Proteste gegen Trumps Politik
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Zeitenwende Hat die Globalisierung ausgedient?

von Claudia Wehrle (Frankfurt), Arthur Landwehr (Washington) und Steffen Wurzel (Shanghai)

Stand: 21.12.2018, 13:15 Uhr

US-Präsident Trump will die weltweiten Handelsbeziehungen nach seinen Vorstellungen umkrempeln. Inzwischen bekommen viele Unternehmen die negativen Folgen von Handelsstreitigkeiten und Sanktionen zu spüren. Ein Ende ist nicht in Sicht. Hat die Globalisierung „ausgedient“?

Um es gleich vorweg zu sagen: Noch läuft es bei uns wirtschaftlich gesehen richtig rund: Viele Menschen haben einen Job. Die meisten Unternehmen können sich über mangelnde Aufträge nicht beklagen. Das geht sogar so weit, dass Firmen Probleme haben, ihre Bestellungen abzuarbeiten – schlicht und einfach deshalb, weil ihnen dazu die nötigen Fachkräfte fehlen.

Und dennoch: Viele Menschen haben ein ungutes Gefühl, wenn sie an die Zukunft denken. Die EU-Kommission, aber auch viele führende Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Konjunkturprognosen für 2019 bereits nach unten korrigiert. Auch die Bundesregierung ist nicht mehr so optimistisch, was das künftige Wirtschaftswachstum hier in Deutschland betrifft.

Und das geht auch vielen Finanzmarktprofis an der Börse so. Aktienhändler Stefan Scharffetter muss tief durchatmen:

„Wenn man so das ganze Bild zusammensetzt, dann kann man so ein bisschen die Hoffnung verlieren, wie das Ganze hier weiter gehen soll. Man weiß nicht, wo kommt jetzt die Aufbruchstimmung her? Man hat ja so ein bisschen auf die Franzosen geschielt, auf Macron, aber da geht´s ja momentan auch mehr oder weniger drunter und drüber. Also da darf man auch nicht zu viel drauf setzen. Ich bin schon mal optimistischer in das neue Jahr gestartet, um es mal so zu sahen.“

Auch Fondsmanager Hendrik Leber vom Vermögensverwalter Acatis findet deutliche Worte:

„Die Sorgen sind extrem berechtigt. Wenn ich mir die Spieler anschaue, die auf diesem politischen Parkett agieren, die sind hochgradig leichtsinnig, teilweise dumm, fahrlässig und die können ein heilloses Chaos anrichten. Und die Börse hat eben Sorge davor.“

Gobale Wertschöpfungsketten

Wie erst ist die Lage? Gibt es Anzeichen dafür, dass das, was in den vergangenen Jahrzehnten die Wirtschaft beflügelt hat, was Unternehmen satte Gewinne beschert und den Wohlstand gemehrt hat – geht das alles zu Ende? Müssen wir damit rechnen, dass internationale Warenströme und globale Wertschöpfungsketten unterbrochen werden? Hat die Globalisierung – zumindest so, wie wir sie bislang gekannt haben, „ausgedient“? Rolf Langhammer, der Handelsexperten beim Kieler Institut für Weltwirtschaft, hat mit solchen Veränderungsprozessen gerechnet.

„Wir hatten 10 Jahre nach der Krise wenn man so will einen noch nie in dieser Länge erlebten Aufschwung, von 2008 bis 2018. In vielen Ländern, auch in der Bundesrepublik, ist man da in die Vollauslastung der Kapazitäten gekommen. Und von daher war es zu erwarten, dass das Tempo sich verlangsamen würde. Dann hat sich doch im Lauf des Jahres 2018 deutlicher herausgeschält, dass die Zinspolitik in den USA restriktiver würde. Die kurzfristigen Zinsen sind v.a. stark gestiegen. Das hat natürlich auch den Schwellenländern Probleme bereitet, denn sie sind hoch in Dollars verschuldet. Und ein Zinsanstieg und dann noch ein stärkerer Dollar macht ihnen natürlich bei der Bedienung der Schulden erhebliche Probleme. Aber der wesentliche Knackpunkt dafür, dass die Prognosen jetzt zurückgenommen worden sind, das sind die handelspolitischen Konflikte, die alle von den USA angestrengt worden sind. Die betreffen die EU. Die betreffen China. Die betreffen die ganze Weltwirtschaft. Das schafft enorme Unsicherheit.“


