Bundesbank-Präsident Jens Weidmann
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Bundesbank-Chef Jens Weidmann "Habe die Frankfurter Bankentürme immer im Blick"

Stand: 02.08.2017, 08:53 Uhr

Jens Weidmann ist der jüngste Bundesbank-Präsident aller Zeiten. Im Interview mit hr-iNFO sagt er, warum er vom Schulden machen nichts hält, wann die Zinswende kommen könnte und was er beim Blick aus seinem Bürofenster sieht.

Gibt es steigende Zinsen in diesem oder im nächsten Jahr? Die Konjunkturentwicklung ist positiv, sagt Weidmann im Interview mit hr-iNFO: „Wir haben im Euroraum 16 Quartale in Folge positive Wachstumsraten. Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Beschäftigung steigt. Das ist ein konjunkturell sehr günstiges Umfeld.“ Nur die Preise müssten noch steigen, erklärt Weidmann. „Aber die Voraussetzungen für die Diskussion einer geldpolitischen Normalisierung, die sind im Prinzip angelegt.“

Was sagt er dazu, dass die Sparer derzeit keine Zinsen mehr für ihr Geld bekommen, die EZB eine Mitschuld an der Enteignung der Menschen trägt? „Wir sind ja nicht nur Sparer, wir haben ja auch andere Hüte auf. Wenn Sie derzeit einen Kredit aufnehmen, profitieren Sie von außergewöhnlich günstigen Zinsen.“ Und auch die Finanzminister erfreuen sich – so der Bundesbankchef – an niedrigeren Finanzierungskosten für die Staatsschulden. Eine Chance, die wohl viele Länder ungenutzt lassen, lässt Weidmann durchblicken. „Wir hätten uns gewünscht, dass gerade die Länder mit den hohen Schulden diese Zinsersparnis zur Konsolidierung genutzt hätten.“

Bundesbankdirektor Jens Weidmann (r.) und hr-iNFO-Redakteur Alexander Schmitt

Bundesbankdirektor Jens Weidmann (r.) und hr-iNFO-Redakteur Alexander Schmitt. | Bildquelle: hr-iNFO

Übertreibt es Deutschland nicht mit dem Sparen? Muss nicht mehr in die Zukunft investiert werden? Weidmann warnt - Investitionen seien ein zweischneidiges Schwert: „Ich bin mir nicht sicher, ob man etwas für die kommenden Generationen tut, indem man Schulden anhäuft. Schulden sind nichts anderes als eine Verpflichtung der kommenden Generation, diese Schulden auch irgendwann wieder zurückzuzahlen.“ Gerade im Hinblick auf die Belastungen durch die alternde Gesellschaft sollte man nicht jetzt schon jeden haushaltspolitischen Spielraum ausschöpfen.

„Schwabe im Geiste“

Fast mantraartig wiederholt Weidmann im Interview, wie wichtig es ist, den Staatshaushalt in Ordnung zu halten. Dass er sich selbst als Schwabe im Geiste bezeichnet, hängt vielleicht ein wenig damit zusammen, dass der heute 49-Jährige in Backnang in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen ist, vor allem aber damit, dass er als Chef der Bundesbank absoluten Wert auf solides Wirtschaften legt: „Vielleicht habe ich das ja mitgenommen aus der Zeit damals“, und äußert die Hoffnung, dass die schwäbischen Tugenden sich auch in Europa immer mehr etablieren.

Gerade feiert die Bundesbank das 60. Jahr ihrer Gründung 1957. Wenige Jahre später wurde die Bundesbank-Zentrale in der Wilhelm-Epstein-Straße bezogen. Auch das markante Hochhaus - ein ‚Hort der Stabilität‘.  Weidmann vermutet im Interview, „dass auch viele Deutsche dieses Gebäude damit verbinden“. Das Hauptgebäude ist im Stile des Brutalismus gebaut. Nicht falsch verstehen, sagt der architekturinteressierte Chef. Das habe nichts mit Brutalität zu tun, sondern mit den grauen Sichtbetonwänden, genannt Béton Brut.

Gebäude der Deutschen Bundesbank in Frankfurt

Gebäude der Deutschen Bundesbank in Frankfurt. | Bildquelle: Deutsche Bundesbank

Jens Weidmann mag seinen Arbeitsplatz in der Bundesbank auch wegen der Aussicht. Wenn er aus dem Fenster sieht, blickt er auf die Frankfurter Bankentürme: „Das ist nicht schlecht, wenn man als Aufseher die Banken immer im Blick hat.“ Im Innern viel kühler Chic, schwarze Sofas und Glastische. Ob denn die Einrichtung auch zu Weidmanns Temperament passt? Weidmann gesteht: „Die sachliche, nüchterne Ausstattung passt durchaus“. Der Bundesbankchef ist ein kunstsinniger Mensch, der bei Museumsbesuchen gut abschalten kann. Aus der großen Kunstsammlung der Bundesbank schätzt er besonders „Die Sinnende“, ein Werk von Karl Hofer aus den 30er Jahren, das von den Nazis als entartete Kunst ausgestellt wurde.

Weidmann über Draghi: „Arbeiten gut zusammen“

Jens Weidmann ist ein zugewandter Typ. Das Image des harten Gegenspielers von Mario Draghi, dem italienischen EZB-Chef, als dessen Nachfolger er gehandelt wird, mag  nicht so recht zu dem offen und freundlich lächelnden Bundesbehörden-Chef passen: „Wir arbeiten gut zusammen“, kommentiert er. Bundeskanzlerin Angela Merkel kenne er aus der gemeinsamen Zusammenarbeit in Berlin, gibt er sich bescheiden, er hatte die Kanzlerin als Sherpa in der Eurokrise beraten. Und Jens Weidmann ist neugierig: Den deutschen Künstler Jonathan Meese würde er gerne mal treffen und selbst mit der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht sieht er zumindest „Punkte mit Überschneidungen“.

Dass sich Weidmann auch auf der Tribüne von Eintracht Frankfurt wohlfühlt, gehört zu den vielen Facetten, die er im Interview zeigt: “Die Eintracht ist der Verein, mit dem ich mich hier verwachsen fühle. Ich gehe gerne ins Stadion und fiebere mit, mit der Mannschaft und mit dem Publikum, das ist ein toller Ausgleich.“ Die Chancen in der kommenden Saison? Weidmann hofft, dass die Eintracht wieder im guten Mittelfeld landen wird. „Man muss ja auch die begrenzten Mittel der Eintracht sehen“, sagt der bekennende Fan.