann keinen wirklichen Spaß mehr. Das allerdings kommt zum Glück doch eher selten vor. Im Zentrum steht das gemeinsame Anlegen und das gemeinsame Lernen.

Das Interview führte Bettina Seidl.