„Amerika First“

Proteste gegen Trumps Politik

Proteste gegen Trumps Politik. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Donald Trumps Wahlkampf 2016, der ihm am Ende zum Präsidenten machte, baute auf drei zentrale Säulen: Da war und ist die Mauer zu Mexiko, die eigentlich illegale Einwanderung aus dem Süden verhindern sollte. Die aber gleichzeitig sinnbildlich für die Abschottung des Landes steht. Für ein Amerika, das seine Grenzen bewusster wahrnimmt und dem Blick nach innen richtet. Dann hieß einer der entscheidenden Slogans „Make Amerika Great Again“. Rückbesinnung auf die tradierten Werte des Landes, seine Geschichte als stärkte Nation und stärkste Wirtschaft der Welt. Unangreifbar. Und schließlich „Amerika First“, das Versprechen, das politische Denken wieder auf das eigene Land zu fokussieren. Verträge so zu schließen, dass sie den USA dienen und nicht, wie Trump das formulieren würde, die Welt zu Lasten der USA versorgt.

Wer schottet mehr ab?

Bauunternehmer war Donald Trump immer international unterwegs. Die Regeln nach denen der globale Austausch von Waren und Dienstleistungen funktionieren, benachteiligen aber die USA. So seine politische Haltung. Drei Regionen haben es ihm dabei besonders angetan, zu denen er die Beziehungen des Landes auf eine neue Basis stellen will: China und Europa, denen er beiden vorwirft, sich selbst mit Hilfe von Zöllen gegen amerikanische Waren abzuschotten und ihre Produkte auf den amerikanischen Markt zu werfen. Damit US Unternehmen das Wasser sowohl auf dem heimischen Markt als auch beim Export abzugraben. Für Trump ist klar:

„Die EU ist wahrscheinlich genauso schlimm wie China. Nur kleiner. Es ist schrecklich, was die uns antun. Schauen Sie sich die Autosituation an. Die schicken ihre Mercedes hierher, aber wir können unsere Autos nicht dorthin schicken.“

Schließlich ist da der Freihandelsvertrag NAFTA zwischen den USA, Kanada und Mexiko. Ausgehandelt noch unter Präsident George Herbert Walker Bush, unterschrieben von Bill Clinton. Dieser Vertrag hatte es Trump vom Amtsantritt an besonders angetan. Den werde er kündigen sagte er, und tat es auch sofort:

„Ich habe lange gesagt, dass es der schlechteste Handelsvertrag ist, der je geschlossen wurde. Seit der Unterschrift haben die USA 2 Billionen Dollar verloren.“

NAFTA 2

Donald Trump for President-Plakat

Donald Trump for President-Plakat. | Bildquelle: Imago

Inzwischen gibt es einen Nachfolgevertrag, USMCA, oder kurz NAFTA 2, unterschrieben am Rande des G20 Treffens in Argentinien. Weit über 90 Prozent, so heißt es, seien gleich geblieben. Aber die Änderungen haben es in sich. Autos z.B. müssen zu 75 Prozent in einem der drei Länder gebaut sein, damit sie zollfrei über die Grenze können. Vor allem Mexiko muss Löhne, soziale Standards und Umweltschutzregeln anheben. Das macht US amerikanische Unternehmen konkurrenzfähiger. Und vor allem öffnet Kanada seine Grenzen für Milch und andere landwirtschaftliche Produkte aus dem Süden.

„Unsere Milchbauern wurden von den kanadischen Aktivitäten gebeutelt“, sagt Landwirtschaftsstaatsekretär Ted McKinney. Kanada hatte seine Milchquoten niedrig gehalten, um die Preise für die eigenen Bauern hoch zu halten. Ähnlich gilt das für Fleisch. Entsprechend zufrieden Maria Zieba, die Sprecherin der Schweinezüchter in den USA.

Wir werden weiterhin nach Kanada und Mexico exportieren können, und gleichzeitig diese Märkte ausbauen.

VW-CEO Diess, Daimler-CEO Zetsche und BMW-CEO Krüger (v.l.)

VW-CEO Diess, Daimler-CEO Zetsche und BMW-CEO Krüger. | Bildquelle: picture alliance/Swen Pförtner/Britta Pedersen/Christian Stadler,BMW AG/dpa, Montage: boerse.ARD.de

Mit China gehen die Verhandlungen ebenso voran. Die Europäer suchen den Ausgleich. Ein Besuch der Chefs von VW, BMW und Daimler im Weißen Haus glich dem Gang nach Canossa. Man überbrachte Investitionsversprechen, um sich aus Donald Trumps Fokus zu befreien. Das könnte man aus amerikanischer Sicht als politischen Sieg und erfolgreiche Taktik des Präsidenten feiern. Genau das aber hält Dan Ikenson, Volkswirt am Cato Institut in Washington, für nicht angemessen. Dieser wirtschaftsliberal ausgerichtete Think Tank geht davon aus, dass hier Überzeugung am Werk ist.

„Er ist Wirtschaftsnationalist. Er sieht Handel als Nullsummenspiel. Beim Blick auf „America First“ bestätigt er die Ansicht, dass wenn wir mehr exportieren als importieren, Boden gegenüber dem Ausland gut machen. Und das ist absolut falsch.“

Ikenson hält die kurzfristigen Erfolge und Zugeständnisse der Handelspartner für langfristig gefährlich für die USA. Die Stärke der USA beruhe zu einem großen Teil auf der Stärke der anderen. Der Stärke der Welt. Im Grunde gehöre es zur Aufgabe der USA, mit einer international ausgerichteten Wirtschaftspolitik dafür zu sorgen, dass Menschen im Ausland  finanziell in der Lage sind, amerikanische Waren zu kaufen. Eine ausgeglichene Handelsbilanz sei kein Wert an sich. Trumps Methode, Partner zu verunsichern, sei gefährlich.

„Trump baut auf die Idee, dass Unsicherheit der amerikanischen Wirtschaft hilft. Aber das geht auf Kosten der Schaffung von Wohlstand und Wachstum.“

Erste Folgen sichtbar

Tatsächlich zeigen die Handelskriege bereits Folgen – in beide Richtungen. Die Stahlindustrie der USA verdient derzeit so gut wie lange nicht. Trumps Zölle haben billigere Konkurrenten aus dem Markt gedrängt. Gleichzeitig steigen die Preise für die Verbraucher. So wie es Ikenson für eine zentrale Folge hält, wenn der Markt ausgehebelt wird.

„Wir handeln, damit wir uns spezialisieren können. Wenn man Trumps Sicht des America First ins extreme zieht, dann wäre das der Versuch, autark zu leben. Kleider, Lebensmittel, Haus – alles selbst herzustellen. Das führt direkt in die Armut.“

Folgen aber sind auch auf der anderen Seite zu sehen, die Folgen von Chinas Gegenmaßnahmen. So sind z.B. die Preise für Soja, Getreide und Schweinefleisch zusammen gebrochen. Amerikanische Farmer können wegen der Strafzölle auf dem chinesischen Markt nicht mehr konkurrieren.

„Darüber reden alle. Alle sind beunruhigt. Sehr beunruhigt. Die Preise liegen jetzt unter den Produktionskosten.“

Eingespielten Produktionsketten werden zerstört

Die größte Sorge aber ist, dass während des Handelskrieges die eingespielten Produktionsketten und Handelswege zerstört werden. Sich neue Handelspartner finden und man nicht wieder auf den Markt zurück kommt. Der Agrarökonom Chad Hart.

„Jeder Handelskonflikt sorgt für eine Neuordnung der Handelswege. Meistens kehren diese Handelsströme niemals wieder in die gewohnten Bahnen zurück. Man wird feststellen, dass einige Marktteilnehmer schlichtweg rausgekegelt wurden. Und genau das geschieht hier.“

Gerade in den ländlichen Gebieten der USA war das zentrale Thema während des Wahlkampfs. Da wirkten noch politische Durchhalteparolen.

„Unser Präsident verteidigt Amerika. Und das sorgt für Störungen. Es ist nie einfach, gegen einen Tyrannen aufzustehen. Und China ist ein Tyrann.“

Säen statt Subventionen

Die Regierung will Entschädigungen zahlen, aber die Bauern wollen säen, ernten und verkaufen. Und das ist es auch, worauf Dan Ikenson vom wirtschaftsliberalen Cato Institut in Washington hinweist: Für die Unternehmen komme es vor allem auf eines an: Verlässlichkeit.

„Die Wirtschaft will Verlässlichkeit. Und der Präsident hat ein Klima geschaffen, bei dem man nicht mehr weiß, wie sicher die Lieferketten noch sind.“

Donald Trump kommt im Januar in die zweite Hälfte seiner ersten Amtszeit. Seine Erfolgsaussichten für eine eventuelle zweite hängen auch davon ab, ob seine Handelspolitik am Ende aufgeht. Ob die Jobmaschine weiter so läuft wie in den ersten 24 Monaten. Ob die Börse ihren Stand hält, denn davon hängt für viele Amerikaner ab, wie ihr Lebensabend als Rentner verläuft. Deutlich wird, dass er die Phase der Drohungen und Handelskriege zu Ende bringen will. Dass nun die Phase der Vertragsabschlüsse zu besseren Bedingungen beginnen soll. Je näher aber der Präsidentschaftswahlkampf rückt, desto mehr könnte er unter Druck geraten.


Der kleingehaltene Konflikt

Big Mac Menu McDonalds China

McDonalds China. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Ein Park im Zentrum der südchinesischen Küstenstadt Fuzhou. Fünf Herren mittleren Alters sitzen an einem Campingtisch, trinken Bier, rauchen und spielen Karten. Und: Sie diskutieren über internationale Politik. Deutschland, da sind sich die Männer einig, sei ein großartiges Land. Die USA ergänzt einer, seien zwar nicht ganz so toll, aber ...

„... die Amerikaner sind gute Leute! Die USA haben eine Menge für die Welt getan. Die Welt kommt ohne die USA nicht aus. Die Amerikaner haben in ihrer Geschichte viele Soldaten geopfert – und sie haben den Vereinten Nationen eine Menge Geld überwiesen.“

Vorzüge der Globalisierung

Die USA und China befinden sich zwar seit Monaten in einem Handelskrieg und überziehen sich gegenseitig mit Zöllen - von einer offen feindseligen Stimmung gegenüber den USA ist in China allerdings kaum etwas zu spüren. Weder hier im Park von Fuzhou, noch sonst wo im Land. Der Hauptgrund dafür: Chinas Staats- und Parteiführung versucht, den Konflikt öffentlich möglichst kleinzuhalten. Deswegen äußert sie sich seit Monaten nur sehr zurückhaltend zum ungeliebten Handels-Konflikt mit den Amerikanern. Nur selten sprechen ihn chinesische Spitzenpolitiker überhaupt an, stattdessen beschwören sie gebetsmühlenartig die Vorzüge der Globalisierung. Auch die vollständig staatlich gesteuerten Medien in China halten sich zurück. Kritik an der US-Politik ist zwar erlaubt. Doch das Wort „Handelskrieg“ ist für chinesische Journalisten tabu, ebenso wie allzu bissige Kommentare über Donald Trump. Stattdessen betonen Staatsmedien und Regierung vor allem die gemeinsamen Ziele beider Länder:

„China, die USA und Unternehmen in beiden Staaten sind sich einig in ihrem Wunsch nach dem Schutz des geistigen Eigentums, nach fairem Wettberwerb und einfachem Marktzugang. All das stimmt überein mit Chinas konsequenter Reform- und Öffnungspolitik.“

Die Hütte brennt

wegen des Handelskriegs brennt für China: Nach Außen will die Staatsführung Ruhe und Zuversicht ausstrahlen. Nach dem Spitzentreffen zwischen Staatschef Xi Jinping und US-Präsident Donald Trump in Buenos Aires Anfang Dezember zum Beispiel. Der Sprecher des chinesischen Handelsministeriums Gao Feng klang nach dem Treffen beinahe so, als sei der Wirtschaftskonflikt bereits ausgestanden. Dabei hatten beide Seiten am Rande des G20-Gipfels lediglich neue Verhandlungen vereinbart.

„China und die USA werden über die Haupt-Anliegen und -Bedenken beider Seiten sprechen - mit dem Ziel, die Sonderzölle wieder abzuschaffen. Die Gespräche finden statt nach den Prinzipien gegenseitiger Achtung, Fairness und unter Berücksichtigung der Anliegen der jeweils anderen Seite."

Motor der Globalisierung

Ein Drache mit der Aufschrift

China im Aufwind. | Bildquelle: (c) dpa / MAXPPP

restag der wirtschaftlichen Öffnung. 1978 ließ die kommunistische Staats- und Parteiführung unter Deng Xiaoping erstmals marktwirtschaftliche Elemente zu. Zunächst nur in einigen Sonderwirtschaftszonen, später dann im ganzen Land. Das beschert der bevölkerungsreichsten Nation der Welt seitdem beeindruckende Wachstumsraten. Hunderte Millionen Menschen wurden aus der durch die jahrzehntelange Politik der Staatsführung mitverursachten Armut befreit. Weite Teile des Volkes gelangten zu Wohlstand. China wurde zum Motor der Globalisierung: zur vielzitierten „Werkbank der Welt“, zur billigen Produktionsstätte für Konsumprodukte aller Art und gleichzeitig zum scheinbar unersättlichen Absatzmarkt für westliche Firmen. Von letzterem hat jahrzehntelang vor allem die auf Export ausgerichtete europäische Wirtschaft profitiert, allen voran deutsche Firmen. Doch seit einigen Jahren werden die Bedingungen für ausländische Firmen in China schwieriger.

Geely statt BMW, Oppo statt Apple und Anta statt Adidas

Das Land produziert vieles inzwischen selbst. Chinesische Unternehmen fertigen heute Produkte, die denen westlicher Firmen ebenbürtig sind und ein cooles Image haben. Das gilt von Autos über Smartphones bis zu Sportklamotten. Chinesen kaufen deswegen immer häufiger Geely statt BMW, Oppo statt Apple und Anta statt Adidas. Chinas Führung hat diese Entwicklung maßgeblich vorangetrieben, mit einer eigengtlich widersprüchlichen Mischung aus marktwirtschaftlicher Öffnung und systematischem Protektionismus. Auch, wenn Chinas Staats- und Parteiführung seit Jahren verspricht, das Land wirtschaftlich weiter zu öffnen: Unterm Strich will sie die Kontrolle behalten. Öffnung mit angezogener Handbremse sozusagen. Was sich zum Beispiel daran zeigt, dass Chinas riesige Staatskonzerne in den vergangenen Jahren noch mächtiger und einflussreicher geworden sind. Gift für den fairen internationalen Handel und die Globalisierung, sagen Kritiker wie Pascal Lamy.

Veraltetes WTO-System

Donald Trump und Xi Jinping

Donald Trump und Xi Jinping. | Bildquelle: Imago

Die vielen Subventionsmilliarden für Chinas Staatskonzerne stünden im Gegensatz zu fairem internationalen Wettbewerb, sagt der frühere Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO). Heute ist Lamy Gastprofessor an der Chinesisch-Europäischen Wirtschaftsuniversität (CEIBS) in Shanghai. Schuld an der mächtigen Rolle chinesischer Staatskonzerne sei aber nicht nur die Führung in Peking, sondern auch das bestehende, veraltete WTO-System. Um die Globalisierung nicht abzuwürgen, müsse das dringend reformiert werden, fordert Lamy.

„Die bisherigen WTO-Regeln lassen China zu viel Freiraum, seine Wirtschaft staatlich zu subventionieren. Es ist also nicht so, dass China gegen die WTO-Regeln verstößt. Vielmehr passen die Regeln nicht mehr zu Chinas Größe und Wirtschaftskraft.“

In der Zwickmühle

Was die WTO-Reform angeht, steckt Chinas Führung in einer Zwickmühle. Einerseits ist sie für die Reformen und hat das so auch beim G20-Gipfel in Buenos Aires mit formuliert. Andererseits sieht es bisher nicht danach aus, dass China echte Zugeständnisse machen und eigene Vorteile aufgeben will. Unter der festgefahrenen Situation leiden zunehmend auch deutsche Unternehmen. Sie geraten ins Kreuzfeuer des Handelskriegs zwischen China und den USA. Dass sorgt für weniger Planbarkeit und mehr Unsicherheiten. Der Vorstandschef des Darmstädter Chemiekonzerns Merck, Stefan Oschmann, versucht es in China deswegen mit chinesischer Philosophie. 

„In der heutigen Situation ist es so, dass man hier einen taoistischen Ansatz braucht: Der Weg ist das Ziel. Die Planung, die man heute abschließt für die nächsten fünf bis zehn Jahre, wird wohl nie so eintreten. Heute geht es um Flexibilität und Agilität. Man muss ein Ziel im Auge haben und muss sich auf dem Weg dorthin schnell anpassen können.“

Die Wurzel des Konfliktes

Die Wurzeln des derzeitigen Handelskonfliktes lägen in China, betont Mats Harborn, der Präsident der Europäischen Handelskammer, dem wichtigsten Lobbyverband europäischer Unternehmen in China. Inhaltlich gibt er damit US-Präsident Donald Trump recht, der die Sonderzölle vor allem mit Chinas unfairen Handelspraktiken begründet. Auch aus Europa kommen diese Vorwürfe seit Jahren. Doch im Gegensatz zu Trump setzt Europas Wirtschaft weiter auf Verhandeln und Diplomatie. Mats Harborn:

„Obwohl wir die Bedenken der US-Regierung teilen, glauben wir nicht, dass sich die Angelegenheit mit Zöllen lösen lässt.“

Alle sollen sich irgendwie bewegen

tgefahren. Dass China und die USA einen Kompromiss finden, bei dem sie einfach so weitermachen, wie vor Beginn des Handelskriegs, ist unwahrscheinlich. Der chinesische Ökonom Hu Xingdou von der Technischen Universität Peking fordert nicht nur von der US-Regierung Zugeständnisse. Auch die chinesische Staats- und Parteiführung müsse sich bewegen.

„Die Regierung sollte für gute und faire wirtschaftliche Bedingungen sorgen, unter denen staatseigene, private und auch ausländische Firmen gleich behandelt werden. Das Recht des Stärkeren muss durch Rechtsstaatlichkeit abgelöst werden.“

Auch der frühere WTO-Chef Pascal Lamy fordert China auf, seine Wirtschaft weiter zu öffnen und fair aufzustellen. Angekündigt habe China immer wieder viel, umgesetzt werde meist wenig.

„Once more: I think it is about walking the talk. So far we have had more talk than walk.“

Was der frühere Chef der Welthandelsorganisation (WTO) auch betont: Für die Globalisierung und den weltweiten Austausch wäre das Beste, wenn sich die Staatengemeinschaft auf neue Handelsregeln einigte.

„Ich lehne es zwar ab, wie Trump handelspolitisch agiert und andere Staaten mit Zöllen überzieht, die nicht WTO-konform sind. Dennoch muss man anerkennen, dass er eine Diskussion zur Reform der WTO angestoßen hat. Und das ist eine positive Entwicklung.“


Ein unerbittlicher Machtkampf

Ein Mann geht an einem Trump-Wahlplakat vorbei

Trump-Wahlplakat. | Bildquelle: Imago

Ja – die äußeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändern sich: Es gibt einen amerikanischen Präsidenten, der die Regeln, nach denen der globale Austausch von Waren und Dienstleistungen funktioniert, auf eine neue Grundlage stellen will. Unter der Prämisse: „America first“ und „“Make America Great Again“. Und es gibt eine chinesische Staats- und Parteiführung, die im Prinzip Gleiches vor hat: Nämlich: Beim weltweiten Austausch von Waren und Dienstleistungen ein deutlich größeres Stück vom Kuchen abzubekommen als das bislang der Fall ist. Es ist ein unerbittlicher Machtkampf, der sich zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt abspielt. Und die übrigen Player auf dem Weltmarkt werden früher oder später in das Gerangel mit hineingezogen. Rolf Langhammer, der Handelsexperte vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel, macht sich keine Illusionen über das, was da momentan passiert:

„Ich glaube, man wird nicht mehr zu dem zurückkehren können, was wir vor Präsident Trump hatten. Denn viele in der Welt, viele populistische Führer, viele Autokraten, denken sie an Präsident Bolzonaro jetzt in Brasilien, eifern ihm nach. Das heißt, er hat da unrühmliche Vorbilder gesetzt, in dem Sinne, dass das Denken in nationalen Kategorien wieder langsam durchgebrochen ist. Und das wird sich auch nicht mehr ändern, auch dann, wenn er nicht mehr Präsident ist. Er hat die Welthandelsarchitektur, speziell die auf dem GATT und der Welthandelsorganisation basierte – man könnte sagen, die hat er wirklich geschreddert. Und das wird unwiderruflich sein.“

Nur noch eine Frage der Zeit

Das macht es für viele Unternehmer hierzulande nicht gerade einfach! Martin Welker ist Maschinenbauer. Er hat eine eigene Firma, wo Werkzeugmaschinen hergestellt werden. Mit diesen Maschinen werden später unterschiedliche Produkte gefertigt – beispielsweise künstliche Knieimplantate. Die Handelsstreitigkeiten zwischen China und den USA, sagt Welker, seien bei ihm im Unternehmen zwar noch nicht unmittelbar zu spüren. Aber – so räumt er ein: Es dürfe nur eine Frage der Zeit sein, bis es so weit ist  .

„Wir kommen insgesamt immer mehr in politisches Fahrwasser. Das heißt, die normalen Konjunkturzyklen werden ausgehebelt durch politische Ereignisse, sei es Embargo, sei es Währungskrisen, sei es Handelsstreite mit Zoll und sonstigen Restriktionen. Das beschäftigt unsere Branche zunehmend.“

Da stellt sich schon die Frage: Hat die Globalisierung – zumindest in der Form, wie wir sie bislang gekannt haben, „ausgedient“?

„Nun, wir haben uns zunächst mal darauf verlassen, dass die Amerikaner die ordnungspolitische Rolle spielen, die der westlichen Welt zuarbeitet und diese Rolle nimmt Amerika zurzeit nicht wahr. Und plötzlich wird offenbar, dass die übrigen Länder, also insbesondere die der Europäischen Union nicht wirklich ein Programm oder eine klare Vorstellung haben, wie sie Ordnungspolitik in der Welt betreiben, wie sie sich in der UNO oder bei der WTO durchsetzen mit ihren Vorstellungen des Freihandels, mit ihren Vorstellungen der Wertegemeinschaft. All das hat eben früher Amerika für uns gemacht. Und die fallen jetzt aus.“

Für den Unternehmer Martin Welker ist das ein spätes, ein trauriges Erwachen

„Weil wir natürlich uns auch klar sein müssen, nicht nur dass uns jetzt jemand fehlt, der das sauber durchdekliniert hat, sondern vor allem fehlt sozusagen die zweite Hälfte der westlichen Welt. Und das ist schon ziemlich gravierend.“

Keine neue Entwicklung

Für die Volkswirtin Gabriele Widmann von der DekaBank ist das keine neue Entwicklung. Solche Veränderungsprozesse haben schon vor ein paar Jahren begonnen – also lange bevor Donald Trump die vielen Handelsstreitigkeiten vom Zaun gebrochen hat. Im Prinzip hat sich das schon während der Finanzkrise 2008/2009 abgezeichnet, sagt sie

„Seither haben wir wieder das Hochziehen von Handelsschranken, mehr Zölle, mehr sonstige Behinderungen von Welthandel. Die Menschen und auch die Regierungen haben Angst, dass die Globalisierung ihre Geschäftsmodelle zu sehr bedroht. Deshalb versucht man sich wieder mehr zu schützen. Die nächsten Jahre werden geprägt sein davon, dass Globalisierung/ Freihandel eher wieder eingedämmt wird. Das ist schade, weil das das globale Wachstum belastet. Wir werden dadurch nicht mehr die hohen Wachstumsraten haben. Aber es ist für die Menschen, für deren Sicherheitsbedürfnis im Augenblick wichtiger, dass man sich wieder mehr zurückziehen kann ins kuschelige nationale Nest. Aber es wird auch wieder eine Gegenbewegung geben.“

„Die Risiken sind erheblich“, meint auch Holger Schmieding. Er ist Chefvolkswirt bei der Berenberg-Bank:

„Aber auf die eine oder andere Art wird sich die Kraft der Globalisierung auf Dauer weiter entfalten. Der grenzüberschreitende Austausch von Informationen nimmt immer mehr zu. Auch wenn es im Handelsverkehr hier und da einige Hemmnisse gibt – wir sehen ja auch, dass an anderen Stellen durch neue Abkommen zwischen der EU und anderen Ländern es durchaus noch Fortschritte gibt. Nein – die Globalisierung hat viel Kraft.“

Globalisierung verändert sich

Mehr noch: Die Globalisierung hat nicht ausgedient! Sie wird sich nur verändern! Der Handel mit Gütern wird dabei in Zukunft wohl nicht mehr die globale Rolle spielen, wie das in der Vergangenheit der Fall gewesen ist. Handelsexperte Rolf Langhammer spricht von einer neuen Art der Globalisierung, die sich im Wesentlichen um zwei Aspekte ranken wird:

„Einmal die Digitalwirtschaft. Das heißt, viel Handel passiert dann über´s Internet. Und das können wir zurzeit nicht richtig messen. Und auf der anderen Seite wird es die Migration sein, die in Zukunft die Globalisierung bestimmt. Wir nennen das zirkuläre, temporäre, saisonale Migration. Also Menschen wandern, sind bereit zu wandern. Und das wird in Zukunft sicherlich noch bedeutender werden. Ich glaube sogar, dass es eine der Schlüssel-Elemente der Globalisierung in Zukunft sein wird.“

Welche Rolle dabei die USA, China und Europa spielen werden – das ist noch keine ausgemachte Sache!